Bonner Stadtdechant weist Forderungen nach Komplettumzug der Regierung zurück

"Herr Thierse irrt"

Von einem Komplettumzug der Regierung von Bonn nach Berlin hält der Bonner Stadtdechant überhaupt nichts. Mit scharfen Worten hat Monsignore Wilfried Schumacher im domradio.de-Interview die zuletzt von Bundestagsvizeprädident Thierse (SPD) erhobenen Forderungen zurückgewiesen: "Der Bundestagsvizepräsident langweilt." Vor genau 20 Jahren hatte der Bundestag den Bonn-Berlin-Beschluss auf den Weg gebracht.

 (DR)

"Der Umzug, die Zinsen des Umzugs würden mehr kosten als das, was da an Reisekosten entsteht", meinte Schuhmacher am Montag im domradio. Zuvor hatte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Aufteilung der Regierung auf zwei Städte als nicht vernünftig bezeichnet. Politik bedürfe der Kommunikation aller beteiligten Akteure. "Deshalb ist es sinnvoll, die Regierungsfunktionen in den nächsten Jahren Schritt für Schritt zusammenzuführen", so Thierse im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse" (Montagausgabe).



"Das Bonn-Berlin-Gesetz ist ein gutes Gesetz"

"Herr Thierse irrt", sagte dagegen der Stadtdechant. Der Komplettumzug werde laufend diskutiert. "Jeder, der mal wieder in die Schlagzeilen möchte, macht dann wieder diesen Vorschlag." Dennoch befürwortete Schumacher die Entscheidung vor 20 Jahren: "Das Bonn-Berlin-Gesetz ist ein gutes Gesetz." Die Region habe es geschafft sich in zwanzig Jahren neu aufzustellen. "Darauf können wir sehr stolz sein".



Er erinnerte, dass das rheinisch-katholische Bonn die Republik geprägt habe. "Und jetzt kann man sich mal ansehen, was daraus geworden ist, seitdem die Politik in einem preußisch-atheistischen Umfeld gemacht wird." Mit dem Verbleib eines Teiles der Regierungsmitarbeiter in Bonn könnten die Bonner "im guten Sinne die Politik mitgestalten". Die damalige Entscheidung beschrieb der Stadtdechant als "einen großen Schlag" und für viele Gemeinden ein Verlust. Viele engagierte Mitglieder seien damals fortgezogen.



Am 20. Juni 1991 hatte der Bundestag nach ganztägiger leidenschaftlicher Debattenschlacht mit weit über hundert Wortmeldungen von Abgeordneten mit 338 zu 320 Stimmen den Umzug nach Berlin beschlossen. Dabei hatten sich fraktionsübergreifende Bonn- und Berlin-Gruppen gebildet. Bislang unterhalten noch alle Bundesministerien Dienststellen in Bonn, sechs davon haben sogar noch ihren Hauptsitz in der alten Bundeshauptstadt. Fast die Hälfte der rund 20.000 Ministeriumsmitarbeiter arbeitet noch in Bonn.