Bischof Dieser und Laien-Sprecherin Mock sehen Reformchancen

Wo steht der Synodale Weg?

Bischof Helmut Dieser und Birgit Mock vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken haben tragende Rollen beim Synodalen Weg. Im gemeinsamen Interview sprechen sie über Erfolgschancen nationaler Wünsche in der Weltkirche.

Bischof Helmut Dieser und Birgit Mock / © Julia Steinbrecht (KNA)
Bischof Helmut Dieser und Birgit Mock / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Auf der Synodalversammlung im September scheiterte die Annahme des Textes zur Sexualmoral an der Sperrminorität der Bischöfe. Frau Mock, Sie haben damals von einer Katastrophe gesprochen. Jetzt sind einige Monate ins Land gegangen. Wie hat diese Katastrophe den Synodalen Weg seither geprägt?

Birgit Mock, Vorsitzende des Synodal-Forums Sexualität und Partnerschaft des Synodalen Weges in Deutschland  / © Maximilian von Lachner (SW)
Birgit Mock, Vorsitzende des Synodal-Forums Sexualität und Partnerschaft des Synodalen Weges in Deutschland / © Maximilian von Lachner ( SW )

Birgit Mock (Vorsitzende des Synodal-Forums Sexualität und Partnerschaft des Synodalen Weges in Deutschland und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken): Für uns war es wirklich in dem Moment ein großer Schock, weil wir unsere Arbeit im Forum Vier mit dem ganz klaren Auftrag aufgenommen hatten, Sexualmoral zu verheutigen. Dieser Auftrag entstammt aus den Erfahrungen, aus den Studien, die wir in Deutschland zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch gemacht haben.

Die MHG-Studie hat ergeben, dass es mehrere systemische Ursachen gibt, die dafür verantwortlich sind und Empfehlungen ausgesprochen. Unter anderem eben, sich intensiv mit der Bewertung von Homosexualität zu befassen und aktuelle Erkenntnisse der Sexualmedizin mit einzubeziehen sowie viel toleranter und offener auf das Thema zu gucken.

Text zu Sexualethik bei Synodalversammlung durchgefallen

Das Grundsatzpapier des Synodalen Wegs für eine Liberalisierung der katholischen Sexuallehre ist an der Sperrminorität der Bischöfe gescheitert. Bei der finalen Abstimmung in Zweiter Lesung votierten in Frankfurt 82,8 Prozent der anwesenden Delegierten des Reformdialogs für den Text, die ebenfalls notwendige Zweidrittel-Mehrheit der Bischöfe wurde jedoch knapp verfehlt: 61,1 Prozent der anwesenden Bischöfe stimmten dafür, 38,9 Prozent dagegen.

Ein Gerät für die digitale Abstimmung bei der Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht (KNA)
Ein Gerät für die digitale Abstimmung bei der Synodalversammlung / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Diesen Auftrag haben Bischof Helmut Dieser und ich zusammen als Doppelspitze als Forum erhalten und dem haben wir uns angenommen. Wir haben mit einer wirklich großen Fachgruppe dazu intensiv gearbeitet. Wir haben theologische Argumente zusammengetragen, was das denn jetzt bedeuten könnte, um Sexualität neu zu verstehen.

Und wir haben ein Papier mit ganz schöne Botschaften verfasst. Sexualität verstehen wir als positive Kraft. Sexualität und Identität gehören zusammen. Es ist etwas so Wertvolles und Schönes, dass es sich lohnt, auch immer wieder in der Kirche positiv darüber zu sprechen.

Wir haben vor allem auch an queere Personen gedacht, Menschen, die Homosexualität als eigene Identität empfinden, Menschen, die sich binär vorfinden, Menschen mit einer Transgeschichte. Für all diese Menschen haben wir unsere Texte auch mit gemeint.

DOMRADIO.DE: Gibt das jetzt eine neue Vorlage, über die noch mal wieder abgestimmt wird?

Mock: Was wir grundgelegt haben, ist die Botschaft: Vielfalt ist Teil des Schöpfungsplans. Hinter unsere Grundannahme, dass alle Menschen in gleicher Würde von Gott geschaffen und geliebt sind, können wir eigentlich auch nicht mehr zurück. Weil wir wirklich glauben, dass das aus dem Evangelium heraus eine Botschaft an uns ist. Wir haben eine hohe Zustimmung von 81 Prozent gehabt. Auch 61 Prozent der Bischöfe haben zugestimmt. Drei Stimmen haben gefehlt, um die formale Abstimmung im Synodalen Weg zu bekommen.

