Ägypten legt nach Papstworten Dialog mit Vatikan auf Eis

Ernstes Signal aus Kairo

Der Dialogvertrag zwischen dem Vatikan und der Kairoer Al-Azhar-Instítut galt lange Zeit als Musterbeispiel christlich-islamischer Beziehungen auf höchster Ebene und anspruchsvollem theologischem Niveau. Nun hat Ägypten den Dialog für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt - wegen kritischer Äußerungen des Papstes zum Islam. Im Vatikan bemüht man sich um Schadensbegrenzung.

 (DR)

Sprecher Federico Lombardi versicherte, dass der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog an seiner Linie der Offenheit und am Wunsch nach Dialog festhalte. Zugleich sucht man diskrete Vermittlung auf politischen und diplomatischen Wegen: über die Nuntiatur, aber auch über Persönlichkeiten und Gemeinschaften mit Kontakten zu beiden Seiten. Der Ratspräsident und frühere vatikanische "Außenminister" Kardinal Jean-Louis Tauran hat sich persönlich eingeschaltet. Anlass für die Kairoer Verstimmung sind jüngste Äußerungen des Papstes zu Anschlägen auf Christen in der islamischen Welt, im Irak wie in Ägypten. Beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps hatte sich Benedikt XVI. am 10. Januar "zutiefst betrübt" über Attentate gegen Christen im Irak wie im ägyptischen Alexandria geäußert. Diese Folge von Angriffen sei "ein weiteres Zeichen für die dringende Notwendigkeit, dass die Regierungen der Region wirksame Maßnahmen zum Schutz der religiösen Minderheiten ergreifen", so der Papst. Als Reaktion darauf berief das ägyptische Außenministerium umgehend seine Botschafterin beim Heiligen Stuhl zu Konsultationen nach Kairo. Vor ihrer Abreise traf Lamia Aly Hamada Mekhemar freilich noch zu einem klärenden Gespräch mit dem vatikanischen Außenminister Erzbischof Dominique Mamberti zusammen. Komplexe Beziehungen Der strenge Kurs Kairos und nun auch der Islamgelehrten resultiert aus dem Eindruck, der Papst wolle die ägyptische Regierung für die Ausschreitungen gegen die Kopten mitverantwortlich machen oder Staat und Polizei mangelnden Schutz der koptischen Minderheit vorwerfen. Diese Argumentation, die zunächst von radikalen Islamkreisen vertreten wurde, aber zunehmend auch in der Politik Widerhall findet, wolle man nicht hinnehmen. Der Vorgang zeigt, wie komplex die islamisch-christlichen Beziehungen sind. Wie unterschiedlich die kulturellen, politischen und geistigen Vorstellungen etwa von Religions- und Gewissensfreiheit oder auch von Demokratie sind. Zudem sind auch Al-Azhar und ihre Institute kein homogener Block. Vielmehr dozieren dort Gelehrte unterschiedlicher Strömungen, die auch unterschiedliche Akzente zum Verhältnis von Religion, Politik und Staat setzen. Offenbar bleiben die Verschiebungen in Ägypten hin zu einem traditionelleren Islam nicht ohne Auswirkungen auf die renommierte Universität. Unlängst gab es dort einen personellen Wechsel. Nach dem Tod von Muhammad Sayyad Tantawi (1928-2010), der ein gutes Verhältnis insbesondere zu Papst Johannes Paul II. hatte, folgte vor knapp einem Jahr Muhammad Ahmed al Tayyeb (65). Dieser hatte den Papst bereits am 1. Januar wegen einer prokoptischen Äußerung kritisiert. Oder geht es generell um die Linie des Vatikan? Der Vatikan nimmt das Signal aus Kairo sehr ernst. Zwar lehnen Prälaten einen Vergleich zum Regensburger Vortrag vom September 2006 und seinen Auswirkungen entschieden ab. Aber Rom weiß, dass es für den Dialog auf Verbündete im moderaten Islam angewiesen ist. Die zu finden, wird augenscheinlich nicht einfacher. Inzwischen gibt es auch eine ganz andere, freilich wenig überzeugende Deutung für den plötzlichen Abbruch des Dialogs. Der römische Pressedienst asianews schreibt am Freitag, es gehe nicht um die jüngsten Papstworte, sondern generell um die Linie des Vatikan gegenüber dem Islam - und um die dafür zuständigen Vatikanmitarbeiter. So habe Al-Azhar für die nächste Konferenzrunde mit dem Vatikan darauf gedrängt, dass der Islamexperte des Dialogrates, der jordanische Prälat Khaled Akasheh, künftig nicht mehr teilnehmen solle. Nachdem der Vatikan sich geweigert habe, habe Kairo den Dialog auf Eis gelegt, so die Version von asianews.

Autor/in:
Johannes Schidelko