Sauerstoffflasche im Krankenhaus
Sauerstoffflasche im Krankenhaus
Pedro Ricardo Barreto Jimeno, peruanischer Jesuit, Erzbischof von Huancayo
Pedro Ricardo Barreto Jimeno, peruanischer Jesuit, Erzbischof von Huancayo

11.08.2020

Kardinal Barreto macht deutschen Konzern mitverantwortlich Peru ringt um Sauerstoff

Seit fünf Monaten hält das Coronavirus Peru im Griff. Viele Patienten sterben, weil es zu wenig medizinischen Sauerstoff gibt. Kardinal Barreto macht dafür ein ehemals deutsches Traditionsunternehmen mitverantwortlich.

Als Heeder endlich ein Krankenhaus fand, das ihn aufnahm, war es schon zu spät. Obwohl der 34-jährige Kunsthandwerker aus einer Vorstadt Limas sich noch recht gut fühlte, zeigte seine Sauerstoffsättigung nur 60 Prozent des normalen Werts. Was man ihm nicht ansah: Seine Lungen waren vom Coronavirus bereits großflächig angegriffen. Auch die künstliche Beatmung konnte ihm nicht mehr helfen. Einen Tag später starb er, nur kurz nach seinem Vater.

So wie Heeder sterben in Peru verhältnismäßig viele junge Menschen am Coronavirus. Und von allen Covid-19-Patienten in den Kliniken sterben 40 bis 50 Prozent - weit mehr als in anderen Ländern, sagt der Infektionsmediziner Fernando Mejia. Er leitet eine Covid-19-Station im staatlichen Krankenhaus Cayetano Heredia in Lima.

400 Patientenakten hat er verglichen und kam bei allen zum selben Schluss: "30 Prozent der Patienten kommen mit einer sehr geringen Sauerstoffsättigung zu uns, 40 Prozent geben an, dass sie Sauerstoff gesucht und nicht bekommen haben."

Kardinal gibt ehemals deutschem Unternehmen Mitschuld

Perus Gesundheitsministerium hat es seit Jahren versäumt, seine Krankenhäuser mit eigenen Sauerstoffanlagen auszustatten, wie dies in anderen Ländern gang und gäbe ist. Obwohl die Regierung bereits am 4. Juni per Notdekret die Herstellung medizinischen Sauerstoffs als prioritär anordnete, hat sie es bis heute nicht geschafft, genügend davon für die inzwischen 478.000 Infizierten bereitzustellen.

Kardinal Pedro Barreto aus Huancayo macht einen ehemals deutschen Konzern für den Sauerstoffmangel in Peru verantwortlich. In seiner Diözese befindet sich die seit 2012 stillgelegte Metallschmelze von La Oroya. Doch im Industriekomplex befinden sich zwei Sauerstoffanlagen, die der Tochtergesellschaft Praxair der inzwischen in Irland angesiedelten Linde Group gehören, aber von diesen bewusst nicht in Betrieb genommen werden. "Das Leben gilt nichts. Internationale Unternehmen machen Geschäfte mit der Pandemie", empört sich Kardinal Barreto.

Er und eine Gruppe von 85 Ingenieuren und Medizinern aus Huancayo möchten, dass die Sauerstoff-Anlage in La Oroya wieder in Betrieb genommen wird, um Corona-Patienten zu versorgen. "1.200 Sauerstoffflaschen a 10 Kubikmeter könnte man damit täglich füllen", sagt Barreto. Doch Praxair bzw. die dahinterstehende Linde Group lehnen dies ab.

Die Technologie sei veraltet, eine kurzfristige Instandsetzung ausgeschlossen, sagte Praxair-Geschäftsführer Julio Caceres der peruanischen Wirtschaftszeitung "Gestion". Einer gemeinsamen Delegation unabhängiger Ingenieure und eines Vertreters der Erzdiözese Huancayo wurde eine Inspektion der Anlagen verwehrt.

Der Ingenieur Fernando Jimenez von der Katholischen Universität Perus konnte die Apparate in La Oroya dagegen inspizieren; es sei einen Versuch wert, sie wieder flott zu machen: "Denn der für die Industrie hergestellte Sauerstoff ist derselbe wie der für die Krankenhäuser", sagt Jimenez. Nur die Vorschriften bei der Abfüllung seien verschieden.

Kartelle und illegale Preisabsprachen

Der Handel mit medizinischem Sauerstoff in Peru wird von zwei internationalen Firmen beherrscht: Praxair/Linde Group liefern 80 Prozent davon an staatliche und private Krankenhäuser. Die US-amerikanische Firma AirProducts hält 20 Prozent der Lieferverträge. Kleinere Sauerstofflieferanten mussten angesichts dieses Kartells aufgeben.

Vor sieben Jahren verhängte die peruanische Kartellbehörde INDECOPI wegen illegaler Preisabsprachen eine Strafe von umgerechnet 5 Millionen Euro gegen die beiden Sauerstofffabrikanten. Das Urteil wurde im Juni letztinstanzlich bestätigt. "Dieses Geld könnte der Staat investieren, um die Anlage in La Oroya wieder in Betrieb zu nehmen", sagt Kardinal Barreto.

Denn auch wenn Praxair/Linde und Airproducts nun Tag und Nacht Sauerstoff produzieren: es reicht nicht angesichts der immer noch steigenden Zahl von Corona-Fällen. Die katholische Kirche sammelt deswegen Geld, um kleine Sauerstoffanlagen für Provinzstädte kaufen zu können.

Ingenieur Jimenez hat mit seinen Studenten eine solche Anlage entwickelt und nach langwierigen Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium die Erlaubnis zur Produktion bekommen. "Wir haben bereits 200 Aufträge für die Anlagen", sagt er. Eine kleine Variante, die 120 Kubikmeter Sauerstoff täglich produziert, kostet umgerechnet 45.000 Euro, eine für 480 Kubikmeter gut 100.000 Euro. Dennoch sind solche Apparate nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Ein Patient mit Covid-19 braucht bis zu 40 Kubikmeter Sauerstoff täglich.

Die Umwidmung oder Wiederinstandsetzung vorhandener industrieller Anlagen zur Sauerstoffherstellung könnte Menschenleben retten, ist Kardinal Barreto überzeugt. Darum hat er in einem Brief auch die Geschäftsführung der Linde Group in Deutschland gebeten. Barreto hofft, dass von der obersten Firmenleitung ein Machtwort gesprochen wird, zugunsten einer Inbetriebnahme in La Oroya. Denn andernfalls würden noch mehr Menschen sterben.

Hildegard Willer
(KNA)

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