Bischöfe und Theologen appellieren an emeritierten Papst

"Benedikt muss sich da noch mal zu äußern"

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat den emeritierten Papst Benedikt XVI. aufgefordert, sich zu den Ergebnissen des Münchner Gutachtens "zu verhalten". Ähnlich äußerte sich Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode.

Papst Benedikt XVI. nach seiner letzten Generalaudienz / © Michael Kappeler (dpa)
Papst Benedikt XVI. nach seiner letzten Generalaudienz / © Michael Kappeler ( dpa )

 

Es müsse Verantwortung übernommen werden, und "die ist immer personal", sagte Overbeck in einem ZDF-Special (Donnerstagabend) zu dem Missbrauchsgutachten. Auch das Erzbistum München-Freising und die Verantwortlichen müssten Konsequenzen ziehen.

Bischof Overbeck (DR)
Bischof Overbeck / ( DR )

Zugleich betonte Overbeck, in den vergangenen Jahren sei etwa mit Blick auf die Präventionsarbeit bereits viel geschehen, "um genau das zu verhindern, was zu diesem Desaster geführt" habe. Er nannte unter anderem die Beteiligung Betroffener bei der Aufarbeitung. Die Kirche müsse versuchen, Vertrauen wiederzugewinnen. 

"Wir brauchen ein religiöses Miteinander"

Dazu gehöre, dass "wir den großen Themen, die in unserer heutigen Welt eine wichtige Rolle spielen, mehr Raum geben". Dazu gehöre auch die Rolle der Frauen in der Kirche, die große sozial-ökologische Verantwortung, die Ökumene und interreligiöser Dialog; "und wir brauchen ein religiöses Miteinander aller, die glauben", so Overbeck. Der Synodale Weg sei ein erster Schritt, der getan werden müsse, um neue Perspektiven zu eröffnen. 

Das Missbrauchsgutachten bescheinigt dem früheren Papst Benedikt XVI./Joseph Ratzinger Führungsversagen im Umgang mit Missbrauchstätern sowie fehlende Sorge für die Geschädigten in seiner Zeit als Münchner Erzbischof (1977-1982).

Bischof Franz-Josef Bode im Portrait während einer Rede / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Franz-Josef Bode im Portrait während einer Rede / © Harald Oppitz ( KNA )

Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode zeigte sich nach der Vorstellung des Berichts erschüttert. "Es trifft mich wirklich sehr, dass diese schweren Belastungen ausgesprochen werden", sagte er am Freitag bei einem Pressegespräch in Osnabrück.

Mit Blick auf die gegen den früheren Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. erhobenen Vorwürfe sagte Bode: "Ich denke, dass der emeritierte Papst Benedikt sich da noch mal zu äußern muss." Auch die anderen noch lebenden Amtsträger, denen Fehler angelastet werden, wie etwa der Münchner Kardinal Reinhard Marx, müssten sich dazu verhalten. 

Franz-Josef Bode, Bischof des Bistums Osnabrück

"Ich hoffe sehr, dass wir aus diesem Prozess noch mehr lernen, noch transparenter zu sein."

In der Zeit, als Ratzinger Erzbischof von München gewesen sei, habe in der Kirche die Täter- und Institutionsperspektive im Vordergrund gestanden, so Bode. "Das weiß ich selber aus meiner langen Bischofszeit, und das wird hier noch mal in einer drastischen Weise deutlich."

Der Bischof erklärte: "Ich hoffe sehr, dass wir aus diesem Prozess noch mehr lernen, noch transparenter zu sein." Mit dem laufenden Reformprozess Synodaler Weg gehe die katholische Kirche in Deutschland auch systemische Fragen an und sei damit auf dem richtigen Weg. Auch das Bistum Osnabrück werde bei seinem geplanten Zukunftsprozess im Blick behalten, "mit den Dingen so offen und so transparent wie möglich umzugehen".

Missbrauchsgutachten: Schwere Vorwürfe gegen Benedikt XVI. und Kardinal Marx

Das lange erwartete Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München-Freising belastet amtierende und frühere Amtsträger schwer, darunter auch den emeritierten Papst Benedikt XVI.

