Wochenimpuls

Unter Heiden

"Ich respektiere, wenn Menschen nach schlechten Erfahrungen mit der Kirche mit ihr nichts mehr zu tun haben wollen. Aber eine Sache ist mir schleierhaft: Warum sind so wenige neugierig darauf, ob das Christentum der Menschheit vielleicht doch mehr als Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und tausendfachen Missbrauch beschert hat […] während sie alles Gute und Schöne, das Evangelium, die Eucharistie, die Nächstenliebe, […] die Kunst und den Trost für alle, die allein, krank und verzweifelt sind, unter den Tisch fallen lassen?"

Das schreibt der Journalist und Autor Tobias Haberl in seinem Buch "Unter Heiden". Es trägt den Untertitel: "Warum ich trotzdem Christ bleibe - Was kann das 21. Jahrhundert eigentlich von gläubigen Menschen lernen?" Ich finde mich in diesen Zeilen wieder. Es ist wichtig und richtig, die Augen nicht vor den Schattenseiten zu verschließen, die es in der Kirche gab und gibt. Gleichzeitig ist die Frage aber durchaus berechtigt, warum nicht mit genauso viel Eifer über das Helle und Gute in der Kirche öffentlich gesprochen wird.

Neue Studien zeigen, dass sich gerade unter jungen Menschen eine vorsichtige Renaissance des Glaubens ereignet. In Frankreich wurden beispielsweise im letzten Jahr über 17.000 Erwachsene getauft. Und auch hierzulande ist spürbar: Menschen sehnen sich nach Sinn und letztlich - oft auch unausgesprochen - nach Gott. Diese Bewegung ist weit davon entfernt, eine Mehrheit zu sein, aber das Bedürfnis nach Antworten und Sinn ist echt.

An Haberls Aussagen gefällt mir so gut, dass er dafür wirbt, unvoreingenommen dem Glauben eine faire Chance zu geben - nicht für die Institution, nicht für den Papst, die Bischöfe und Priester, sondern für sich selbst. Und wenn das nächste Mal Kreuzzüge oder Hexenverbrennungen als Argumente gegen einen frohen Glauben angeführt werden, dürfen wir mutig und einladend auch über das Gute und Schöne reden, das der Glaube bewirkt.

Ihr Rainer Woelki 
Erzbischof von Köln