Belgiens Kirche stellt neue Initiative gegen Missbrauch vor

«Neue Brücken schlagen»

Belgiens Kirche hat abermals umfassende Hilfe für Opfer und Transparenz bei der Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen versprochen. Ein neues Zentrum soll Opfern sexuellen Missbrauchs durch Geistliche mit Rat und Hilfe zur Seite stehen.

 (DR)

Das kündigten der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Andre-Joseph Leonard, und zwei weitere Bischöfe am Montag (13.09.2010) an: "Wir müssen neue Brücken schlagen zwischen Opfern und Kirche, zwischen Opfern und Justiz, zwischen Kirche und Justiz und anderen Beteiligten", sagte der für die Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen zuständige Bischof Guy Harpigny in Tournai.



Die belgische Kirche war zuletzt in einen Strudel von Vorwürfen geraten, der mit dem Rücktritt des Bischofs Roger Vangheluwe von Brügge Ende April seinen Ausgang nahm. Mehr als 200 Opfer von Übergriffen durch Geistliche meldeten sich im Gefolge des spektakulären Vorgangs bei der zuständigen Kommission. In ihrem am Freitag vorgestellten Abschlussbericht kommt das Gremium zu dem Schluss, alle Orden, alle Bistümer seien von Missbrauchsfällen betroffen, etwa in katholischen Schulen oder Pfarreien. Der Leiter, Kinderpsychiater Peter Adriaenssens, erklärte, mindestens 13 Missbrauchsopfer hätten laut den Zeugnissen später Selbstmord begangen.



"Möglichst bis Weihnachten"

Die am Montag skizzierte Antwort der Kirche: Ein neues Zentrum soll gleichsam ganzheitlich Anerkennung der Opfer, Heilung und Versöhnung bewerkstelligen helfen. Vier Experten sollen die Statuten und die Arbeitsmethode des Zentrums ausarbeiten. "Möglichst bis Weihnachten" soll es stehen, so Bischof Johan Bonny von Antwerpen. Geplant sei, erstmals alle Seiten an einen Tisch zu bringen, Justiz und Medizin, soziale Dienste und eben die Kirche. Bischofskonferenz-Vorsitzender Leonard unterstrich, die Hilfe für Opfer müsse an erster Stelle stehen - der Adriaenssens-Bericht löse Gänsehaut aus: "Es ist geschehen, was nie hätte geschehen dürfen".



Vom "Dutroux-Dossier" der belgischen Kirche hatte Adriaenssens bei der Vorstellung seines Berichts gesprochen - unter Anspielung auf den Fall des Kinderschänders und Mörders Marc Dutroux, der Belgien Ende der 90er Jahre tief erschüttert hatte. Die Parallele für Adriaenssens: Versäumnisse gab es über Jahrzehnte auch im Umgang mit Missbrauch. Geistliche, Religionslehrer - sie waren im zutiefst katholischen Belgien der 60er und 70er Jahre allerhöchste Respektpersonen. Sie kamen am Sonntag zum Mittagessen in die Familien, gehörten in den Dörfern und Kleinstädten zu den geachteten Honoratioren. Es brauchte kein organisiertes Schweigekartell, um Missbrauchsverdächtigungen unter den Tisch zu kehren. Inzwischen sind fast alle Fälle juristisch verjährt - auch kirchenrechtlich.



Viele Brücken wurden zerbrochen

An Schuldige appellierte Leonard am Montag dennoch abermals, sich zu erkennen zu geben. "Mein entsprechender Appell von Ende April ist noch nicht wirklich gehört worden", räumte der Erzbischof ein. Kaum etwas zu hören war von den belgischen Bischöfen dagegen am Montag zur Forderung des Adriaenssens-Berichts, die Kirche solle gründlicher prüfen, welche ihrer Strukturen Missbrauch begünstigen. Auch Ex-Bischofskonferenzsprecher Toon Osaer und andere hatten sich über das Wochenende diese Forderung zu Eigen gemacht.



Derweil sind in Belgien tatsächlich beim Thema Missbrauch viele Brücken zerbrochen oder halten kaum noch einer Belastung stand. Missbrauchsopfer fühlten sich abermals missbraucht, als im Juni die belgische Justiz die Berichte beschlagnahmte, die sie der Untersuchungskommission anvertraut hatten. Höhere Justizbehörden ordneten inzwischen die Rückgabe der Akten an und nannten das Vorgehen unrechtmäßig. Andere Missbrauchsopfer wollen nicht, dass die Kirche überhaupt an der Aufklärung der Vorwürfe beteiligt ist. Parlamentarier fordern inzwischen Untersuchungskommissionen.



Abzuwarten bleibt, ob es mit der Initiative der Bischöfe gelingt, die Bedürfnisse der Opfer nach Würde, Anerkennung und Wiedergutmachung tatsächlich wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Sie kamen zuletzt in der Debatte in Belgien oft kaum noch vor.