Aber wir erleben, dass dieser Text in der Welt ist und dass diese Botschaften weitergetragen werden, dass sie in einigen Bistümern als Grundlage der Handlungen umgesetzt werden.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat den Text in einer großen Versammlung jetzt auch noch mal als Grundlage angenommen. Wir wollen ihn auch übersetzen, sodass er seine Wirkung mit diesen Botschaften entfaltet, die aus unserer Sicht auch wichtig sind.

DOMRADIO.DE: Also Samen, die dann aufgehen.

Mock: Genau. Und vielleicht noch ein kleiner Wink auch schon jetzt zu der Kontinental-Synode und dem wunderbaren Vorbereitungsdokument "Mach den Raum deines Zeltes weit". Da steht ja an einer Stelle "Zuhören verwandelt". Das haben wir wirklich getan.

Wir haben vor allem auch den Paaren zugehört, den Menschen zugehört, die im Moment in unserer Kirche so ihre Heimat kaum finden können. Das hat uns verwandelt. Ich glaube, es hat auch den Synodalen Weg ein Stück weit verwandelt.

DOMRADIO.DE: Bischof Dieser, für medialen Wirbel gesorgt hat der Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom im November. Da wurde auch über den Synodalen Weg gesprochen. Welche Botschaften haben Sie aus Rom mit nach Hause genommen?

Bischof Helmut Dieser / © Max von Lachner (SW)
Bischof Helmut Dieser / © Max von Lachner ( SW )

Bischof Helmut Dieser (Bischof von Aachen und Vorsitzender des Synodal-Forums Sexualität und Partnerschaft des Synodalen Weges in Deutschland): Mein Eindruck von den Tagen in Rom ist der, dass es auch innerhalb der Kurie einen Richtungsstreit gibt, ein Ringen, in welche Richtung die Kirche insgesamt an der Spitze der Weltkirche die Zeichen und Weichen stellen wird.

Es ist tatsächlich so, dass wir deutschen Bischöfe in Rom bei einem Teil der Kurie sehr viel Widerstand erlebt haben. Ein anderer Teil, der auch für dieses Vorbereitungsdokument steht, hat in diesen Konfliktgesprächen eher geschwiegen. Das fiel mir jedenfalls auf, dass wir es waren, die sich auf dieses Dokument beriefen und sagen konnten: "Moment mal, die Themen, die wir in Deutschland besprechen, finden sich auch allesamt in den Texten, die aus der Weltkirche jetzt in die kontinentale Phase des Synodalen Weges der Weltkirche gehen". Von daher sind wir nicht isoliert.

Wir sind natürlich auf einer eigenen Spur, mit diesen Themen umzugehen, so wie jede Ortskirche vielleicht so etwas wie ein Momentum erlebt. So haben wir das 2018 nach der MHG-Studie erlebt. In anderen Ländern gab es sicher andere Momenta, die dazu führen, dass eine Kirche eine bestimmte Richtung einschlagen hat. In Irland ist man anders damit umgegangen als in Deutschland oder in den USA. Diese Unterschiedlichkeit muss man jeder Ortskirche zugestehen.

DOMRADIO.DE: Kardinal Quellet, Kardinalpräfekt der Bischofskongregation, berichtet, in Rom würden tagtäglich Anfragen und Beschwerden über das Ärgernis des Synodalen Weges in Deutschland ankommen. Haben Sie da noch mal nachgefragt?

Dieser: Ich brauche nicht nachfragen, weil das auch bei mir der Fall ist. Die Gegner einer Veränderung sind lautstark und sie vernetzen sich. Sie sind in einer gewissen Weise auch hoch aggressiv, indem immer die Botschaft gesendet wird: "Was ihr macht, ist von vornherein verboten, weil es die Kirche auf einen Irrweg führt. Ihr dürft in dieser Richtung nicht weiterdenken." Solche Botschaften halte ich für sehr verdächtig. Der Geist des Herrn schafft Freiheit und vor allem Angstlosigkeit!

Bischof Helmut Dieser

"Es gibt auch bei deutschen Bischöfen die Sorge, dass wir irgendeine Gay-Lobby bedienen."

DOMRADIO.DE: Wovor ist denn die Sorge so groß?

