Tauchner zu Rassismus: Der Konflikt ist weit davon entfernt, beendet zu sein.
Auch Priester erleben Rassismus
Pfarrer Regamy Thillainathan
Pfarrer Regamy Thillainathan

08.01.2021

Kölner Pfarrer beklagt strukturellen Rassismus in der Kirche "Rassismus beginnt, wo man ihn ignoriert"

Warum kommen die großen Theologen alle aus Deutschland? Wieso waren die meisten Kardinäle vor Franziskus Europäer? Auch in der Kirche braucht es ein grundsätzliches Umdenken beim "strukturellen Rassismus", fordert ein Priester mit asiatischen Wurzeln.

DOMRADIO.DE: Sie haben in einem Artikel der Zeitschrift "Forum Weltkirche" geschrieben, dass es einen strukturellen Rassismus nicht nur in der Gesellschaft, sondern ganz explizit auch in der katholischen Kirche in Deutschland gibt. Was meinen Sie damit?

Regamy Thillainathan (Leiter Berufungspastoral Erzbistum Köln): Die strukturelle Schwierigkeit liegt darin begründet, dass wir in unserer Kirche - ganz gleich ob es um Deutschland geht oder die Weltkirche - immer noch in den alten Anfängen unserer Kirchengeschichte hängen. Von hier aus, von Europa, musste und sollte die ganze Welt bekehrt werden. Sicherlich sind wir in vielen Ländern dieser Welt dankbar dafür, dass wir mit der Botschaft Jesu Christi in Berührung gekommen sind. Aber wir haben durch diese Missionserfahrung nicht nur den Glauben angenommen, sondern auch die Struktur übergestülpt bekommen, die hier schon vorher geherrscht hat. Das beginnt schon damit, dass unsere ganze Theologie auf der europäischen Philosophie aufgebaut ist. Wenn man zum Beispiel in verschiedenen Ländern dieser Welt Theologie betreiben will, wird man nur dann ernst genommen und anerkannt, wenn man sich irgendwann mal die Gelegenheit herausgenommen hat, in Europa zu studieren, vor allem hier in Deutschland, und hier Abschlüsse erworben hat. Da beginnt schon die strukturelle Schwierigkeit.

Es geht weiter damit, dass wir feststellen müssen, dass viele Bischöfe, die sich etwa im Amazonasgebiet als die großen Theologen herausstellen, deutschsprachiger Herkunft sind oder zumindest europäische Abstammung vorweisen. Da stellt sich mir die Frage: Wird man in dieser Kirche nur ernst genommen, wenn man in irgendeiner Form europäischen Einfluss, europäische Prägung, europäische Bildung vorweist?

DOMRADIO.DE: Spiegelt sich das auch in der internationalen Kirchenpolitik wider?

Thillainathan: In der weltweiten Kirchenpolitik sieht man ja, dass Papst Franziskus eine ganz andere Vision verfolgt. Er hat immer wieder durch Kardinalsernennungen bewiesen, dass er genau das durchbrechen will, was seit Jahrhunderten Tradition war: nämlich sich nur auf Europa zu beschränken.

Aber nur, weil der Papst diese Vision in seinem Kardinalskollegium oder in der Kurie verfolgt, heißt es noch lange nicht, dass es in Deutschland auch angekommen wäre. Man applaudiert fleißig, wenn der Papst diese Entscheidungen trifft. Aber wie sieht es bei uns vor Ort aus? Haben wir nicht auch hier strukturelle Schwierigkeiten?

DOMRADIO.DE: Von was für strukturellen Schwierigkeiten sprechen wir da?

Thillainathan: Rassismus beginnt immer da, wo man das Problem ignoriert. Immer, wenn ich dieses Thema anspreche, fühlen sich direkt viele angesprochen und kritisiert. Das will ich gar nicht. Es geht nicht darum, dass ich immer wieder den Finger in die Wunde legen möchte. Ich möchte nicht abwerten, sondern ich möchte Brücken bauen. Ich spreche das deshalb immer wieder an, weil sonst irgendwann Parallelgesellschaften auch in der katholischen Kirche existieren werden. Die existieren vielleicht sogar teilweise jetzt schon, aber die Gräben dürfen sich nicht vertiefen.

Erst einmal geht es darum, strukturellen Rassismus anzunehmen und anzuerkennen, ohne sich immer wieder in Ausflüchte zu manövrieren. Das zweite ist, dann zu schauen, ob das, was man macht, schon genug ist.

Beim Synodalen Weg zum Beispiel wird immer darauf hingewiesen: Es gibt ja die Vertreter der muttersprachlichen Gemeinden. Das stimmt. Aber das steht in keinem Vergleich zu der großen Schar von Menschen, die in unseren Gemeinden das Leben aufrecht erhalten. Da kann man sich nicht nur damit begnügen, einige Vertreterinnen und Vertreter zu benennen und zu sagen: Die sind ja irgendwie vertreten. Das ist für mich einfach nur eine Schönheits-Reparatur, aber keine wirkliche und ehrliche Begegnung mit dem Anderen.

Da würde ich die katholische Kirche - das beginnt bei der Bischofskonferenz bis hin zu unseren diversen Verbänden und Gremien - bitten, das ehrlich anzuschauen. Zu akzeptieren, das es einen strukturellen Rassismus gibt und dann zu schauen, ob das, was man schon macht genug ist oder ob es nicht noch einen Schritt weiter gehen muss, damit es ehrlich ist.

Bevor jetzt die Kritik kommt, dass es mir nur um Rassismus gehe und Diskriminierung ja auf verschiedenen Ebenen stattfindet: Ja, das ist so. Das Gleiche, was ich hier für Rassismus ausspreche, gilt auch für alle anderen Arten von Diskriminierungen.

DOMRADIO.DE: Jetzt arbeiten Sie selbst mit Theologie-Studierenden zusammen. Gibt es etwas, wo man vielleicht ganz zu Beginn des Theologiestudiums schon anfangen könnte, um die Diversität zu fördern?

Thillainathan: Ich bin sehr dankbar, dass wir in den vergangenen Monaten mit der theologischen Fakultät der Universität Bonn gemeinsam überlegen und daran arbeiten, dass wir möglichst vielen Studierenden eine Auslandserfahrung ermöglichen können. Wenn alles gut geht und die Corona-Pandemie das zulässt, werden in diesem Jahr viele Studierende  unserer Fakultät an der Universität Bonn Auslandserfahrungen, auch theologische Studien im Ausland, machen dürfen. Ich bin sehr froh darum, dass es nicht nur auf den europäischen Kontinent beschränkt bleibt, sondern dass sich zum Beispiel eine Studentin auf den Weg nach Japan macht, um eine ganz neue Theologie zu erfahren und sich mit der asiatischen Philosophie zu beschäftigen.

Da sehe ich schon erste Anzeichen. Das ist letztendlich dieser jetzigen Generation zu verdanken, die sicherlich auch von "Fridays for Future" und anderen Bewegungen geprägt ist. Man begnügt sich nicht mehr damit, dem nachzugehen, was schon immer da war. Besonders die Jugend hat da eine Vision, die auf das Mehr und auf das Weite hinausweist.

Das Gespräch führte Gerald Mayer.

(DR)

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