Predigt aus dem Kölner Dom (16.11.2008)

Predigten: Predigt aus dem Kölner Dom (16.11.2008) (17.11.2008)

33. Sonntag im Jahreskreis.
Pontifikalamt aus dem Kölner Dom.
domradio.de übertrug am 33. Sonntag im Jahreskreis das Pontifikalamt aus dem Kölner Dom. In seiner Predigt zum Matthäus-Evangelium erinnerte Zelebrant Weihbischof Dr. Heiner Koch an die Endlichkeit des Menschen und seine Verantwortung gegenüber dem Wort Gottes: "Bring Deine Gaben ins Spiel."

Was ist die Zeit? Philosophen und Theologen, Physiker und Astronomen haben darüber nachgedacht. Aber Zeit-Fragen beschäftigen nicht nur Wissenschaftler und Gelehrte. Wir alle erleben Zeit und Zeitrhythmen: den Wechsel von Tag und Nacht, von Tages- und Jahreszeiten, die Abfolge der Lebensjahre, Lebensalter und Geschichtsepochen. Manchmal "läuft uns die Zeit davon" und wir versuchen, "Zeit zu sparen"; typisch für unsere Zeit ist eine enorme Beschleunigung der Zeit. Ohne "Zeitmanagement" kommt niemand mehr aus und immer mehr Menschen setzen auf die "Entdeckung der Langsamkeit" oder auf eine "Auszeit".
Gott hat unsere Zeit befristet und die ersten christlichen Gemeinschaften waren davon überzeugt, das Kommen Christi lasse nur noch kurze Zeit auf sich warten. In dieser kurzen Zeitspanne zwischen der ersten und der zweiten Ankunft Christi leben wir. Zeit ist für uns Wartezeit, oder besser: Zeit der Erwartung. Auf Christus warten, sein Kommen erwarten, heißt: in Gottes Gegenwart leben; und wer in Gottes Gegenwart lebt, hat alle Zeit der Welt.

Erste Lesung
Wenn wir heute von Arbeit sprechen, verengt sich unser Blick zumeist auf bezahlte Erwerbsarbeit. Unbezahlte Arbeit wird häufig übersehen. Sie ist zumeist Frauenarbeit. Weltweit wird 70 Prozent aller Arbeit von Frauen geleistet, während Frauen am globalen Gesamteinkommen nur mit 10 Prozent beteiligt sind. Von einer gerechten Aufteilung entlohnter und unbezahlter, anerkannter und übersehener Arbeit zwischen den Geschlechtern sind wir noch weit entfernt.
Es ist ermutigend, dass die Bibel einen klaren und offenen Blick für die Arbeit von Frauen hat. Das Buch der Sprichwörter lobt die "fähige Frau" von A bis Z: Die Zeilenanfänge bilden das Alphabet. Die tüchtige Frau organisiert, verwaltet und erweitert ein Anwesen. Sie produziert und knüpft eigenständig Handelsbeziehungen. Sie urteilt sachkundig und gerecht. Sie ist eine gute Ratgeberin, denn bei Gott sucht und findet sie Rat. Das biblische Lob der fähigen Frau - kein überforderndes Ideal, sondern ein Ruf zur Aufmerksamkeit für die tatsächliche Arbeitsleistung von Frauen und ein Schritt zur Gerechtigkeit weltweit.

Zweite Lesung
In dem langen Dankgebet, das den ersten Brief an die Thessalonicher eröffnet, hebt Paulus den tatkräftigen Glauben, die starke Liebe und die geduldige Hoffnung der Christinnen und Christen in der florierenden Hafenstadt, der Hauptstadt Mazedoniens, hervor. Paulus ist kein Schönfärber. Der Verlauf des Briefes zeigt, dass der Apostel sehr wohl die Schwächen und Schwäche seiner Leute sieht. Und dennoch: ganz uneingeschränkt und aus übervollem Herzen kann sich Paulus über eine Gemeinde freuen, die wir vielleicht klein und kümmerlich, unsicher und unfertig, schwach und schwankend nennen würden. Hoffnungsvolle Hellhörigkeit statt missmutiger Schwerhörigkeit, die mutige, die frohgemute Sehnsucht, dass sich Gottes Geist auch in unseren Gemeinden regt - könnten wir das nicht bei Paulus lernen?

Evangelium
Einen nicht geringen Teil unserer Lebenszeit bringen wir damit zu, uns mit anderen Menschen zu vergleichen. "Spieglein, Spieglein an der Wand …" Wir vergleichen nicht nur unser Aussehen, sondern vor allem unsere beruflichen Positionen, unsere Bankkonten, Häuser und Autos, den Erfolg und die Ansehnlichkeit unserer Partner und Kinder. Wie fruchtlos und im Wortsinne beklemmend dieses Verhalten ist, liegt auf der Hand.
In der Parabel von den Talenten werden die drei Sklaven mit ganz unterschiedlichen Geldbeträgen ausgestattet. Und doch erwartet ihr Herr, dass sie gleichermaßen mit ihren Gaben arbeiten. Ein Freibrief für soziale Ungleichheit? Wohl kaum. Aber vielleicht eine Befreiung. Die Unterschiede, die wir hochspielen, spielen vor Gott keine Rolle. Vor Gott und von Gott sind wir alle hochbegabt! Ein Beitrag vom Domradio Köln