Joseph Ratzinger habe sich in seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen fehlerhaft verhalten, heißt es in der am Donnerstag in München vorgestellten Untersuchung der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, werfen die Anwälte unter anderem vor, sich nicht ausreichend um Fälle sexuellen Missbrauchs gekümmert zu haben.

Münchner Missbrauchsgutachten / © Sven Hoppe/DPA-Pool (KNA)

 

"Wir brauchen Rücktritte, die angenommen werden"

Auch mehrere Theologen forderten Konsequenzen aus dem Münchner Missbrauchsgutachten. "Wir brauchen Rücktritte, die auch angenommen werden. Wir brauchen erkennbare kirchenpolitische Zeichen, dass wir die Erschütterung durch Missbrauch in den eigenen Reihen wirklich ernst nehmen", sagte der Bochumer Theologe Matthias Sellmann am Freitag bei einer Tagung der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Versagen bei Missbrauch und dessen Vertuschung stünden dem "Weg zu Gott" massiv im Weg. Als Chance für echte Veränderung beschrieb er den aktuellen Reformprozess Synodaler Weg. Hier sei es möglich, Leitplanken für eine gute, künftige Entwicklung zu vereinbaren.

Matthias Sellmann, Bochumer Theologe

"Wir brauchen erkennbare kirchenpolitische Zeichen, dass wir die Erschütterung durch Missbrauch in den eigenen Reihen wirklich ernst nehmen."

Der Jesuit und Leiter der Kölner Kunststation Sankt Peter, Stephan Kessler, sprach von einer Abschottung der Kirche in einer "Sonderwelt", die enden müsse. Christen und Kirche müssten sich stärker von Leid und Ungerechtigkeit berühren lassen. Es gelte, auf die Stimmen der Verletzten zu hören. Statt den "Zeitgeist" zu verurteilen, sollten Christen auf ihn hören und fragen, was es Neues für Glauben und Theologie zu entdecken gebe.

Forderung nach neuen Ausbildungsstrukturen

Kessler, der lange in der Priester- und Seelsorgerausbildung gearbeitet hat, sprach sich auch für neue Ausbildungsstrukturen des kirchlichen Personals aus. Es brauche nachprüfbare Qualifikationen und vor allem soziale Kompetenzen; niemand dürfe sich hinter einer "Berufung" verstecken.

Das Konzept von flächendeckenden Kirchengemeinden sieht Kessler für Deutschland gescheitert. "Der Christ der Zukunft wird nicht mehr Leibeigener einer vormodernen Kirchenstruktur sein, sondern einer, der Transzendenzerfahrungen gemacht hat." Deshalb solle Kirche einladende, offene Räume anbieten, wo alle Fragen und Themen "suchender Menschen" auf den Tisch kommen könnten.

Die in Lateinamerika lehrende Theologin Martha Zechmeister rief zu mehr Anteilnahme am Leid von Armen und Bedrohten auf. Wer heute Christ sein wolle, müsse sein ganzes Leben in die Waagschale werfen, um das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft zu retten. "Die Herrlichkeit Gottes ist das Leben der Armen", so die Theologin.

Doris Reisinger, Theologin, im Kölner Stadt-Anzeiger

"Wir wissen jetzt, dass Ratzinger bereit ist, öffentlich zu lügen, um sich seiner Verantwortung zu entledigen"

Die Theologin Doris Reisinger erklärte, sie rechne mit einer Wende in der Wahrnehmung des früheren Papstes. "Wir wissen jetzt, dass Ratzinger bereit ist, öffentlich zu lügen, um sich seiner Verantwortung zu entledigen", sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Sie kritisierte zudem, dass im Umgang der Kirche mit Missbrauch und mit Betroffenen weiter "die kalte Logik des kirchlichen Strafrechts" vorherrsche: "Bis heute müssen Betroffene damit rechnen, dass ihnen mit einem grundsätzlichen Misstrauen begegnet wird."

