Proteste in Hongkong: Polizisten laufen bei einer Demonstration eine Einkaufsstraße entlang
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07.08.2020

Missionierung in China "Problematisch, wenn ein Christ öffentlich Profil zeigt"

Der Theologe und Gefängnisseelsorger Tobias Brandner lebt in Hongkong und äußert sich besorgt über die Freiheitsrechte, die durch China immer stärker eingeschränkt werden. Es sei wie ein dramatischer Erosionsprozess in den vergangenen zwei Jahren.

DOMRADIO.DE: Sie arbeiten als Professor an der Universität Hongkong. Dürfen Sie als bekennender Christ und Theologe noch nach China einreisen?

Tobias Brandner (Schweizer Theologe und Gefängnisseelsorger in Hongkong): Bisher durfte ich noch, zuletzt im August 2019. Seither bin ich nicht mehr eingereist, vor allem wegen Covid-19. Aber ich gehe davon aus, dass ich kein Problem hätte, wenn ich einreise. Ich hatte das letzte Mal kleinere Probleme, aber das hing wohl mit einer Reisegruppe zusammen, die ich leitete, das ist etwas sensibler.

DOMRADIO.DE: China hat sich zum Beispiel als Mitglied der Welthandelsorganisation gut in die liberale Staatengemeinschaft integriert. Innenpolitisch sieht das aber anders aus. Wie kann ein Christ dort seine Religion leben? 

Brandner: Solange ein Christ nicht auffällt, solange er seinen Glauben privat praktiziert, egal ob in einer registrierten oder nicht registrierten Kirche, kann er eigentlich weitgehend seinen Glauben leben. Problematisch wird es, wenn ein Christ öffentlich Profil zeigt, allenfalls ein berühmter Pfarrer ist, allenfalls sichtbare Aktivitäten organisiert. Dann wird es problematisch.

DOMRADIO.DE: Erst kürzlich ist in Deutschland das Buch einer Ärztin erschienen, die grauenhafte Details von den Umerziehungslagern aus China schildert, in die die Uiguren, eine muslimische Minderheit, interniert werden. Ist das Leben für Muslime in China besonders schwer? 

DOMRADIO.DE: Ja, ich denke, bei den Muslimen kommt noch eine zusätzliche Komponente dazu, dass aus der Sicht des chinesischen Staates eine sezessionistische Gefahr von ihnen ausgehe. Die uigurischen Bevölkerungsgruppen sind eben ganz klar ethnisch verbunden mit den Uiguren in Westchina oder den Hui. Sie fühlen sich eigentlich eher den zentralasiatischen und türkischen Staaten zugehörig. Deshalb haben sie eigentlich eine grundsätzliche, ethnisch bedingte Distanz zu dem Han-chinesisch dominierten China.

DOMRADIO.DE: Sie leben in Hongkong. Wie groß ist die Angst dort, dass die Freiheiten, die jetzt noch gelten, eingeschränkt werden ?

Brandner: Wir erleben einen sehr traurigen, man könnte fast sagen, dramatischen Erosionsprozess, der bisher doch recht gut bestehenden zivilen Freiheiten innerhalb der letzten zwei Jahre. Seit einem Jahr ist es damit wirklich massiv bergab gegangen. Es gibt bisher noch keinerlei Hinweise, dass darunter auch die Religionsfreiheit leidet, die ist immer noch vollkommen garantiert. Wenn man in Betracht zieht, wie schnell sich die Dinge in den vergangenen zwei Jahren geändert haben, ist es doch eher bedenklich. Ich denke, eine gewisse Angst ist da durchaus berechtigt.

DOMRADIO.DE: Christen aus China nutzen das neue Seidenstraßenprojekt insgeheim als Missionsroute. Ist das nicht Ironie: Das geopolitische Vorzeigeprojekt der Chinesen wird benutzt, um zu missionieren. Wie genau gehen die chinesischen Christen vor?

Brandner: Man muss sich dessen bewusst sein, dass es immer noch eine sehr kleine Dimension ist. Es ist eine Bewegung, die noch an einem recht frühen Punkt steht. Die Hauptausrichtung von chinesischen, christlichen, missionarischen Bemühungen geht natürlich auf die chinesischen Leute selbst zurück, weil eben durch diese globalen Verknüpfungen und die Handelsbeziehungen viel Migration ausgelöst wird. Mission und Evangelisation im Inneren von China ist sehr erschwert. Es handelt sich um einen sehr repressiven Staat, deshalb nutzen viele, zumal die chinesische Christen, diese Gelegenheit für ihre migrierten Landsleute, um sie einfach in diesen anderen Ländern erreichen zu können.

Damit richtet sich die Mission zunächst einmal an andere chinesische Menschen. Aber dann, in einem zweiten Schritt, hat sich da durchaus auch eine Bewegung entwickelt, die darauf zielt, eben nicht nur die Chinesinnen und Chinesen zu erreichen, sondern, und da wird es eben interessant, vor allem auch die Muslime. Aus einer chinesischen christlichen Perspektive scheint der Westen daran gescheitert zu sein, quasi die Muslime zu missionieren. Da sehen sich chinesische Christen teils in der Verantwortung, etwas heroisch könnte man sagen, sie wollen das Scheitern der westlichen Christen wettmachen und zeigen, dass sie das können, weil sie eben sehr viel behutsamer vorgehen - nicht gemeinsam mit Kolonialismus.

DOMRADIO.DE: Sie selbst beschreiben sich ja auch als Missionar. Welche Auffassung haben Sie von dem Begriff?

Brandner: Ich nenne mich nicht so, ich werde so genannt, und es stört mich nicht, weil es eben eine Realität ist. Christentum ist immer auch missionarisch, sonst ist es kein Christentum. Ich finde durchaus, man soll diesen Begriff auch wieder beanspruchen. Aber mir geht es in erster Linie nicht um diesen Begriff, sondern mir geht es darum, dass die Kirche immer auch eine Kirche ist, die über sich hinaus und aus sich heraustritt, aus den Mauern der Kirche heraustritt und eine Bezogenheit zur Welt hat. Mission ist zunächst nicht einfach Evangelisation, sondern etwas sehr viel Breiteres, nämlich das Wirken der Kirche über die kirchliche Mauern hinaus in gesellschaftliche Partizipation, diakonische Projekte, aber eben auch in sozial-transformative Belange.

DOMRADIO.DE: Als Gefängnisseelsorger in Hongkong praktizieren Sie ja wirklich christliche Nächstenliebe. Was motiviert Sie denn dazu, dort Kriminellen seelischen Beistand zu leisten? 

Brandner: Ich habe diese Menschen von Grund auf gern, weil sie nicht grundsätzlich schlechter als irgendwelche anderen Menschen sind. Sie haben teils schwere Delikte begangen, teils auch nicht so schwere. Aber das Faszinierende ist, dass auch diese Menschen, die teilweise sehr schädliche und grausame Verbrechen begangen haben, Anspruch auf die Vergebung Gottes haben, auch ihnen gehört die Vergebung Gottes.

Das ist eine wichtige Botschaft, die für uns "normale Menschen" teilweise schwierig zu akzeptieren ist, dass eben auch Menschen mit einer üblen Vergangenheit genauso nah oder fern von Gott sind wie alle anderen auch. Ich erlebe das oft so, dass Menschen im Gefängnis in keiner Weise schlechter sind als andere Menschen, die in Freiheit leben. Ich mag diese Menschen, sie haben eine gewisse Direktheit, auch eine Kraft, die mir sehr nahe kommt und die ich auch bewundere.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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