Bayerischer "Hungerkosterlass" wurde vor 80 Jahren verfügt

Organisierter Mord an Kranken und Behinderten

Mit dem Abbruch der sogenannten T4-Aktion im Sommer 1941 hörte die Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen in der Nazizeit nicht auf. Das Töten wurde nur perfider. Ein Blick in die dunkle Vergangenheit.

Akte der "Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee" / © Christopher Beschnitt (KNA)
Akte der "Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee" / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung galten den Nationalsozialisten als "lebensunwertes Leben". In der "Aktion T4" ließen sie ab 1940 massenhaft Patienten in spezielle Tötungsanstalten abtransportieren. Als sich immer mehr Protest gegen dieses menschenverachtende Vorgehen regte, auch aus der katholischen Kirche, brach Adolf Hitler die Aktion nach einem Jahr offiziell ab. Im Geheimen ging das Morden weiter, nur dezentral.

Für die zweite Phase der nationalsozialistischen Krankenmorde ist der 30. November 1942 ein wichtiges Datum. Da verfügte der Leiter der Gesundheitsabteilung im bayerischen Innenministerium, Walter Schultze, dass in den Heil- und Pflegeanstalten ab sofort nur noch arbeitsfähige Insassen vollwertig ernährt werden sollten. Allen anderen verordnete er Schmalkost. Das Schreiben ging als "Hungerkosterlass" in die Geschichte ein und zeigte weit über Bayern hinaus Wirkung.

Hungerkost, das hieß konkret: eine wässrige Gemüsesuppe fast ohne Nährwert, weder Fleisch noch Fett. Die Folge war ein Tod auf Raten, manchmal wurde mit Beruhigungsspritzen nachgeholfen. Entwickelt und im eigenen Hause erprobt hatte diese Diät der Direktor der psychiatrischen Anstalt in Kaufbeuren-Irsee, Valentin Faltlhauser (1876-1961). Der ehrgeizige Nervenarzt galt zu Beginn seiner Karriere als Reformer. Anders als viele seiner Kollegen lehnte er es lange als unethisch ab, Kranke zu töten. Bis er nicht länger Außenseiter sein wollte.

Originales Hungerkost-Geschirr aus der "Heil- und Pflegeanstalt" Kaufbeuren-Irsee. / © Christopher Beschnitt (KNA)
Originales Hungerkost-Geschirr aus der "Heil- und Pflegeanstalt" Kaufbeuren-Irsee. / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Gezieltes Verhungern-Lassen

In den Anstalten in Eglfing-Haar, Kaufbeuren-Irsee, Erlangen, Ansbach und Mainkofen wurden spezielle Hunger-Häuser eingerichtet. Danach stieg die Zahl der Sterbefälle überall rapide an. Das gezielte Verhungern-Lassen wurde verschleiert: In den Akten steht, die Patienten seien an einer Lungenentzündung, Tuberkulose oder Durchfall verstorben. Tatsächlich schwächte die Mangelernährung die Körper so, dass sie vielen Krankheiten nichts mehr entgegensetzen konnten. Die absichtlich herbeigeführte Entkräftung kostete schätzungsweise bis zu 150.000 Patienten in ganz Deutschland das Leben.

Die strafrechtliche Ahndung dieser Verbrechen nach dem Krieg geriet zur Farce. Schultze wurde mehrfach verurteilt, aber niemals erlangten die Richtersprüche Rechtskraft. Faltlhauser erhielt 1949 wegen "Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag in mindestens 300 Fällen" eine mehrjährige Gefängnisstrafe, musste sie aber wegen angeblicher Haftunfähigkeit nie antreten. 1954 wurde er begnadigt. Auch seine Pension bekam er wieder ausbezahlt.

Involvierte blieben im Beruf

Im Prozess rechtfertigte sich der Arzt mit der Behauptung, er habe nicht aus verbrecherischer Absicht gehandelt, "sondern im Gegenteil von dem Bewusstsein durchdrungen, barmherzig gegen die unglücklichen Geschöpfe zu handeln". Er habe sie von einem Leiden befreien wollen, für das es keine Rettung gegeben habe.

"Nach 1945 legte sich eine Decke des Schweigens und der Verleugnung über die Psychiatrieverbrechen der NS-Zeit", schreibt der Erlanger Psychoanalytiker Hans-Ludwig Siemen im "Historischen Lexikon Bayerns". Ein Großteil der in die Verbrechen involvierten Ärzte, Schwestern und Pfleger blieb im Beruf. Jahrzehntelang bestritten die psychiatrischen Kliniken eine Beteiligung an der Vernichtungspolitik der Nazis.

Die Opfer nicht vergessen

Michael von Cranach, Psychiater und ehemaliger Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, am 21. November 2022 in seinem Arbeitszimmer in Eggenthal. / © Christopher Beschnitt (KNA)
Michael von Cranach, Psychiater und ehemaliger Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, am 21. November 2022 in seinem Arbeitszimmer in Eggenthal. / © Christopher Beschnitt ( KNA )

In Kaufbeuren war es Michael von Cranach, Faltlhausers Nachfolger von 1980 bis 2006, der mit der Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit seines Bezirksklinikums ernst machte. 1999 erstellte er eine Dauerausstellung für den Weltkongress der Psychiatrie in Hamburg, die seither immer wieder an wechselnden Orten gezeigt wird: "In Memoriam - zum Gedenken an die Opfer der NS-'Euthanasie'". Im selben Jahr gab er das Buch "Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten" heraus. Der unermüdliche Aufklärer wurde mit hohen Auszeichnungen bedacht.

Was lässt sich tun, damit sich diese furchtbare Geschichte nicht wiederholt? Zwei Dinge empfiehlt von Cranach, inzwischen 81-jährig, im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): die Opfer beim Namen nennen und so aus der Vergessenheit holen; noch feinfühliger werden für jede Form von Diskriminierung und Stigmatisierung.

Autor/in:
Christoph Renzikowski
Quelle:
KNA