Dieser: Ich glaube tatsächlich, dass auch unter uns Bischöfen in der Deutschen Bischofskonferenz Ängste bestehen, irgendwelchen falschen Leuten Wasserträger zu sein. Dass wir irgendeine Gay-Lobby bedienen oder dass wir irgendeiner falschen Ideologie aufsitzen.

Von daher ist die Herausforderung ganz groß, gründlich theologisch nachzudenken und zu diskutieren. Das wurde auch in Rom getan. Wir haben dort tatsächlich kontrovers über theologische Anthropologie diskutiert oder über Ekklesiologie.

Das sind vielleicht die beiden Brennpunkte der Herausforderungen in unseren Texten, weil es deutlich wird, dass wir, wenn wir in dieser Weise Sexualität neu denken, auch ein Menschenbild brauchen, das von der Heiligen Schrift und von der Tradition der Kirche her uns Möglichkeiten zeigt, den Menschen heute in seiner Sexualität so beschreiben zu können, wie es vielleicht in früheren Epochen noch nicht getan wurde. Wo aber doch Grundlagen erkennbar sind, die zu einer solchen Deutung berechtigen.

DOMRADIO.DE: Frau Mock, wir erleben Sie das?

Mock: Das ist eine der wichtigsten Fragen, die uns im Synodalen Weg im Moment gerade beschäftigen, nämlich wie Veränderungen gelingen können. Was dürfen wir, was dürfen wir vielleicht auch nicht?

Eine der Fragen, die wir im Synodalen Weg kontrovers, heftig, mit einem großen Ringen miteinander besprechen, ist, wie sich kirchliche Entwicklung vollziehen kann. Und dann die Frage: "Darf die kirchliche Lehre verändert werden? Muss sie vielleicht sogar verändert werden?"

Das ist die Frage an uns als Christinnen und Christen: "Was heißt das denn? Wie verstehen wir das?"

Wir verstehen es so, dass Kirche bei den Menschen sein muss und bei ihrer Lebenswirklichkeit. Wir sind in unserem Forum zu der Gewissheit gekommen, dass es immer schon eine Veränderung in den kirchlichen Orientierungen gab. Dafür wollen wir auch heute einstehen.

DOMRADIO.DE: Herr Bischof, wie weit kann man ein Dogma verändern oder nicht?

Dieser: Die Wahrheit, die Gewissheit der Offenbarung, die durch Christus gekommen ist, wird in Dogmen versucht für die Kirche aussprechbar zu machen.

Es ist immer so, dass in der Dogmenentwicklung besondere Momenta in der Geschichte der Kirche entstanden sind, in denen eine Wahrheit neu ausgewortet werden muss. Eine Vergewisserung, was es von der Grundannahme her bedeutet, dass Gott durch seinen Sohn zu uns gesprochen hat, sich selber gezeigt hat, sein eigenes göttliches Leben auf die Menschen hin erkennbar und mitlebbar in Christus durch das Wirken seines Geistes gemacht hat.

Bischof Helmut Dieser

"Ich muss Entwarnung geben: Wir sind bei diesen anthropologischen Fragen nicht unmittelbar am Herzschlag des Dogmas selbst."

Was bedeutet das zum Beispiel jetzt für das Thema "Sexualität des Menschen"? Ich möchte ein bisschen Entwarnung geben. Wir sind, soweit ich das einschätze, in diesen anthropologischen Fragen nicht unmittelbar am Herzschlag des Dogmas selbst. Wir sind an Katechismus-Aussagen dran, die aber nicht allesamt für sich den Anspruch der Unfehlbarkeit beanspruchen.

Von daher wollen wir nicht irgendwelche Dogmen verändern, sondern wir wollen in der Anthropologie die Lehre der Kirche, die Auffassung, was der Mensch ist, von Gott her, von seinem Schöpfer und Erlöser her, in diesen Fragen neu durchdenken, weil wir bestimmte Verkürzungen wahrgenommen haben, die wir für unterkomplex halten.

Das Phänomen Sexualität begreifen wir heute, auch durch den Fortschritt der Humanwissenschaften, als weitaus vielfältiger und komplexer für das Menschsein selbst, als dass wir das nur auf den Bereich der Fortpflanzung oder auf den Bereich der Gestaltung der Ehe reduzieren dürften oder könnten.

