Predigt aus dem Kölner Dom (05.10.08)

Predigten: Predigt aus dem Kölner Dom (05.10.08) (06.10.2008)

27. Sonntag im Jahreskreis
Kapitelsamt Kölner Dom zum Erntedankfest. domradio.de übertrug am 27. Sonntag im Jahreskreis das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom. Zelebrant war Domdechant Johannes Bastgen. Es sang die Domkantorei Köln unter der Leitung von Winfried Krane. An der Orgel spielte Domorganist Winfried Bönig.

In zwei Schrifttexten dieses Sonntags zeigt sich Gott als Eigentümer eines Weinbergs, den er schützend hegt und umsichtig pflegt. Doch der Weinberg (erste Lesung) bzw. seine Pächter (Evangelium) verhalten sich völlig anders, als der Herr des Weinbergs erwarten konnte. Der Weinberg steht biblisch für Israel, für Gottes eigenes Volk. Dass Israel Gottes Eigentum ist, nimmt diesem Volk nicht seine Freiheit, sondern schenkt sie ihm erst. Eine Erfahrung, die Israel immer wieder gemacht und immer wieder vergessen hat.
Wir können uns von den Texten des heutigen Sonntags aber auch daran erinnern lassen, dass die ganze Erde Gott gehört. Für diejenigen, die sich als legitime Besitzer des blauen Planeten fühlen, klingt das bedrohlich. Letztlich wird die Botschaft aber für alle befreiend sein. Wenn die Erde Gott gehört, dann können wir uns nämlich unsere Habgier sparen. Meine Parzelle muss ich dann nicht mehr mit Zähnen und Klauen gegen dich verteidigen. Niemand wird mir mein Plätzchen streitig machen, auch wenn ich es nicht aggressiv sichere - die Erde gehört ja Gott. Nimm bitte Platz! Wenn die Erde Gott gehört, wozu noch das Hauen und Stechen, das Belauern und Berauben? Erst die Erde, die Gott gehört, wird wirklich den Menschen gehören.

Wortgottesdienst

Erste Lesung
Ein trauriges, ein zorniges Lied. Es erzählt von einer schlimmen Enttäuschung, vom schmerzlichen Scheitern einer großen Liebe. Es erzählt von einem, der sich mit Haut und Haaren engagiert hat. Er hat sich selbst nicht geschont und dennoch hat sein Einsatz nicht gefruchtet. Was für ein Schmerz! Ausbeutung und Korruption herrschen in Juda. Der Prophet Jesaja prangert die Missstände an, indem er von Gottes vergeblicher Liebesmühe für seinen Weinberg Israel erzählt. Die Klage des Liebenden wird zur Anklage und mündet in eine Drohung: Dieser Weinberg ist nicht zu retten. Ich will seine schützende Hecke niederreißen! Der Sänger gibt dem enttäuschten Liebhaber recht. Doch dass er dieses traurige, zornige Lied singt, zeigt, dass Gott sein Volk nicht verloren gibt. Ein Liebeslied.

Zweite Lesung
Wir haben nichts zu lachen, wir haben Sorgen - das ist die stumme Botschaft vieler Gesichter, im Bus, beim Einkaufen, auf der Straße. Nüchtern betrachtet, drücken Paulus noch schwerere Sorgen. Bei der Verkündigung des Evangeliums ist er mit den römischen Behörden übel in Konflikt geraten und nun sitzt er in Haft; wer weiß, wie lange noch. Der Ausgang seines Prozesses ist höchst ungewiss. Und doch ruft der Apostel der Gemeinde, die er liebt, den biblischen Grund-Satz zu: "Sorgt euch um nichts."

Evangelium
Wer die Bibel kennt, hat schnell begriffen, wovon hier die Rede ist: Gott ist unbeschreiblich geduldig. Er sendet seinem Volk Boten um Boten und zuletzt seinen Sohn, um die Menschen zu einem Neuanfang zu bewegen. Gott wartet und wartet. Er hofft auf gute Früchte. Er wartet darauf, dass seine Menschen in Treue und Gerechtigkeit zusammenleben. Er wartet umsonst.
Mit dem Gleichnis von den bösen Pächtern hat Matthäus zweifellos die verhängnisvolle Auffassung genährt, das Volk Israel habe seine Erwählung verloren und die Kirche sei an Israels Stelle getreten. Doch ebenso klar ist: Bei Matthäus hat niemand Gottes Verheißungen für sich gepachtet. Was zählt, sind die guten Früchte, die Gerechtigkeit: dass wir im Tun und Lassen an Gottes Menschenliebe Maß nehmen, dass wir einander gerecht werden.

(Quelle: Messbuch 2008, Butzon & Bercker Verlag)

Ein Beitrag vom Domradio Köln