Barcelona feiert Antoni Gaudí zum 100. Todestag präsenter denn je

Visionär aus Stein und Glaube

Kaum ein Architekt hat das Gesicht Barcelonas so nachhaltig geprägt wie Antoni Gaudí. Seine Werke verbinden Natur, Symbolik und Glauben. Im Juni jährt sich sein Tod zum 100. Mal und sein Lebenswerk wird neu beleuchtet.

Autor/in:
Sabine Schüller
Sagrada Familia in Barcelona / © Pajor Pawel (shutterstock)
Sagrada Familia in Barcelona / © Pajor Pawel ( shutterstock )

2026 ist ein Jubeljahr der Meister-Architektur: Barcelona feiert nicht nur den 100. Todestag von Antoni Gaudí im Juni, sondern auch die Sagrada Família. 

Beides macht deutlich, wie sehr Leben, Glaube und Architektur bei diesem außergewöhnlichen Künstler miteinander verwoben waren: ein Visionär, dessen steingewordener Glaube bis heute Menschen aus aller Welt anzieht. Was fasziniert bis heute an seinen Bauten?

Blick über Barcelona mit der Sagrada Familia / © Pandora Pictures (shutterstock)
Blick über Barcelona mit der Sagrada Familia / © Pandora Pictures ( shutterstock )

Antoni Gaudí, 1852 im südkatalanischen Reus geboren, entwickelte früh eine Architektur, die historische Vorbilder weit hinter sich ließ. Seine Schaffenskraft war enorm: Parallel arbeitete er an Wohnhäusern, Sakralbauten und städtebaulichen Projekten. Gaudí schuf Räume, in denen Statik, Ornament und Symbolik eine Einheit bilden. 

Sein Stil wird dem katalanischen Modernisme zugerechnet, einer Variante des Jugendstils, die Handwerk, Kunst und symbolische Gestaltung zu Gesamtkunstwerken verschmelzen lässt. Der Architekt setzte diese Idee konsequent um: Fassaden wölben sich wie Wellen, Säulen verzweigen sich wie Bäume, Mosaike und Dachstrukturen erinnern an Drachen oder Wirbeltiere.

Sagrada Família – die Lebensaufgabe

Die berühmte Basilika Sagrada Família, sein letztes Werk, steht wie kein anderes Bauwerk für Gaudís Vision. 1883 übernahm er die Leitung des Projekts und widmete ihm seine letzten Lebensjahre fast vollständig. Die Kirche sollte "eine Bibel aus Stein" werden. Türme, Portale und Skulpturen erzählen von Geburt, Leiden und Auferstehung Christi.

Der zentrale Turm Jesu Christi (Torre de Jesucristo) soll pünktlich zum 100. Todestag des Architekten am 10. Juni eingeweiht werden. Mit einer Gesamthöhe von 172,5 Metern – einschließlich des 17 Meter hohen und begehbaren Kreuzes an der Spitze - ist er bereits jetzt der höchste Kirchturm der Welt. Ein Besuch von Papst Leo XIV. in Spanien gilt als sehr wahrscheinlich.

Inhalt und Form fließen ineinander

Gaudís Stil entzieht sich jeder gängigen Einordnung. Die Casa Batlló im Herzen Barcelonas macht deutlich, warum: Wellenförmige Fassade, schimmernde Keramikscherben und ein drachenartiges Dach prägen dieses Juwel.

Organische Außenfassade von Casa Batlló nach einem Entwurf des Architekten Antoni Gaudí, am 23. Juli 2025 in Barcelona (Spanien) / © Gunnar Knechtel (KNA)
Organische Außenfassade von Casa Batlló nach einem Entwurf des Architekten Antoni Gaudí, am 23. Juli 2025 in Barcelona (Spanien) / © Gunnar Knechtel ( KNA )

Innen setzt sich die organische Linie fort, als bewege man sich durch einen lebendigen Fisch- oder Drachenkörper. Hier zeigt sich Gaudís Fähigkeit, Funktion und organische Ästhetik zu verbinden. Im Dachgeschoss wird dieses Prinzip besonders deutlich: Parabolbögen tragen das Dach, oft mit Rückgrat oder Fischgräten verglichen. 