Der Mensch ist immer ein sexuelles Wesen. Und wir sind im Unterschied zu den Tieren nicht irgendwie auf bestimmte sexuelle Zeiten eingeschränkt. Wir sind durch und durch sexuelle Wesen. Das hängt mit unserer von Gott geschaffenen Würde als Menschen zusammen, die immer aufeinander bezogen leben, in Beziehung leben wollen und ohne Beziehung verkümmern, im Tiefsten natürlich in der Gottesbeziehung ihr Menschsein ganz entfalten können.

Alle diese Themen führen uns dann doch zu anderen Deutungsmöglichkeiten, so meine Überzeugung.

DOMRADIO.DE: Das Verbot der Frauenweihe ist auch gar kein Dogma, oder?

Dieser: Ich würde es ähnlich sehen. Das ist gerade einer der Streitpunkte, die wir in unserem Dokument des Frauenforums auch festhalten. Bindet die Aussage Johannes Pauls II., dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, mit letzter Unfehlbarkeit, oder nicht?

Diese Frage ist in meinen Augen brennend. Denn wenn diese Frage entschieden wäre, wäre geistlich dann auch Friede und neue Orientierung für den weiteren Weg der Kirche entstanden.

Das ist aber im Nachgang zu dieser Entscheidung leider nicht passiert. Im Gegenteil, die Unsicherheit, die Ungewissheit, das Ringen, die Polarisierungen in der Kirche wurden schärfer. Die Frage bringt uns in Unfrieden und wir müssen uns dieser Frage neu stellen.

Das muss die höchste Autorität der Kirche tun. Sie muss prüfen, ob diese Frage offen ist oder ob sie entschieden ist. Wenn sie entschieden ist, was bedeutet das dann wiederum für die Frage nach der Stellung der Frau in der Kirche? Mit all den Erwartungen, dass sich die Einflussnahme und die Beteiligung an der Entscheidung über den Weg der Kirche auch durch Frauen weiter ausdehnen muss.

Wir können nicht nur Männer über das entscheiden lassen, was der Weg der Kirche ist. Synodalität heißt: "Alle dürfen mitdenken und auch zur Entscheidung mit beitragen."

Birgit Mock

"Frauenweihe wird Thema der Weltsynode sein." 

DOMRADIO.DE: Frau Mock, gehört das Thema auf die Weltsynode?

Mock: Die ganzen Stimmen aus der Weltkirche zeigen, dass das Thema in allen Kontinenten dieser Erde vorkommt. Vielleicht in unterschiedlichen Ausprägungen, auch in unterschiedlichen Empfehlungen oder Konsequenzen.

Es fordern nicht alle Teile der Weltkirche das Priestertum der Frau. Aber es wird doch an vielen Enden dieser Welt über das Diakonat von Frauen nachgedacht. Es wird in jedem Fall darüber nachgedacht, dass Frauen predigen dürfen und auch an Entscheidungen in der Kirche gleichberechtigt beteiligt sind.

Es geht letztlich immer wieder um die Frage nach der gleichen unverfügbaren Würde aller Menschen. So erleben sich ja auch Frauen als berufen für Weiheämter. Ich würde mich also sehr freuen, wenn es auch ein Thema auf der Weltbischofssynode werden würde.

Ich glaube ehrlich gesagt auch, dass es so kommen wird, weil es eben von so vielen Regionen eingebracht wird. Am Ende lohnt es sich aber auch immer, über die ganz pragmatischen Themen zu sprechen. Das wäre zum Beispiel bei der Bischofssynode das Stimmrecht für Frauen.

DOMRADIO.DE: Rom sitzt immer am längeren Hebel. Ist das nicht manchmal auch ganz schön frustrierend?

Mock: Es gibt diese dunklen und frustrierenden Stunden auf jeden Fall, gerade bei dem Thema Gleichberechtigung. Ich erlebe aber, dass sich ganz vieles schon verändert hat. Was wir in Deutschland durch den Synodalen Weg erleben dürfen, ist ein Kulturwandel. In dem Vorbereitungsdokument ist von einer neuen Führungskultur die Rede, lebensbegleitend und kooperativ.

Das durfte ich in den letzten drei Jahren mit Bischof Helmut Dieser erleben. Wir durften viel voneinander lernen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Gemeinsam auch suchen, fragen und mit der ganzen synodalen Versammlung versuchen, den besten Weg zu finden. Ich glaube, dass dieser Kulturwandel schon längst begonnen hat und dass es ein guter Weg ist, auf den wir aufbauen können.

