Predigt aus dem Kölner Dom

Predigten: Predigt aus dem Kölner Dom (21.07.2008)

16. Sonntag im Jahreskreis
Kapitelsamt aus dem Kölner Dom - Predigt als Audio und Video
domradio übertrug das Kapitelsamt am 16. Sonntag im Jahreskreis aus dem Kölner Dom. Zelebrant und Prediger war Domkapitular Robert Kümpel.

Ein reifer und liebender Mensch zu werden, ist ein erstrebenswertes Ziel. Aber wir erreichen dieses Ziel nicht, wenn wir geradewegs Fehlerlosigkeit und Vollkommenheit ansteuern. Denn dies führt nicht zu weiser Reife, sondern oft genug zu Rigorismus, Heuchelei oder zu einer Art von Leistungsspiritualität. Der Schöpfergeist Gottes und die Botschaft Jesu lehren anderes. Da geht es nicht gleich um Ãœberwindung, ja Verurteilung und Ausmerzung jeder Schwäche, sondern darum: Nimm erst einmal wahr und versuche zu erkennen, was die Schwäche zu sagen hat, denn man kann nur verändern, was man annimmt, auch das Dunkle. Lernen wir Weisheit und Geduld von Gott, von diesem Jesus, der gerade zu den Menschen am Rande Zugang fand.

Wortgottesdienst

Erste Lesung
Oft hört man den Vorwurf gegenüber Gott: Warum hat er dies zugelassen? Warum hat er nicht eingegriffen? Zuwarten, Geschehenlassen kann ein Zeichen von Schwäche sein, es kann aber auch ein Zeichen von Stärke und Weisheit sein. Schwäche ist es, wenn ich mich schnell, zu schnell, einschalte, weil ich vielleicht Angst habe, sonst meine Autorität zu verlieren. Stärke ist es, wenn ich nicht vorschnell urteile und verurteile, sondern Entwicklungen zulasse, damit mein Gegenüber selbst wachsen, sich wandeln, zu sich finden kann, aus einem Schwachen zu einem Starken werden kann. Das Buch der Weisheit meint: Bei Gott, dem Schöpfer, können wir diese Langmut und diese Milde aus Stärke lernen.

Zweite Lesung
Wir sind keine Ãœbermenschen. Unsere menschliche Schwachheit ist uns nur zu bewusst. Paulus hörte diese Schwachheit aus dem Stöhnen und Seufzen der Zungenredner heraus, die, vom Geist Gottes ergriffen, in unverständlicher Sprache und in unartikulierten Lauten zu Gott beteten. Ja, für Paulus kündete diese Art von Gebet von der Sehnsucht der ganzen Schöpfung nach Erlösung. Obwohl uns diese Form des Betens fremd ist, dürfen auch wir hoffen, dass Gottes Geist uns hilft, wenn uns die Worte und die Kraft ausgehen, wenn wir nicht mehr wissen, was wir beten sollen, was wir tun sollen.

Evangelium
Im 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums sind verschiedenste Himmelreich-Gleichnisse Jesu gesammelt, aus denen Weisheit spricht und Weite - wie eben der Himmel weit ist. Im ersten Gleichnis nimmt Jesus die Erfahrung der Bauern Israels mit dem Taumellolch auf, einem Kraut, das dem Weizen ähnelt, aber giftig ist. Auf diese Erfahrung aus der Landwirtschaft greift Jesus zurück, um ein grundsätzliches Problem anzusprechen: Wie gehen wir mit dem Bösen um? Wir Menschen sehnen uns immer wieder nach "kurzem Prozess" und wollen das Böse mit Stumpf und Stiel ausrotten. Jesus schlägt im Gleichnis einen anderen Weg vor. Denn wie oft erleben wir es: Etwas wird als das Böse gebrandmarkt und auszumerzen versucht. Aber vielleicht ist es gar nicht so böse, sondern es meldet sich darin etwas, was durchaus kostbar und voll Energie ist - etwas, was bisher nur verdrängt wurde und ans Licht möchte. Oder, auch das gibt es: Das Böse - oder "die Achse des Bösen" - ist mit dem Guten so verwurzelt wie das giftige Gewächs mit dem Weizen, sodass wir mit dem Schlechten auch das Gute ausreißen würden. Deshalb, sagt Jesus, warte mit dem Ausreißen des Bösen! Manchmal ist es aber auch sinnvoll, einen "Schnitt" zu machen (vgl. Mk 9,43-47). Um das Rechte zu treffen, brauchen wir die Gabe der Unterscheidung der Geister. Wir brauchen diesen Geist, der uns hilft herauszufinden, worum wir beten und was wir tun sollen.
(Quelle: Messbuch 2008, Butzon & Bercker Verlag)
Ein Beitrag vom Domradio Köln