Domkapitular Markus Bosbach stellte in seiner Predigt am vierten Sonntag im Jahreskreis den sogenannten "Tag des Zornes" in den Mittelpunkt. Ausgehend vom alten liturgischen Gesang Dies irae, der auf das Buch Zefanja zurückgeht, spannte Bosbach einen Bogen von der alttestamentlichen Prophetie bis zur Bergpredigt Jesu.
Er erinnerte daran, dass der "Tag des Zornes" in der Liturgie lange als düstere Gerichtsbotschaft verstanden wurde, insbesondere im Kontext von Totenmessen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei dieser Akzent bewusst zurückgenommen worden. Doch der Ursprung dieses Motivs bei Zefanja sei weniger weltgerichtlich als konkret-historisch zu deuten: Die Prophezeiung richte sich gegen eine ausbeuterische, gottlose Oberschicht in Jerusalem, die durch Prunk, Korruption und Götzendienst das Recht der Armen verletzt habe. Als die Babylonier Jerusalem zerstörten, habe sich diese Prophetie erfüllt – die Eliten wurden verschleppt, ein „demütiges und armes Volk“ blieb im Land zurück.
Zeichen seiner Parteinahme
Dieser Zorn Gottes, so Bosbach, sei daher kein Ausdruck von Rachsucht, sondern Zeichen seiner Parteinahme für die Erniedrigten. Er entlaste diejenigen, die unter Unrecht leiden, und mache deutlich, dass Gott das Schicksal der Gedemütigten nicht gleichgültig ist.
Im zweiten Teil der Predigt wandte sich Bosbach dem Evangelium des Tages zu: den Seligpreisungen aus der Bergpredigt. Jesus knüpfe an das Motiv des "armen und demütigen Volkes" aus dem Buch Zefanja an. Wenn er sagt: "Selig, die arm sind vor Gott". Dabei sei der Ausdruck "arm dem Geiste nach" nicht eindeutig. Aus Textfunden von Qumran lasse sich ableiten, dass es dabei nicht um eine rein spirituelle Haltung gehe, sondern um Menschen, die sozial ausgegrenzt, gedemütigt und klein gemacht wurden. Jesus preise genau diese Menschen selig – und nicht die Besitzenden oder Mächtigen.
Ohnmacht anerkennen und Vertrauen auf Gott setzen
Bosbach führte aus, dass sich in den Seligpreisungen ein Kontrast zur herrschenden sozialen Ordnung finde: Wer in der Welt nichts gilt, ist bei Gott groß. Wer verfolgt, verspottet oder übergangen wird, wird in den Mittelpunkt gestellt. Zugleich betonte er, dass nicht jede Armut automatisch zu Seligkeit führe. Entscheidend sei die Haltung vor Gott. Menschen, die ihre Ohnmacht anerkennen und ihr Vertrauen auf Gott setzen, seien damit gemeint.
Zum Schluss richtete Bosbach den Blick auf die Hörerinnen und Hörer selbst. Wie Paulus in seinem Brief an die Korinther feststelle, seien auch unter ihnen wohl nur wenige Mächtige oder Vornehme. Doch das allein sei keine Garantie für ein geglücktes Leben. Entscheidend sei, woran ein Mensch sein Herz binde. Wer an Besitz hänge, dem falle es schwerer, die geistige Armut zu leben, die Jesus in der Bergpredigt meint. Wer sich aber vor Gott als arm verstehe, könne anderen mit Achtung, Gleichwertigkeit und Liebe begegnen.
Ruf zur Gerechtigkeit, Demut und Geschwisterlichkeit
Die Kirche, so Bosbach abschließend, müsse eine Gemeinschaft sein, in der nicht weltliche Maßstäbe gelten, sondern Gottes Ruf zur Gerechtigkeit, Demut und Geschwisterlichkeit. Darin liege die Kraft, das Angesicht der Welt zu verändern.