Sie verdeutlichen, wie Gaudí Konstruktion und Form untrennbar verbindet. Überall im Haus verzichtet er auf gerade Wände: Decken, Fenster und Treppen fließen ineinander und erzeugen den Eindruck eines organischen Körpers.

Gebogene Linien für den Herrn

Die Architekturhistorikerin Maria Antonietta Crippa vom Politecnico di Milano erklärt: "Die gerade Linie gehört dem Menschen, die gebogene Linie hingegen Gott". Zugleich zeigt die Casa Batlló, wie Gaudí ästhetische Vision und technische Funktionalität vereint. 

Das Belüftungssystem war für die Zeit ungewöhnlich modern: Luftzirkulation und Temperierung wurden ingenieurtechnisch geplant, sodass die Räume ästhetisch, organisch und funktional optimal gestaltet wurden.

Auch die Fassade erzählt eine symbolträchtige Geschichte, wie Kathrin Benz in ihrer Biografie "Antoni Gaudí - Der Architekt Gottes" beschreibt. Demnach nehmen das schuppenartige Mosaik und die knochenartig geformten Balkongeländer Bezug auf die Legende des katalanischen Nationalheiligen Jordi, des Drachentöters Georg.

Das wellenförmige Dach soll an den Rücken eines Drachen erinnern, die kreuzförmige Spitze wird demnach als Schwert gedeutet, mit dem der Drache bezwungen wird. Wer genau hinsieht, könne erkennen, dass Gaudí hier Architektur, Mythos und religiöse Symbolik verknüpft.

Genie oder Exzentriker?

Schon zu Lebzeiten polarisierte Gaudí. Für manche war er ein visionärer Erneuerer, für andere ein exzentrischer Sonderling. Sein asketisches Leben, das Ignorieren vieler gesellschaftlicher Normen und die radikal neue Formensprache brachten ihm auch Kritik und Spott ein. Zeitgenössische Karikaturen stellten seine Häuser bisweilen als Märchenkulissen oder groteske Bauwerke dar.

Dennoch blieb Gaudí unbeirrt und orientierte sich an der Natur und an seinem Glauben. Seine Architektur folgt der Überzeugung, dass die Formen der Natur die beste Lösung für Statik und Ästhetik liefern. Sieben seiner Bauwerke zählen zum Unesco-Weltkulturerbe.

In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Gaudí immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Der Junggeselle lebt schlicht, kleidet sich einfach und widmet sich fast ausschließlich der Sagrada Família. Am 7. Juni 1926 wurde Gaudí von einer Straßenbahn erfasst; aufgrund seines unscheinbaren Äußeren erkannte man ihn zuerst nicht. 

Wenige Tage später, am 10. Juni, starb er im Armenspital Santa Creu. Beigesetzt wurde er in der Krypta der Sagrada Família - also gewissermaßen im Herzen seines Lebenswerks.

Sagrada Familia

Die Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona / © FrimuFilms (shutterstock)
Die Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona / © FrimuFilms ( shutterstock )

Die Kirche Sagrada Família in Barcelona gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Spaniens. Das Wahrzeichen der Stadt ist ein Werk des Architekten Antoni Gaudí (1852-1926). Mit dem Bau des nördlich der Altstadt gelegenen Gotteshauses wurde 1882 begonnen. Gaudí selbst starb nach 40 Jahren Arbeit in unmittelbarer Nähe der Kirche in Folge eines Verkehrsunfalls. Die komplette Fertigstellung des Gotteshauses soll in den 2030er Jahren erfolgen. Seit 2000 läuft für Gaudi ein Seligsprechungsverfahren.

Quelle:
KNA