Eklat im Bistum Chur bei verschobener Bischofswahl

Bistumsleitung ruft die Polizei

Außer Spesen nichts gewesen: Die Domherren in der Schweizer Krisendiözese haben auf ihr Recht zur Bischofswahl verzichtet. Die Bistumsleitung stört sich an den Journalisten am Churer Hof - und ruft die Polizei.

Insignien eines Bischofs: Bischofsring, Pileolus, Mitra und Bischofsstab (KNA)
Insignien eines Bischofs: Bischofsring, Pileolus, Mitra und Bischofsstab / ( KNA )

Am Churer Bischofssitz geht am Montagmorgen Seltsames vor sich. Einige Autos seien vorgefahren, berichten frühe Journalisten. Dann hätten die Insassen telefoniert - und seien wieder abgefahren.

Der Verdacht liegt in der Luft: Die Bischofswahl findet wohl nicht hier statt, im bischöflichen Schloss - sondern irgendwo anders, wo keine ungebetenen Medienleute aufkreuzen können. Denn eingeladen waren die Medien nicht; die Bischofswahl hätte im Geheimen stattfinden sollen.

Viele winken ab

Von den rund einem Dutzend Domherren, die ihr Auto dann doch im Hof parken, winken die meisten ab, wenn sie von den Medienvertretern angesprochen werden - einige auf recht unfreundliche Art. Andere sagen zwar etwas, geben aber nichts preis. "Ich weiß nichts und darf nichts sagen", meint Pius Venzin, während er Münzen in die Parkuhr wirft.

Tarcisi Venzin hingegen ist gesprächiger. Das Rätoromanisch der Journalisten vom Fernsehsender RTR scheint ihm zu behagen. "Ich will einen offenen Bischof; einen Bischof, der Türen öffnet", sagt er in der vierten Landessprache. Der inzwischen eingetroffene Domherr Daniel Durrer sagt, er habe "gute Gefühle". Ob denn die Kandidaten gut seien, wird er gefragt. "Das wird sich zeigen", antwortet er vielsagend.

Aus einem Auto mit Zürcher Nummer steigt der betagte Domherr Franz Stampfli und geht unsicher zur Tür des bischöflichen Schlosses. "Weiß nicht", sagt auch er und konzentriert sich mit Mühe aufs Laufen.

Wahlmann Guido Auf der Mauer sagt zur neuen Kandidatenliste: "Es hat Leute darunter, von denen ich sagen kann: Es kommt gut."

Auf der Mauer wünscht sich einen Bischof, der das Land und die Stadt vertreten könne; der eine Nähe zur städtischen Kultur habe. "Wir hatten einen sehr guten Generalvikar", lobt er Josef Annen, der im Oktober seinen Rücktritt mitgeteilt hatte. Annen wäre "ein Muster" eines Bischofs, wie es Auf der Mauer vorschwebt.

Und dann kommt die Polizei

Unterdessen ist im Schloss eine alte Nebentür mit der verschnörkelten Aufschrift "Bischöfliche Verwaltung" aufgegangen. Ein Herr mit gezücktem Handy steht im Rahmen. Er nimmt offensichtlich die Medienleute auf. "Was soll das?", fragen sich diese und entdecken eine gelbe Linie auf dem Boden. Ob da jemand von der Bistumsleitung das Betreten von Privatgrund dokumentiert? Eine halbe Stunde später tauchen zwei Polizisten auf. Die drei verbliebenen Medienleute müssen sich ausweisen. Ja, sie seien wegen Überschreitens der gelben Linie gekommen, bestätigt einer der Polizisten. Sie bleiben vor Ort stationiert, bis die Domherren wieder draußen und die letzten Journalisten abgezogen sind.

Das Warten in der Kälte lohnt sich weder für die Ordnungshüter noch für die Journalisten. Um 12.30 Uhr öffnet die Schlosstür. Die Domherren kommen zögernd heraus - noch zugeknöpfter als zuvor. Keine gelbe Linie wird übertreten. Nun ist das Handy, das die Journalisten aufnimmt, an der Tür zu sehen, aus der die Herren kommen. Und ein Fenster im ersten Stock geht auf. Nur einen Moment ist Martin Grichting zu sehen. Der konservative Generalvikar hatte das Wahlgremium, so erfährt man später, offenbar überzeugt, die gesamte Kandidatenliste als unzureichend zurückzuweisen.

Von den Domherren sagt allein Franz Imhof scherzend in Richtung der Journalistinnen: "Ich wäre lieber mit Ihnen einen Kaffee trinken gegangen." Das will er aber nicht als schlechtes Zeichen für die Bischofswahl verstanden haben - denn das mit dem Kaffeetrinken habe er bereits am Anfang gesagt. Beim Wegfahren winkt er - fast als einziger.

Autor/in:
Regula Pfeifer
Quelle:
KNA