Was unterscheidet den Missbrauchsskandal in den USA von Deutschland?

"Bei Verdachtsfällen die Bistümer umgehen"

Das Thema Missbrauchsaufarbeitung ist konfliktbehaftet. Immer wieder kommt es zu Zerwürfnissen und Auseinandersetzungen auf vielen Ebenen. Wie sieht das in den USA aus, die schon seit vielen Jahren mit der Aufarbeitung zu tun haben?

Jesusstatue mit US-Flagge / © Bradley Birkholz (KNA)
Jesusstatue mit US-Flagge / © Bradley Birkholz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Was ist die Vorgeschichte des Missbrauchsskandals in den USA? Das ist dort schon länger ein Thema als in Deutschland.

Joshua McElwee (Redakteur des “National Catholic Reporter” in Chicago): Die US-Kirche kennt das Problem seit Jahrzehnten. Die weltweiten Schlagzeilen kamen im Jahr 2002. Damals hat der “Boston Globe” eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, in der es um Priester ging, die Minderjährige missbraucht haben. Fälle, die dem Erzbistum Boston bekannt waren. Diese Priester wurden von Gemeinde zu Gemeinde versetzt, was nur noch mehr Minderjährige gefährdet hat. 

Als Reaktion hat die Bischofskonferenz noch im gleichen Jahr einen Aktionsplan zum Schutz von Kindern und Jugendlichen aufgestellt, der gleich eine ganze Reihe nationaler Maßnahmen und Regelungen eingeführt hat, was die Meldung von mutmaßlichen Missbrauchsfällen angeht, aber auch das Thema Kinderschutz allgemein betrifft.

Im großen und ganzen wurden diese Maßnahmen als erfolgreich betrachtet. Inwiefern diese Regeln aber in den einzelnen Diözesen umgesetzt wurden, steht auf einem anderen Blatt. Betroffenenverbände sprechen immer wieder von Problemen, die auch weiterhin bestehen sollen.

Deshalb sprechen sich auch fast alle Opfervertreter dafür aus, bei Verdachtsfällen die Bistümer zu umgehen und sich direkt an die entsprechenden Strafverfolgungsbehörden auf staatlicher Ebene zu wenden.

DOMRADIO.DE: Bei der Aufdeckung der Missbrauchsproblematik hat auch Ihr Magazin, der "National Catholic Reporter", eine Rolle gespielt. Wie waren damals die Reaktionen?

McElwee: Obwohl der Medienfokus so wirklich erst 2002 losging, gibt es eine viel längere Vorgeschichte. Wir waren das erste Magazin auf nationaler Ebene, das darüber berichtet hat – und zwar schon 1985. Bis 2002 gab es bei uns immer wieder Beschwerwerden, dass wir den Ruf der Kirche beschmutzen wollen oder das Problem übermäßig aufblähen würden und es größer darstellen, als es ist.

DOMRADIO.DE: In Deutschland ist das Thema sehr konfliktbeladen. Es gibt immer wieder Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den Betroffenen und der Institution Kirche, aber auch unter den Betroffenen und intern bei einzelnen Bistümern. Wie stellt sich das in den USA dar?

McElwee: Ich habe das Thema in den letzten Jahren intensiv verfolgt. Von solchen Konflikten in größerem Ausmaß ist mir hier nichts bekannt. Es gibt verschiedene Gruppen von Interessenvertretern, die größte ist das "Survivors Network of those Abused by Priests" (SNAP).

Nach meiner Erfahrung kümmern sich diese Verbände hauptsächlich um drei Dinge: die Unterstützung von Betroffenen, als Anlaufstelle für “neue” Opfer und beim Einsatz für weitere Reformen in der katholischen Kirche. 

DOMRADIO.DE: Ein großer Konflikt in Deutschland ist auch die Frage der Anerkennungsleistungen für erlittenes Leid. Die Bischofskonferenz hat dazu gerade erst nene Richtinien veröffentlicht. Es gibt Stimmen, die davon sprechen, dass diese Zahlungen viel zu gering ausfallen. Die Kirche sagt, sie orientiert sich an vergleichbaren Fällen in anderen gesellschaftlichen Kontexten. – Wie sieht das in den USA aus?

McElwee: So wie ich das verstehe, gibt es in den meisten Bistümern bei uns Einrichtungen und Verfahren, die solche Anerkennungsleistungen organisieren sollen, wenn sich Betroffene bei ihnen melden. Die meisten Betroffenenverbände und auch Anwälte raten Opfern allerdings davon ab, sich an diese Stellen zu wenden.

Stattdessen sollen sie sich lieber direkt an die Strafverfolgungsbehörden wenden und versuchen, vor Gericht zu ihrem Recht zu kommen. In der Regel ist es so, dass Opfern bei solchen Gerichtsprozessen mehr Geld zugesprochen wird, als sie von den kirchlichen Stellen erhalten würden; was übrigens auch dazu geführt hat, dass mehrere Bistümer bei uns deshalb schon Insolvenz beantragen mussten.

DOMRADIO.DE: Der Ruf der Kirche in Deutschland ist nicht zuletzt durch die Missbrauchskrise sehr angeschlagen. Wie sieht Ihr Blick in die Zukunft aus, wenn sich die USA ja schon Jahrzehnte mit dieser Situation auseinandersetzen?

McElwee: Es ist in den letzten Jahren definitiv zu einem enormen Vertrauensverlust gegenüber der Kirchenführung in den USA gekommen. Das hat natürlich zum großen Teil mit dem Missbrauchsskandal zu tun. Der hat das Bild der Kirche als sichere und schützende Organisation nachhaltig beschädigt.

Das ist aber nicht der einzige Grund. Viele empfinden auch, dass die Kirche sich zu sehr in die Politik einmischt. Eine beträchtliche Anzahl der Katholiken wirft der Kirche zum Beispiel vor, sich nicht deutlich genug gegen die Politik von Donald Trump ausgesprochen zu haben.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Joshua McElwee / © Joshua McElwee (privat)
Joshua McElwee / © Joshua McElwee ( privat )
Quelle:
DR
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