Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Erzbischof Ludwig Schick
Erzbischof Ludwig Schick
Präses Manfred Rekowski
Präses Manfred Rekowski

07.01.2021

Kirchliche Vertreter und Politiker aus Deutschland zu Ereignissen in den USA Entsetzen und Mahnungen

Mit Entsetzen haben Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland und deutsche Politiker auf die Ausschreitungen in den USA reagiert. Diese Ereignisse könnten aber auch eine Mahnung für Deutschland sein.

Erzbischof Schick: ​Mahnung zur Versöhnung

Die Ereignisse in Amerika seien erschreckend und beunruhigend, schrieb der katholische Theologe am Donnerstag auf Twitter. "Trump befeuert, leider Gottes, aber nur das Feuer des Zwiespalts und Unfriedens, das unter den Amerikanern brennt." Schick erinnerte in seinem Tweet auch an ein Zitat des US-Bürgerrechtlers und Baptistenpfarrers Martin Luther King (1929-1968): "Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass wie das Licht die Finsternis."

Die USA bräuchten, wie viele andere Gesellschaften in der Welt auch, Versöhnung, mahnte Schick, der Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Präses Rekowski: Warnung auch für uns

Die gewaltsame Erstürmung des Kapitols in Washington ist nach Einschätzung des rheinischen Präses Manfred Rekowski ein Ausdruck von Respektlosigkeit, Missachtung und Verhöhnung demokratischer Regeln des Rechtsstaates. "Es ist ein Angriff auf die Demokratie, wenn gewählte Repräsentanten des Staates in Parlamentsgebäuden zu Gejagten werden", sagte der leitende Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Hinzu kommt der unfassbare Umstand, dass der amtierende US-Präsident trotz der Gewalt auf Twitter seinen kompletten Lügensermon einer angeblich 'gestohlenen' Wahl wiederholt hat."

Diese Vorgänge müssten auch den Deutschen eine Warnung und Mahnung sein, sagte Rekowski und erinnerte an die Störaktionen durch Gäste der AfD, die im November Abgeordnete im Reichtagsgebäude bedrängt hatten. Im August hatten zudem Rechtsextremisten und andere Protestierende am Rande von Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen die Stufen des Reichstagsgebäudes gestürmt.

"Das Geschehen in den USA sollte auch bei uns noch dem Letzten deutlich machen, wie gefährlich solche antidemokratischen Haltungen sind und wie schnell aus Worten Taten werden können", sagte der 62-jährige Theologe. "Den Lügen und der Diffamierung von Menschen und demokratischen Institutionen müssen wir von Anfang an konsequent entgegentreten."

Theologin Käßmann: Kirchen könnten versöhnende Rolle spielen

"Die Bilder bestätigen die Erkenntnis: Gewalt beginnt mit Worten und endet mit Taten", sagte die evangelische Theologin Margot Käßmann dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag.

Käßmann zufolge zeigt sich der Riss durch die amerikanische Gesellschaft schon seit Jahren. Auf der einen Seite stünden liberale und weltoffene Kräfte, die sich längst in einer multiethnischen und auch multireligiösen Gesellschaft beheimatet fühlten. Auf der anderen Seite reagierten Menschen mit Angst und Verunsicherung darauf, dass die Welt sich verändert habe.

Die Kirchen könnten nach Ansicht Käßmanns in der angespannten Situation eine gewichtige und versöhnende Rolle spielen. "Manche tun es. Viele aber leider nicht, indem sie Donald Trump trotz seiner Lügen, seiner sexistischen und menschenverachtenden Äußerungen, seiner Gewaltdrohungen verteidigt haben." Ein Grund dafür sei, dass er ihre Ablehnung des Rechts auf Abtreibung unterstützt habe. "Das ist bedrückend."

Trump habe den Riss in der amerikanischen Gesellschaft zu einem tiefen Graben werden lassen. "Gott sei Dank sind es nur noch wenige Tage bis zum Ende seiner Amtszeit." Ob der Graben zugeschüttet werden könne, damit neue Chancen für eine geeinte Gesellschaft erwachsen, sei zweifelhaft. "Aber als Christin bin ich hoffnungsvoll, dass unmöglich Erscheinendes möglich wird. Und ich hoffe, die Kirchen tragen glasklar dazu bei", unterstrich Käßmann.

