Viele Menschen kennen von Calvin kaum mehr als den Namen. Wer mehr weiß, hat häufig die Vorstellung von einem humorlosen, sittenstrengen Menschen. Im Film verwandelt sich der Schauspieler Julian Mehne in den gelehrten asketischen Mann. Die überlieferten Bilder und Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert zeigen ein ernstes, hageres Gesicht. Vor wechselnden Kulissen spricht Julian Mehne Sätze aus Briefen und Werken Calvins. So werden die Stationen eines lange sehr unsteten Lebensweges, das Calvin von Noyon, nach Orleans, Paris, Zürich und Genf führte, verdeutlicht.
Theologen und Historiker aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden beschreiben und interpretieren den Werdegang und die Wirkungsgeschichte dieses Mannes, der in seiner Widersprüchlichkeit nicht einfach zu verstehen ist. So trägt sein Sittenkodex, den er den Genfern und allen Christen abverlangte, durchaus totalitäre Züge. Demokratisch dagegen wirkt seine Forderung, der Mensch habe sich allein Gott zu unterwerfen und nicht den Fürsten. Die Strenge und Disziplin, die er sich selbst abverlangt, wird begleitet von Milde und Großherzigkeit, mit der er sich um Bedürftige kümmert.
Einfluss auf die moderne Welt
Die beiden Autoren Werner Köhne und Andre Schäfer erkunden aber nicht nur die Spuren in der Geschichte, sondern sie versuchen aufzuzeigen, wo und wie Calvin die moderne westliche Gesellschaft, unabhängig von Glauben und konfessionellen Überzeugungen, beeinflusst. Sie zeigen, wie Calvins Gedanken und Glaubensvorstellungen über die Niederlande nach Nordamerika gebracht wurden. Hier prägten sie die Gesellschaft auf sehr unterschiedliche Weise.
Der Film bemüht sich, einen Mann aus dem Dunkel der Geschichte herauszuholen und ihn und seine Wirkung möglichst umfassend darzustellen. Dies ist Verdienst und Nachteil gleichermaßen. Der mit den Fakten wenig vertraute Zuschauer hat Schwierigkeiten, die Eindrücke zu ordnen. Hilfreich wäre gewesen, den Lebensweg chronologisch zu beschreiben: Die Studienjahre in Paris und Orleans, wo er den Humanismus und die Lehren Luthers kennenlernt, der willkürlich über den Vater verhängte Kirchenbann, das Jura-Studium, der Beginn der theologischen Studien, die wachsende Abkehr von der katholischen Kirche, die Veröffentlichung seines Hauptwerkes, schließlich sein Wirken in Genf. Auf dieser Basis wäre es leichter gewesen, den Spuren zu folgen, die sich in unterschiedlicher Weise bis heute ausmachen lassen und die der Film aufnimmt und beschreibt.
Denkanstöße
Darunter sind auch Erscheinungsformen, bei denen sich Experten sicher sind, dass sie keineswegs im Sinn Calvins sind. Heute berufen sich autoritär geprägte Glaubensgemeinschaften ebenso auf Calvin wie demokratische Freigeister.
Den Autoren muss zugestanden werden, dass sie es mit einem komplexen und sperrigen Charakter und einem ebensolchen Thema zu tun hatten. Allemal gibt der Film Denkanstöße und macht Erscheinungen und Strukturen der modernen westlichen Gesellschaft verständlicher. Wer dieser Johannes Calvin war und was er dachte, ist für alle interessant - gleich ob Atheist, Katholik, Anglikaner oder Protestant.
Hinweis. "Johannes Calvin Reformator und Reizfigur" Film von Werner Köhne und Andre Schäfer. ARTE, Sa 4.7., 21.55 - 22.50 Uhr.
ARTE begibt sich auf Spurensuche nach Calvin
Mann der Widersprüche
Vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509, wurde in der französischen Bischofsstadt Noyon Jean Cauvin geboren. Die Geschichtsbücher kennen ihn als Johannes Calvin und Reformationsführer in Genf. Wer war dieser Mann, der sich von der katholischen Kirche abwandte und als Lehrer und Pfarrer wirkte? ARTE begibt sich auf Spurensuche.
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