Anglikanische Welt schaut auf Lambeth-Konferenz

Welche Kirche braucht das 21. Jahrhundert?

Die anglikanische Kirche soll ein Vorbild für die Welt sein. Das wünschen sich die Gastgeber der Lambeth-Konferenz, die ab Samstag ihre Diskussionen aufnimmt. Die Erwartungen an die Weltkonferenz in Canterbury sind groß.

Weltkonferenz der anglikanischen Kirche / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Weltkonferenz der anglikanischen Kirche / © Sabine Kleyboldt ( KNA )
Justin Welby, anglikanischer Erzbischof von Canterbury / © Paul Haring (KNA)
Justin Welby, anglikanischer Erzbischof von Canterbury / © Paul Haring ( KNA )

"Lasst uns mit einem Gebet beginnen", überrascht Erzbischof Justin Welby die anwesenden Journalisten. Dann betet er um Heiligen Geist für die anglikanische Lambeth-Konferenz, die an diesem Freitagabend offiziell eröffnet wird - endlich, so ist überall auf dem Uni-Campus in Canterbury zu spüren. Hier wappnen sich rund 660 Bischöfinnen und Bischöfe sowie 480 ihrer Ehegatten in Gespräch und Gebet für die nächsten zehn Tage. Denn nicht nur die Wettervorhersage verspricht: Es wird heiß bei der Weltkonferenz der Anglikaner.

"Wir sind eine Gemeinschaft von Kirchen, nicht nur eine einzige Kirche", erklärt Welby, als Erzbischof von Canterbury Gastgeber der 15. Lambeth-Konferenz seit 1867. "Das heißt, jede einzelne Kirche ist autonom, aber untereinander abhängig", so der Ehrenprimas des erstaunlichen Gebildes, das aus 43 Provinzen und einigen außerprovinziellen Kirchen besteht. Er selbst sei verantwortlich für alles, was schief geht, lässt der 66-Jährige seinen Humor aufblitzen. Auch für Welby, seit 2013 Erzbischof in der Herzkammer der Anglikanischen Kirche, ist es die erste Lambeth-Konferenz.

Anglikanische Kirche

Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. In Glaubensfragen blieben die Anglikaner zunächst bei der katholischen Lehre; später setzten sich protestantische Einflüsse durch. 1549 erschien das erste anglikanische Glaubensbuch, das "Book of Common Prayer".

Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel (epd)
Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel ( epd )

An der ersten Konferenz vor 155 Jahren nahmen 76 Bischöfe teil, bis in die 1970er Jahre waren bei den alle zehn Jahre stattfindenden Treffen vor allem "alte weiße Männer" zugegen, dann kamen immer mehr People of Colour und schließlich auch Frauen hinzu. "Heute bilden die Menschen aus dem globalen Süden die Mehrheit in unserer Kirche", so Welby. Entsprechend soll es bei der Lambeth-Konferenz unter dem Motto "Gottes Kirche für Gottes Welt" besonders um Themen wie Armut, Klimawandel, Verteilungsgerechtigkeit, Versöhnung gehen.

Keine Antwort auf den Umgang mit Homosexualität

Doch wie auch bei der letzten Konferenz vor 14 Jahren steht auch heute der Elefant im Raum: die Frage nach dem Umgang der Kirche mit homosexuellen Menschen, ihrer möglichen Weihe zu Priestern und Bischöfen sowie die Segnung gleichgeschlechtlicher Ehen. Das wird auch bei der Eröffnungspressekonferenz deutlich, als immer wieder nach den Text-Entwürfen zum Thema gefragt wird, die die Vorbereitungsgruppe vorige Woche veröffentlicht und nach hitzigen Debatten in Sozialen Medien nochmals angepasst hat. Sie entstanden aus den Online-Gesprächen von 500 Bischöfen, die sich 2021 in Gruppen mit den zehn Schlüsselthemen der Konferenz befassten: Mission und Evangelisierung, "Safe Church", Anglikanische Identität, Versöhnung, Menschliche Würde, Umwelt und nachhaltige Entwicklung, christliche Einheit, interreligiöser Dialog, Jüngerschaft, Wissenschaft und Glaube.

Über jedes der Themen wird auf Basis der Entwürfe die nächsten Tage einzeln beraten. Rechtlich bindende Beschlüsse kann die Lambeth-Konferenz jedoch nicht fassen, denn sie sei ja keine Synode, betont Welby. Statt "Resolutionen" wie bei früheren Konferenzen wählte man diesmal den Begriff "Aufrufe" (Calls), der mehr Offenheit signalisieren soll, erläutert Erzbischof Tim Thornton von der Vorbereitungsgruppe. "Es ist ein fortlaufender Prozess, der nicht hier in Canterbury endet, sondern dann in den Diözesen weitergeht, wo die Bischöfe ihre Eindrücke und Erkenntnisse mit den Gläubigen diskutieren sollen."

Unterprivilegierten eine Stimme geben

Die Konferenz wolle kein "Fullstop" - "Punkt am Ende des Satzes" - sein, sondern ein Komma, betont die junge Theologin Cathrine Ngangira aus Simbabwe, ebenfalls Mitglied der Vorbereitungsgruppe. Und: Man wolle den Verletzlichsten und Unterprivilegierten eine Stimme geben.

Auch Welby will den Blick auf andere wichtige Themen der Konferenz wie etwa Konflikte, soziale Ungerechtigkeit und Klimawandel lenken, von denen etwa 80 Prozent der großen anglikanischen Kirchenfamilie betroffen seien. Es solle sich doch nicht alles um das Thema Sexualität drehen, auch wenn es deshalb seit Jahren gewaltig knirscht in der Kirchengemeinschaft. Einige konservative Bischöfe haben darauf ihre Teilnahme abgesagt. 2008 wurde gar die "Global Anglican Future Conference" (GAFCON) gegründet, als Antwort auf die von einer Reihe anglikanischer Kirchen praktizierte Öffnung für LGBT-Menschen.

Doch schon in früheren Lambeth-Konferenzen sei es immer wieder um Reizthemen gegangen, betont Welby: Polygamie, Verhütung, Wiederverheiratete Geschiedene und Ordination von Frauen. "Wir wollen die Fähigkeit der Anglikanischen Gemeinschaft zeigen, trotz ihrer vielen Unterschiede zu handeln - als ein Vorbild in einer Welt, die immer weniger dazu in der Lage ist."

Autor/in:
Von Sabine Kleyboldt
Quelle:
KNA