Beim Arbeitsrecht haben wir einen ganz großen Meilenstein in den letzten Monaten erreicht, der von der Öffentlichkeit aus meiner Sicht noch viel zu wenig wahrgenommen wird. Das haben die deutschen Bischöfe auf dem Synodalen Weg mit uns zusammen mit großer Mehrheit verabschiedet.

Das haben sie hinterher in der entsprechenden Versammlung in ihrem eigenen Kreis noch mal in Kraft gesetzt. Jetzt wird das in jedem Bistum noch mal in Kraft gesetzt. Ein unglaublicher Erfolg, den wir uns vor fünf oder zehn Jahren nicht zu träumen gehofft haben. Deswegen hoffe und träume ich weiter.

Birgit Mock

"Wir sollten die Ungleichzeitigkeit in der Weltkirche als Chance begreifen für eine Einheit in Vielheit."

DOMRADIO.DE: Wie viel Spielraum gibt es, einige Dinge erst einmal nur in Deutschland umsetzen zu können?

Mock: Eine gute Perspektive wäre es, diese Ungleichzeitigkeit in der Weltkirche als Chance zu begreifen: Einheit in Vielheit. Es ist unsere Chance als Weltkirche, dass wir in Einheit verbunden sind. Der deutsche Synodale Weg ist natürlich Teil der großen Weltkirche und auch ein kleiner Teil dieser synodalen Bewegung, die sich jetzt auf der Weltkirche breit macht.

Diese Einheit in Vielheit dürfen wir leben und testen und erproben und verwerfen und uns gegenseitig auch davon erzählen, was gelingt und was nicht gelingt, weil auch die Bedingungen vor Ort unterschiedlich sind. Dazu hat uns  auch Papst Franziskus immer wieder ermutig, die Lebenswirklichkeit wahrzunehmen.

DOMRADIO.DE: Bischof Dieser, wo sehen Sie da die Spielräume?

Dieser: Ich habe kein enges Bild von unserer Kirche. Sie nennt sich selbst im Glaubensbekenntnis "katholisch", das heißt "weit genug für alle, die an Christus glauben wollen und dazu finden können". Und das leben wir gerade, darum ringen wir gerade.

DOMRADIO.DE: Und trotzdem, obwohl das eine Frage von Gerechtigkeit wäre, sind Frauen nicht Priesterinnen.

Dieser: Ja, das ist ein dorniges Thema, dem wir uns in unserem Kulturkreis stellen, in dem die Emanzipation der Frau in einer Weise auch schon weiter gegangen ist als in anderen Kulturkreisen dieser Erde. Ich glaube aber, dass das Thema überall aufkommt: Wie können Mann und Frau in versöhnter Polarität gemeinsam das ganze Menschsein entfalten? Inklusive auch der Menschen, die sich in dieser Polarität nicht wiederfinden. Das gehört alles hinzu.

In dieser Weise ringen wir darum, wie die Schöpfung Gottes nicht irgendwie gewaltsam erst umgebogen werden muss, damit man Christ sein kann, sondern wie eben das Christliche, das Evangelium, inklusiv für alles ist, was Gott geschaffen hat. Für Himmel und Erde, für Engel und Menschen und die Menschen in ihrer Vielfalt.

Das ist das Faszinierende in einer Welt, die auseinanderdriftet und in Polarisierung und in neue Gegensätze ausartet. In einer solchen Welt haben wir als Christen eine solche versöhnende Botschaft. Eine inkludierende Botschaft, die nicht uniform macht, die nicht die Unterschiedlichkeit abrasiert.

Gerade das ist immer die Gefahr, dass wir die Unterschiedlichkeit nicht ertragen, dass wir das Fremde, das Andere als fremd und als bedrohlich erleben. Das ist der Kern der Sünde, den anderen als den zu sehen, der mir etwas nehmen will und deshalb für mich selber gegen ihn sorgen zu müssen.

Das ist der Anfang der Sünde, eigentlich schon bei Kain und Abel. In dieser Gefahr steht die Menschheit immer. Wir als Kirche verkünden das Evangelium, dass Gott keine Angst vor uns und unserer Verschiedenheit hat und schon längst mit uns in seinem Sohn klar gekommen ist.

DOMRADIO.DE: Was könnte man denn konkret schon umsetzen, auch wenn in der Weltkirche nicht alle gleichzeitig zu dem Punkt kommen?

