"Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!" (Mt 21,9) – Großer Jubel in Jerusalem: Jesus zieht in seine Stadt Jerusalem ein, und die Menschen jubeln ihm zu wie einem König.
Szenenwechsel – nur 5 kurze Tage später: Jesus steht fast nackt, blutig gepeitscht und erniedrigt vor dem römischen Statthalter. Pilatus fragt die versammelte Menge, was er mit diesem Jesus machen solle. Und dieselbe Menge, die kurz zuvor noch „Hosanna dem Sohne Davids“ gejubelt hat, ist zum unversöhnlichen Mob geworden und schreit Pilatus regelrecht nieder: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"
Ich fand es immer schon befremdlich, diese beiden biblischen Szenen nebeneinander zu betrachten. Ich kann mich weder so richtig in die Menschenmenge am Palmsonntag hineindenken noch in den Mob vom Karfreitag. Ich glaube, ich würde kaum jubelnd auf die Straße gehen, wenn mir jemand erzählt, da kommt ein Prophet oder gar der Messias. Noch weniger kann ich mich in die blind wütende, schreiende, unversöhnliche Menge am Karfreitag hineinversetzen. Und dennoch handle ich – handeln wir alle – unbewusst immer wieder wie diese Menschen vom Palmsonntag oder vom Karfreitag.
Wie oft lasse ich mich von kurzlebiger Begeisterung anstecken, wenn doch ein wenig Abstand und Überlegung angebracht wäre? Und wie oft lasse ich mich von meinen eigenen oder von fremden Vorurteilen, die ich einfach ungeprüft übernehme, zu echten Ungerechtigkeiten hinreißen? Die Tage der Karwoche, sie halten mir den Spiegel vor und fordern mich zu Umkehr, Reue und Buße heraus.
Ihr Rainer Woelki
Erzbischof von Köln