"Kalte Logik des kirchlichen Strafrechts"

Im Umgang der Kirche mit Missbrauch und mit Betroffenen herrsche weiter "die kalte Logik des kirchlichen Strafrechts vor", kritisierte Reisinger. "Bis heute müssen Betroffene damit rechnen, dass ihnen mit einem grundsätzlichen Misstrauen begegnet wird. Das ist ein Urteil über den Aufarbeitungsprozess, den die Kirche zu unternehmen vorgibt. Das ist mit Blick auf München aber auch ein verheerendes Urteil über Kardinal Reinhard Marx."

Die 39-Jährige forderte die Übernahme persönlicher Verantwortung: "Die Zeit der Gutachten ist vorbei", mahnte sie. Überdies sei - neben Wiedergutmachung - ein Systemwechsel nötig, um mit den begünstigenden Faktoren für Missbrauch in der Kirche aufzuräumen. "Das Bittere ist: Ich rechne nicht damit." Damit richte sich der Blick auf Politik und Justiz. Von entscheidender Bedeutung sei die Frage: "Werden Politik und Justiz die Samthandschuhe fallen lassen, mit denen sie die Kirche allzu lange angefasst haben?"

"Verantwortliche müssen sehr mutig handeln"

Auch der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz fordert klare Konsequenzen aus dem neuen Missbrauchsgutachten. Wenn die katholische Kirche nach dem "nun bekannten Offenbarungseid" von Benedikt XVI. nicht noch den "allerletzten und verbliebenen Rest ihrer Glaubwürdigkeit verlieren" wolle, müssten die Verantwortlichen "jetzt und sehr mutig" handeln, sagte Sprecher Johannes Norpoth am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz

"Da relativiert das emeritierte Kirchenoberhaupt sexuelle Gewalt; da wird Mitwisserschaft weiterhin abgestritten, obwohl mehr als deutlich wird, dass Benedikt Kenntnis von den Vorgängen gehabt haben muss".

Konkret forderte er den Ständigen Rat der Bischofskonferenz, den Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und die dritte Synodalversammlung des Reformprojekts Synodaler Weg zum Handeln bei ihren Sitzungen in den nächsten Wochen auf.

Wie vom Betroffenenbeirat erwartet, biete das neue Gutachten auf den ersten Blick keine substanziellen neuen Erkenntnisse zu sexuellem Missbrauch in der Kirche. Eine "endgültige Bewertung" könne zwar erst nach vollständiger Lektüre des umfangreichen Gutachtenwerkes erfolgen. Deutlich geworden sei aber bereits eine "Verantwortungslosigkeit, die diverse Hierarchieebenen im Erzbistum München und Freising bei einer Vielzahl von Fällen an den Tag legten".

"Unfassbare Empathielosigkeit"

Zudem nannte Norpoth eine "bis heute andauernde unfassbare Empathielosigkeit den Opfern und Überlebenden der sexuellen Gewalt gegenüber" sowie eine "Unfähigkeit, eigene Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen". Von besonderer Bedeutung sei außerdem, dass dies "nicht nur Hierarchieebenen der deutschen Kirche betrifft, sondern im Zentrum der Kritik auch der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt steht". 

Die Begründungen und Argumentationen ließen nicht nur die Betroffenen sexueller Gewalt, sondern viele Mitglieder der katholischen Kirche "nahezu ratlos und wütend zurück", so Norpoth: "Da relativiert das emeritierte Kirchenoberhaupt sexuelle Gewalt; da wird Mitwisserschaft weiterhin abgestritten, obwohl mehr als deutlich wird, dass Benedikt Kenntnis von den Vorgängen gehabt haben muss".

Besonders erschreckend sei darüber hinaus die Aussage der Gutachterin Marion Westpfahl, wonach sie seit dem ersten Gutachten von 2010 bei keinem der Beteiligten auf Seiten der Bistumsverantwortlichen eine veränderte Haltung wahrgenommen habe: "Wieviel Gutachten braucht es denn noch, damit endlich gehandelt wird, damit endlich Verantwortung für die Zukunft übernommen wird?", fragte Norpoth.

Quelle:
KNA