Was meint Jesus, wenn er eine größere Gerechtigkeit als die der Schriftgelehrten verlangt? Im Kölner Dom hat Stadt- und Domdechant Robert Kleine erklärt, warum es nicht um strengere Regeln, sondern um eine veränderte Haltung geht – und weshalb Mord im Herzen beginnt.
Im Kapitelsamt am Freitag der ersten Woche der Fastenzeit nahm Stadt- und Domdechant Robert Kleine das Evangelium aus der Bergpredigt in den Blick. Jesus sagt dort: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“
Kleine stellte zunächst die naheliegende Frage: Was könne größer sein als die Gesetzestreue der Pharisäer, die sich intensiv mit den Geboten beschäftigten? Doch Jesus fordere nicht ein „mehr“ im Sinne von strenger oder detaillierterer Vorschriften. Es gehe nicht um Quantität, sondern um Qualität. „Radikal“ bedeute hier: an die Wurzel gehen.
Jesus richte den Blick auf die innere Haltung. Eine bloße Buchstabengerechtigkeit genüge nicht. Wer sich nur an das halte, was ausdrücklich verboten sei, übersehe den Kern des Gebotes. Am Beispiel des Tötungsverbotes erläuterte Kleine: Mord beginne nicht erst mit der Tat, sondern mit Gedanken, Worten und Haltungen. Zorn, Hass, Aggression und verletzende Sprache nähmen dem anderen bereits die Würde.
Wenn jemand sage: „Der ist für mich gestorben“ oder „Den mache ich fertig“, dann zeige sich darin eine Haltung, die Jesus kritisiere. Auch Verleumdung, üble Nachrede oder das systematische Niedermachen eines Menschen verletzten das Gebot. Nicht erst die vollendete Tat mache schuldig, sondern schon die innere Einstellung, die dem anderen den Wert abspricht.
Kleine verwies auf die goldene Regel und das Evangelium vom Weltgericht: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Maßstab sei Liebe und Barmherzigkeit. Eine größere Gerechtigkeit bedeute daher nicht zusätzliche Leistungen, sondern ein Handeln aus Güte, Respekt und Achtsamkeit.
Zum Abschluss rief der Domdechant dazu auf, diesen Weg nicht nur in der Fastenzeit zu gehen. Es gehe darum, die eigene Haltung zu prüfen und im Alltag aus einer inneren Gerechtigkeit heraus zu handeln.