Bundespräsident Steinmeier: Demokratie ist unser kostbarstes Gut

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach am Donnerstag von einem "Sturm auf das Herz der amerikanischen Demokratie". Er sei das "Ergebnis von Lügen und noch mehr Lügen" sowie von "Demokratieverachtung, Hass und Hetze - auch von oberster Stelle". Steinmeier sieht eine Zäsur für die USA und für die liberale Demokratie. Er sei sich aber sicher, dass die Demokratie stärker sei als der Hass. "Die Demokratie ist unser kostbarstes Gut und lebt vom Engagement unserer Bürger."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte, die "verstörenden Bilder" hätten sie "wütend und traurig gemacht". Sie gab US-Präsident Donald Trump eine Mitschuld. Dass er Zweifel am Wahlergebnis geschürt habe, habe die gewalttätigen Ereignisse erst möglich gemacht.

Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) machte Trump mitverantwortlich. "Wer wie Trump jahrelang mit Worten zündelt und seine eigenen Anhänger ständig aufhetzt, der trägt Verantwortung für diese Attacke auf das Herz der amerikanischen Demokratie", schreibt Maas im "Spiegel". Es wäre allerdings selbstgerecht, jetzt allein mit dem Finger auf Amerika zu zeigen. "Auch bei uns, in Hanau, Halle, auf den Stufen des Reichstags, haben wir erleben müssen, wie Hetze und aufrührerische Worte in hasserfüllte Taten umschlagen."

Bundestagspräsident Schäuble: Exzesse eines gewaltbereiten Mobs

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble verwies auf die Verantwortung von Trump. Die "Exzesse eines gewaltbereiten Mobs" seien von dem abgewählten Präsidenten aufgeputscht worden, der "die Grundregel der Demokratie verachtet, seine offensichtliche Wahlniederlage einzugestehen", schrieb der CDU-Politiker an Nancy Pelosi, die wiedergewählte Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses.

Schäuble betonte, alle demokratisch verfassten Rechtsstaaten stünden derzeit vor der Herausforderung, Entscheidungen unter den Bedingungen der Globalisierung treffen zu müssen, mit der sich neben vielen Chancen auch gewaltige Konflikte verbänden. Die mit der tiefen gesellschaftlichen Spaltung verbundenen Interessengegensätze könnten nur mit dem parlamentarischen Verfahren friedlich ausgehandelt werden.

NRW-Ministerpräsident Laschet: Ereignisse Konsequenz einer polarisierenden, egozentrierten Politik

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat mit Bestürzung auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington reagiert. "Die Bilder waren für alle, die sich - wie ich - den USA eng verbunden fühlen, schrecklich", sagte er der "Rheinischen Post" (Freitag) in Düsseldorf. Der Kongress der Vereinigten Staaten sei ein Symbol für Freiheit und Demokratie in der ganzen Welt. Der Angriff auf die Demokratie sei "abstoßend", betonte Laschet.

Die Ereignisse seien Konsequenz einer polarisierenden, egozentrierten Politik, die die Gesellschaft durch Lüge und Unwahrheit bewusst spalte, statt sie zusammenzuführen. Laschet machte den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump dafür verantwortlich: "Der Angriff ist die Folge der dauerhaften Verachtung demokratischer Institutionen, die Präsident Trump seit Jahren zum Ausdruck bringt." Wer durch seine Sprache Aggression und Populismus säe, ernte Gewalt und Hass. "Auch in seinen letzten Statements hat der Präsident Öl ins Feuer gegossen, statt zur Mäßigung aufzurufen", sagte er der Zeitung.

Mit Blick auf Deutschland betonte Laschet: "Die Vorgänge mahnen uns, auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu achten. Auch bei uns gibt es eine latente Aggression in der Gesellschaft." Gerade im anstehenden Wahljahr müsse man "die Debatten so sachlich führen, dass das gesellschaftliche Klima nicht noch zusätzlich angeheizt wird".

(KNA, epd)

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