"Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft – und sie empfing vom Heiligen Geist". So heißt es im Gebet des Engel des Herrn, das traditionell am Morgen, am Mittag und am Abend eines jeden Tages das Leben für ein kurzes Innehalten unterbricht. Das Angelus-Gebet ist gleichsam eine kleine tägliche Erinnerung an die Menschwerdung Gottes – quasi ein Mini-Weihnachten im Alltag. So wie das Angelus-Gebet jeden Tag der Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus gedenkt, so fällt mitten in die Fastenzeit – näher hin genau neun Monate vor Weihnachten - das Hochfest der "Verkündigung des Herrn".
Ich finde, das ist ein wunderbarer Zeitpunkt: Kurz vor dem Osterfest, an dem wir den Tod und die Auferstehung Jesu feiern, erinnern wir uns am 25. März, dass Gott aus Maria der Jungfrau Mensch geworden ist. Die beiden Feste liegen zeitlich so nah beieinander, dass auch ihr inhaltlicher Zusammenhang sofort auffällt.
Gott wird Mensch. Er lebt als einer von uns und teilt alles mit uns, bis hinein in den Tod. Und weil er selbst unsere Menschennatur so vollständig angenommen hat, nimmt er auch uns alle mit hinein in sein ewiges Leben, wenn er an Ostern mit seiner Auferstehung den Tod ein für alle Mal überwindet. Wenn wir also am 25. März neun Monate in die Zukunft schauen und auf die Geburt Jesu zu Weihnachten blicken, sehen wir mit demselben Blick schon in wenigen Tagen die Ereignisse in der Karwoche und am Osterfest.
Beides – Weihnachten und Ostern – haben denselben Grund: die bedingungslose Liebe Gottes zu einem jeden von uns, die ihn erst in den Stall nach Betlehem, dann ans Kreuz auf Golgotha gehen lässt und die uns schließlich den Weg in ein unbegreiflich glückliches Leben bei Gott für alle Ewigkeit eröffnet.
Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln