26.07.2021

Priester Jacques Hamel vor fünf Jahren von Islamisten ermordet Die Botschaft einer "Eiligsprechung": Liebe siegt über den Hass

Seine brutale Ermordung durch Islamisten war ein Fanal. Schon bald stellten Papst Franziskus und der Erzbischof von Rouen die Weichen: Der französische Priester Jacques Hamel soll möglichst bald seliggesprochen werden.

Für die vom IS verfolgten Christen in Syrien etwa oder die Terroropfer von Boko Haram in Nigeria könnte der Vorgang einen eigentümlichen Beigeschmack haben. Im von islamistischer Gewalt nur selten gebeutelten Westen aber war der Reflex vieler Katholiken nach dem brutalen Mord an einem einfachen Gemeindepriester klar: "santo subito!" - Seligsprechung, so schnell wie möglich. Was vor fünf Jahren im normannischen Saint-Etienne-du-Rouvray geschah, führte den Gewohnheitschristen Westeuropas schlagartig die Realitäten in anderen Weltregionen vor Augen.

Ankündigung in den sozialen Netzwerken

Der 19-jährige Islamist Adel Kermiche aus dem Arbeiterort Saint-Etienne-du-Rouvray bei Rouen kündigte seine Tat wie selbstverständlich in den Sozialen Netzwerken an. Zwar war er polizeibekannt und trug eine elektronische Fußfessel. Und doch konnte er völlig ungehindert am Morgen des 26. Juli 2016 in die Pfarrkirche des Ortes spazieren und den 85-jährigen Geistlichen Jacques Hamel am Altar niederstechen. Mit einem Küchenmesser, wie man es zum Gemüseschälen benutzt.

Seinen gleichaltrigen Mittäter Abdel Malik Petitjean hatte er erst vier Tage zuvor kennengelernt. Die beiden hatten sich über das Internet radikalisiert; die Moschee besuchten sie eher selten. Die Bluttat war komplett improvisiert, offenbar mit einem bloßen Blick auf den Gottesdienstplan des Ortes. Einer der nur fünf Messbesucher, Guy Coponet, hat an dem Tag Geburtstag, wird 87. Die Attentäter zwingen ihn, mit einer Handkamera zu filmen, was dann folgt.

Hamel wird ermordet, ein anderer Mann verletzt

Die beiden Muslime reißen alles herunter, was auf dem Altar steht, halten eine Art Kampfpredigt. Der Priester, Jacques Hamel, will sie beruhigen - doch er weigert sich niederzuknien. Mit zwei Messerstichen beenden sie sein Leben. Dann ist der zweite Mann an der Reihe, Guy. Sie stechen ihn in Arm, Hals und Rücken. Stark blutend sackt er zusammen, vor den Augen seiner entsetzten Ehefrau. Doch er überlebt - auch weil einer Ordensfrau die Flucht gelingt und sie ein Einsatzkommando verständigt. Unterdessen beginnt einer der Islamisten mit den traumatisierten Frauen ein gespenstisches Gespräch über Gott und ihren Glauben. Als die Polizei eintrifft, treten die Täter hinaus - sie rufen "Allahu akbar" und werden erschossen.

Ja, in Syrien, im Irak, in Nordkorea und anderswo sterben Tausende Christen, weil sie Christen sind; viele durch die Hand von Islamisten. Doch Hamel ist der erste christliche Priester, der im 21. Jahrhundert in Westeuropa vermeintlich im Namen Allahs ermordet wird - in einer simplen französischen Dorfkirche in der Normandie.

Frist wird von Papst Franziskus ausgesetzt

Papst Franziskus bezeichnete Hamel als "Märtyrer" des 21. Jahrhunderts und gab vorzeitig Grünes Licht für sein Seligsprechungsverfahren; die im kirchenrechtlichen Verfahren vorgeschriebene Fünf-Jahres-Frist bis zum Prozessbeginn setzte er schon nach drei Monaten aus. Rouens Erzbischof Dominique Lebrun wie auch der Papst selbst bekundeten seither immer wieder ihren Wunsch, es möge möglichst schnell gehen.

Sein ganzes Leben verbrachte der einfache und treue Gemeindepriester Jacques Hamel als Diener der einfachen Leute an den Rändern von Rouen. Er trug abgestoßene, einfache Kleidung, mokierte sich schon in den 60er Jahren über seinen Bischof, der mit einem zu dicken Wagen vorfuhr. Seinen Priesterbruder rügte er, weil der im Peugeot unterwegs war - in einem Viertel, in dem ein großes Renault-Werk stand. Ein Franziskus-Mann, ein Priester des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).

Nachweis eines Heilungswunders entfällt

Insgesamt 69 Zeugen und Zeitgenossen Hamels wurden befragt; seit März 2019 ist der Untersuchungsprozess auf Bistumsebene abgeschlossen. In Rom erstellt nun die Heiligsprechungsbehörde einen Bericht für den Papst, bei dem die Letztentscheidung über die Seligsprechung liegt.

Für "Märtyrer", die aus "Hass auf den Glauben" ermordet wurden, entfällt der Nachweis eines Heilungswunders auf Vermittlung des Kandidaten. Das normale Verfahren kann mehrere Jahrzehnte dauern. Der Prozess für Hamel zählt nun zu den schnellsten der modernen Geschichte.

Immer mehr Selig- und Heiligsprechungen

Immer schneller dreht sich das Rad der Ausnahmen für ein Verfahren, das der Vatikan vor langer Zeit zur Entschleunigung und Objektivierung entwickelt hat - und das er schon seit rund 300 Jahren anwendet. Johannes Paul II., der Papst aus dem kommunistischen Polen, sprach im Wunsch, den Menschen des blutigen 20. Jahrhunderts Vorbilder zu geben, mehr Personen selig und heilig als all seine Vorgänger zusammen.

Und die Maschinerie der angelaufenen Prozesse taktet auch unter Benedikt XVI. (2005-2013) und Franziskus weiter. Inzwischen ist der Argentinier der Papst mit den meisten Selig- und Heiligsprechungen. 

Den Eindruck von "Eiligsprechungsmechanismen" sollte die Kirche in eigenem Interesse vermeiden. Im Fall Hamel freilich ist die theologische und politische Botschaft klar erkennbar: Die Liebe siegt über den Hass. Man will ein populäres Vorbild im Angesicht islamistischer Bedrohung bieten, den Terroristen christliche Nächstenliebe entgegenhalten. Hamels Mörder, so Rouens Erzbischof Lebrun, wollten "einen Priester töten - und haben einen Märtyrer geschaffen".

Alexander Brüggemann
(KNA)

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Lieblingsorte im Kölner Dom

Dompropst, Dommusiker, Domlektorin, Domdechant und andere mehr: Sie alle haben uns ihre Lieblingsorte im Kölner Dom verraten.

Schabbat Shalom: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – der Podcast

Jeden Freitag nehmen uns junge Jüd:innen in diesem Podcast mit in die Welt des Judentums. 

Tageskalender

Radioprogramm

 23.09.2021
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

  • Letzter Tag Bischofstreffen in Fulda
  • Kölner Domwallfahrt beginnt
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Himmelklar Podcast

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Die ganze Bibel im Ohr! Jetzt spenden!