Schausteller bangen um letzte wirtschaftliche Hoffnung

Auch keine Weihnachtsmärkte?

Es gibt in Deutschland kaum eine Branche, die wirtschaftlich so hart von der Coronakrise getroffen wurde, wie die der Schausteller. Bundesweit wurden Volksfeste und Weihnachtsmärkte abgesagt und die Aussichten sind düster.

So wird es in diesem Jahr wohl auf keinem Weihnachtsmarkt aussehen / © Kite_rin (shutterstock)
So wird es in diesem Jahr wohl auf keinem Weihnachtsmarkt aussehen / © Kite_rin ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: "Wir wurden auf null gestellt", das hat gerade erst der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, Albert Ritter, in einem Interview gesagt. Wie prekär schätzen Sie die Situation für die rund 5.300 Schaustellerfamilien ein?

Pfarrer Sascha Ellinghaus (Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge): Die Schaustellerbranche und die Zirkusbetriebe befinden sich nach wie vor in einer noch nie dagewesenen Situation ihres Berufsstandes. Nachdem die meisten Branchen nach Beendigung des Lockdowns im Frühjahr ihre Arbeit mehrheitlich wieder aufnehmen konnten, setzte sich durch die verhängten Veranstaltungsverbote bis heute eine Art Berufsausübungsverbot für Schausteller, Zirkusleute und Marktkauf fort. Eine Saison 2020 im eigentlichen Sinne, hat es für sie nicht gegeben.

Die Schausteller gestalteten unter geltenden Hygieneregeln in mehreren Städten umzäunte Kirmesveranstaltungen, die weitgehend als Pop-Up-Freizeitpark durchgeführt wurden. Diese halfen einigen Schaustellern, überhaupt in diesem Jahr aktiv werden zu können und einige Lebenshaltungskosten selber einzuspielen. Aber dennoch konnte keine dieser Veranstaltungen auch nur annähernd die Wirtschaftskraft erbringen, die unsere traditionellen Volksfeste, von denen wir fast 10.000 haben, in unserem Land generieren.

Viele Schausteller und Zirkusbetriebe haben seit dem letzten Weihnachtsmarkt keine eigenen Einnahmen mehr erwirtschaften können. Das hält kein gesunder Betrieb über Dauer aus. Soforthilfen und Überbrückungsgelder in der ausgezahlten Höhe waren bisher in keiner Weise geeignet, um das Überleben der Branche, in der viele Tausend Menschen leben, in irgendeiner Weise zu sichern.

DOMRADIO.DE: Jetzt hat man vielleicht noch gehofft, dass Winter- oder Weihnachtsmärkte stattfinden könnten. Aber auch da ist jetzt das Aus absehbar und ziemlich besiegelt. Sehen Sie für dieses Jahr noch irgendeinen Hoffnungsschimmer für die Branche?

Ellinghaus: Als im Sommer die Infektionszahlen stabil waren, da hatte man sich frühzeitig mit den Städten in Verbindung gesetzt, wie die Weihnachtsmärkte 2020 aussehen können. Die Schausteller waren aktiv und kompromissbereit, um Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen perfekt umsetzen zu können. Sie waren also gut gewappnet. Das ging natürlich mit Verzicht einher.

Dass die Zahlen mit Neuinfektionen gerade jetzt so in die Höhe geschossen sind, hat in den letzten Tagen zu vielen Absagen bereits geplanter und genehmigter Konzepte geführt. Das ist ein neuer Schock für die Schausteller. Viele haben sich erhofft, doch wenigstens mit den Einnahmen des Weihnachtsmarktes als einzige Einnahmequelle 2020 die vor uns liegende Winterzeit überbrücken zu können. Das ist ein erneuter schwerer Schlag für Schausteller und Marktkaufleute.

DOMRADIO.DE: Wenn sie mit den Schaustellern in Kontakt sind, von welchen Sorgen hören Sie dann ganz konkret?

Ellinghaus: Eine Situation wie heute hat es in der langen Geschichte der Schausteller und Zirkusleute nicht gegeben. Selbst nach Kriegszeiten waren sie in der Lage, wenn sie ein Geschäft hatten und die Menschen danach verlangten, wieder Volksfeste und Zirkus-Aufführungen durchführen zu können. Es ist das erste Mal in ihrer Geschichte, dass Sie durch die geltenden Verordnungen daran gehindert sind, ihre Lebensberufung frei auszuüben.

Es gibt da natürlich viele verschiedene Unterschiede. Aber man kann schon sagen, dass die finanzielle Lage schwer auf den Schultern der Schausteller und Zirkusbetreiber lastet. Sie müssen für ihre Familien, teilweise für Angestellte sorgen und ihre Geschäfte auch weiterhin warten, um sie fit für die Zukunft zu halten. Viele Betreiber haben auch Kredite für ihre Fahrgeschäfte und Betriebe laufen, die ohne Verdienst nicht bedient werden können. Einige müssen in dieser Zeit sogar ihre Altersrücklagen angreifen, um das Überleben zu sichern. Das heizt natürlich an.

Dazu kommt, dass man als Schausteller und Zirkusmensch nicht nur einen Beruf ausübt, sondern eine generationsübergreifende Berufung verspürt, in diesem Gewerbe seit Familiengenerationen zu leben. Dieser Berufung nicht nachgehen zu können, belastet auch die Psyche.

DOMRADIO.DE: Wie groß ist die Solidarität in der Branche? Steht man gut zusammen?

Ellinghaus: Die Branche ist von je her durch das gemeinsame Leben und enge verwandtschaftliche Verflechtungen miteinander verbunden. Auch in dieser Situation steht man eng zusammen, auch wenn man mal unterschiedlicher Meinung ist, wie und in welcher Intensität man seine Anliegen bei der Politik zu Gehör bringen sollte. Die Schaustellerverbände leisten hier, glaube ich, großartige Arbeit, die wir weiterhin unterstützen sollten und wollten.

Wir als Kirche tun das dadurch, dass wir immer wieder Kontakt mit Politikern aufnehmen und sie aus unserer Sicht noch einmal auf die schwierige Situation der Schausteller und Zirkusbetriebe sowie der Marktkaufleute hinweisen. Denn auch das Arbeitsfeld der Zirkus- und Schaustellerseelsorge kann in diesem Jahr nur beschwert bearbeitet werden. Unsere Begegnungsorte sind auch die Volksfeste und Zirkusmanegen, wo wir unsere Gläubigen treffen. Wir sind nun nach den Absagen der Feste und Tourneen, alle weit verstreut.

Um für die Leute da zu sein und Kontakt zu halten, nutzen wir viel mehr Telefon und soziale Medien als sonst. Auch unsere Gottesdienste sind natürlich in diesem Jahr alle ausgefallen. Als Kirche versuchen wir, bei den Menschen zu sein, ihre Sorgen anzuhören, da zu sein und natürlich auch die christliche Botschaft zu vermitteln, dass Gott auch durch schwierige Zeiten ein Helfer ist, um nicht seelisch abzurutschen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Pfarrer Sascha Ellinghaus, Leiter der Katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge / © Dieter Mayr (KNA)
Pfarrer Sascha Ellinghaus, Leiter der Katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge / © Dieter Mayr ( KNA )
Quelle:
DR