Dieser: Wir wollen dieses Dokument noch in der fünften synodalen Versammlung verabschieden. Wir wollen Menschen in Partnerschaft einen Segen zusprechen dürfen, homosexuelle Partnerschaften, Paare, die sich lieben, die aber entweder nicht zur sakramentalen Eheschließung gehen wollen oder auch nicht können. Auch Paare, deren erste Ehe gescheitert ist, menschlich nicht mehr lebbar geworden ist. Menschen, die keine Berufung haben, den Rest ihres Lebens alleine zu bleiben und die in eine neue Paarbeziehung gefunden haben.

Das ist das, was wir versuchen. Das wollen wir für unseren Kulturkreis geltend machen. Andere müssen das in dieser Weise ja nicht tun. Aber wir hoffen, dass wir es tun dürfen.

DOMRADIO.DE: Frau Mock, fällt Ihnen da auch noch ein Thema zu ein?

Mock: Das ist das Thema geschlechtliche Vielfalt. Dazu haben wir jetzt auch noch mal ein Positionspapier vorbereitet, wo es noch mal sehr explizit darum geht, dass wir Menschen in ihrer geschlechtlichen Identität, mit ihrer sexuellen Orientierung, als von Gott geschaffen und geliebt anerkennen. Und da entsprechend auch Konsequenzen ermöglichen, dass Änderungen im Taufregister möglich sind.

Wir wollen da sehr konkret werden. Wir wollen, dass die Menschen in den deutschen Bistümern Ansprechpersonen haben, dass sie willkommen geheißen sind. Wir fühlen uns da in guter Gesellschaft der Weltkirche, weil wir die Prozesse, die an so vielen Orten stattfinden, aufmerksam verfolgen.

Ich will an eine Initiative erinnern, die auch von missio unterstützt wird: Die 2.000 afrikanischen Ordensfrauen, die sich mehr Teilhabe in unserer Kirche wünschen und sich zusammenfinden. Es ist die tiefe Sehnsucht nach Angenommensein, nach Gleichwertigkeit, gleicher Würde, die da zum Ausdruck kommt.

Es gibt an ganz vielen Orten dieser Erde Prozesse, die jetzt unterschiedlich zusammenfließen. Die sind nicht alle gleich, aber sie sind in guter Weise gleichwertig. Da bringen wir das mit ein, worum wir hier in Deutschland ringen.

DOMRADIO.DE: Wie geht der Synodale Weg mit Kritik von ausländischen Bischöfen um?

Mock: Wir suchen immer den Dialog, weil es aus unserer Sicht die Voraussetzung für eine synodale Kirche ist, sich gegenseitig zuzuhören. Wir schreiben Antworten, wir suchen das Gespräch. Die Erwartung ist aber gegenseitig. Wir erwarten umgekehrt, dass das, was in Deutschland passiert, auch in Offenheit und in Differenzierung wahrgenommen wird.

DOMRADIO.DE: Würden Sie sagen, ein Treffen des Präsidiums des Synodalen Weges mit Vertretern des Vatikan wäre ein nächster guter Schritt?

Mock: Ja, das wäre gut.

DOMRADIO.DE: Herr Bischof, sehen Sie da Möglichkeiten in Rom?

Dieser: Das war sogar Thema. Es soll tatsächlich eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der Kurie und unserem erweiterten Präsidialpräsidium, unserem Synodalen Weg geben. Das ist vereinbart. Aber es ist natürlich mit Ängsten besetzt.

Das Interview führte Susanne Becker-Huberti auf dem missio-Symposium "Der Synodale Weg im Spiegel der Weltkirche" am 12. Januar in Köln. 

Was wurde bei der vierten Synodalversammlung beschlossen?

Insgesamt berieten die gut 200 Delegierten der vierten Synodalversammlung von Donnerstag bis Samstag über 8 Papiere, ursprünglich waren 14 vorgesehen. Vier Texte wurden in Zweiter Lesung verabschiedet; einer scheiterte an einer Sperrminorität von Bischöfen. Drei Texte standen in Erster Lesung zur Debatte und sind deswegen noch nicht beschlossen, auch wenn die jeweiligen Abstimmungsergebnisse Rückschlüsse auf die grundsätzliche Akzeptanz der jeweiligen Anliegen erlauben.

Abstimmungsgerät bei der vierten Synodalversammlung / © Max von Lachner (SW)
Abstimmungsgerät bei der vierten Synodalversammlung / © Max von Lachner ( SW )
Quelle:
DR