Befragungen im Vatikan-Finanzprozess ziehen sich hin

Suche nach der Wahrheit oder nach Sündenböcken?

​​​​​​​Was ist aus dem fulminanten Saubermach-Prozess im vatikanischen Finanzskandal geworden? Acht Monate nach Beginn wird weiter viel geredet, auch gestritten. Und am Ende bleibt die Frage, wo das Theater hinführen soll.

Gerichtsprozess zum vatikanischen Finanzskandal / © Vatican Media (KNA)
Gerichtsprozess zum vatikanischen Finanzskandal / © Vatican Media ( KNA )

Malt Richter Giuseppe Pignatone geometrische Figuren auf das Papier vor ihm? Oder unterstreicht er Aussagen im Text. Eindeutig ist es nicht. Zumal der Vorsitzende des Vatikan-Strafgerichts immer wieder den Kopf in einem Anflug von Müdigkeit auf seine Hand stützt. Auch unter den restlichen Anwesenden im größten Finanzprozess des Vatikan schwanken viele zwischen Surfen im Internet und einem kleinen Nickerchen. Einmal tönt ein Schnarchen durch den Gerichtssaal. Dazwischen wird viel geredet, gestritten und geschmunzelt - wie im Theater. Von "kurzen Prozess machen" kann nach acht Monaten nicht mehr die Rede sein. Die Frage ist vielmehr, wo soll das Ganze hinführen. Geht es um Wahrheit, Gerechtigkeit oder um Sündenböcke?

Kardinal Giovanni Angelo Becciu / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Giovanni Angelo Becciu / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani ( KNA )

Becciu im Fokus

Die Protagonisten seit dem ersten Akt sind der ehemalige und unehrenhaft entlassene Substitut des Staatssekretariat, Kardinal Giovanni Angelo Becciu. Dem Sarden mit verschmitztem Lächeln werden Veruntreuung, Amtsmissbrauch sowie Verleitung zur Falschaussage vorgeworfen. Kern sind verlustreiche Investitionen des Staatssekretariats in eine Londoner Immobilie - laut Strafverfolgung rund 270 Millionen Euro. Darüber hinaus geht es bei Becciu um dubiose Überweisungen in seine Heimatdiözese und an die selbst ernannte Sicherheitsberaterin Cecilia Marogna. Sie ist ebenfalls angeklagt, soll die Gelder veruntreut haben. Der Kardinal scheint mit großer Ernsthaftigkeit seine Unschuld ausdrücken zu wollen.

Ex-Präsident der vatikanischen Finanzaufsicht Brülhart befragt

Im Strafprozess zum Finanzskandal im Vatikan hat der angeklagte Ex-Präsident der Finanzaufsicht AIF, Rene Brülhart, sein Unverständnis über die Vorwürfe gegen ihn deutlich gemacht.

Seine Rolle als Präsident sei "nicht-exekutiv", "nicht-operativ" gewesen und unabhängig von seiner Beratertätigkeit für das Staatssekretariat, erklärte der Schweizer Finanzexperte zu Beginn seiner Befragung am Dienstag. Die AIF habe zudem nie eine Aufsichtsrolle über das Staatssekretariat gehabt. "Ich sehe keinen Interessenskonflikt", so Brülhart weiter.

Rene Brülhart / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)

Außer den beiden sind die italienischen Finanzmakler Enrico Crasso und Gianluigi Torzi sowie die Ex-Verantwortlichen der vatikanischen Finanzaufsicht (AIF), als Direktor Tommaso di Ruzza und als Präsident Rene Brülhart, angeklagt. Ebenfalls zu den Angeklagten zählen Beccius Ex-Sekretär, Mauro Carlino, der Fondsmanager Raffaele Mincione, der Rechtsanwalt Nicola Squillace sowie Fabrizio Tirabassi. Letzterer war im Staatssekretariat für Investitionen zuständig.

Wie aus dem ehemaligen Verwaltungsleiter im Staatssekretariat, Alberto Perlasca, der Hauptzeuge werden konnte und warum er nicht auf der Anklagebank sitzt, fragen sich einige im Gerichtssaal. Perlasca übersah in den entscheidenden Jahren bis 2019 die Konten und Transaktionen. Auch die Rolle von Beccius Nachfolger als Substitut, Erzbischof Edgar Pena Parra, bleibt von außen betrachtet unklar.

Was wusste Pietro Parolin?

Ebenso die Frage, über was der amtierende Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin Bescheid wusste. Spätestens als Ex-AIF-Präsident Brülhart am Dienstag auf der Anklagebank befragt wird, klingt die "Sündenbock-Theorie" stellenweise nicht ganz unplausibel. Dem Schweizer, der ausgewiesener Experte in Anti-Geldwäsche-Fragen ist, wird Amtsmissbrauch vorgeworfen. Besonders kritisch gesehen wird seine Doppelrolle als AIF-Präsident und Berater des Staatssekretariats. Ihm ist das Ganze sichtlich unangenehm. Er erklärt, dass die AIF nie Aufsicht über das Staatssekretariat hatte und sich für ihn kein Interessenskonflikt ergibt. Auch Richter Pignatone unterbricht die teils scharfe Befragung immer wieder, lässt Fragen nicht zu. Strafverfolgung und Zivilklage hingegen sehen sich im Recht. Aber zu Recht?

Von Ende Juli bis Anfang März hatten die Parteien über formale Fragen gestritten. Auch wenn der Vorsitzende Richter am Ende die unzähligen Anträge der Verteidigung auf Verfahrenseinstellung abwies. Dabei geht es vor allem um die Befragung des Hauptzeugen Perlasca. Um Video- und Audioaufnahmen, die nach Aussage der Verteidigung nie vollständig eingereicht wurden. Die Strafverfolgung beruft sich darauf, dass die nicht zur Verfügung gestellten Elemente irrelevant oder Teil laufender Ermittlungen sind. Zufriedenstellend scheint das für wenige. Umso mehr, als das Gericht Strafverfolger Alessandro Diddi explizit und mehrfach aufforderte, Materialien nachzureichen.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin / © Walter Wetzler (KNA)
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin / © Walter Wetzler ( KNA )

Letztlich entschied Pignatone, doch die Befragungen zu beginnen. Doch auch die sind bislang eine zähe Angelegenheit. Über den Mai hinaus sind bereits Verhandlungstage terminiert - Ende offen. Pignatone ist große Mafia-Prozesse gewöhnt und geduldig - bis zu einem gewissen Punkt. "Wir müssen vor 2050 mit der Befragung zu einem Ende kommen. Das ist eine Lebenshoffnung. Und ich bin hier der Älteste", platzt es bei der Brülhart-Befragung aus dem 72-Jährigen heraus.

Autor/in:
Anna Mertens
Quelle:
KNA