Ein Demonstrant streckt während eines Protests seine Faust in die Höhe
Ein Demonstrant streckt während eines Protests seine Faust in die Höhe
Frido Mann
Frido Mann

01.08.2020

Frido Mann über Glaube, Literatur und Wahlen "Demokratie ist eine brüchige Angelegenheit"

Zu seinem 80. Geburtstag zeigt sich Frido Mann, "Lieblingsenkel" des Schriftstellers Thomas Mann, besorgt: um die Demokratie, weltweit und insbesondere in den USA. Im Interview der spricht er über die politische Stimmung und über persönliches Glück.

KNA: Herr Professor Mann, in Ihrem jüngsten Blogbeitrag rufen Sie vor allem junge Menschen auf, sich für Demokratie und Grundrechte einzusetzen. Warum diese Themen und diese Zielgruppe?

Frido Mann (Psychologe und Schriftsteller, Enkel von Thomas Mann): Im vergangenen Herbst habe ich eine sechswöchige Lecture Tour durch die USA und Kanada gemacht, finanziell unterstützt von der Krupp von Bohlen Stiftung, dem Auswärtigen Amt und anderen Sponsoren. Ich habe viele Universitäten, High Schools und Colleges besucht. Denn ich bin der Meinung, dass die junge Generation die Zukunft ist - auch bei interessanten Fragen wie jener nach der Demokratie, die grade weltweit geschwächt und in Frage gestellt wird.

KNA: Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?

Mann: Entsprechend der unterschiedlichen Situationen in den USA sind auch die Reaktionen unterschiedlich. In New York und Boston war die Resonanz sehr schön. In den Midlands dagegen war zu spüren, wie groß die Polarisierung zwischen den Jugendlichen ist, aber auch zwischen den Eltern und den Jugendlichen. In Denver hieß es etwa, man solle besser nicht über Demokratie sprechen, weil das zu Unruhen führen könnte. In Kansas City hat mich ein Lehrer gefragt, was ich vom "sozialistischen" Gesundheitswesen in Deutschland halten würde. Die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft wird also immer drastischer.

KNA: Sie sind nicht nur in Deutschland, sondern auch in Brasilien und vor allem den USA verwurzelt. Ist die Gefährdung der Demokratie das Thema, das Sie am meisten umtreibt?

Mann: Genau das. Wir können uns nicht zurücklehnen und den 3. November abwarten, den Wahltag in den USA. Wenn dieser Menschverächter und Wirtschaftsegoist noch einmal gewinnt, dann weiß ich nicht, wie es weitergeht. Das ist eine Bedrohung für die Welt. Womöglich würde dieser Präsident sogar die Verfassung ändern und zu einer Art ewigem Diktator werden. Daher müssen so viele Menschen wie möglich dafür einstehen, dass das nicht passiert.

KNA: Sie haben in Ihrem Leben in so unterschiedlichen Bereichen wie Musik, Theologie, Psychologie, zuletzt sogar Quantenphysik gewirkt und Erfolge gefeiert. Welche Rolle hat dabei Ihre berühmte Herkunftsfamilie gespielt?

Mann: In meiner Familie war es verbreitet, sich möglichst vielseitig zu interessieren. Zugleich wollte man humanistische Werte realisieren, und zwar durch eine Offenheit, die Beschäftigung mit verschiedenen Bereichen. So gibt es im Werk Thomas Manns kaum ein Thema, das ausgelassen wurde. Auch mein Lebenslauf mag so wirken, als ob ich von Gebiet zu Gebiet springen wollte. Aber in Wirklichkeit interessieren mich immer die Varianten des Dialogs und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

KNA: Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Mann: Im Theologiestudium habe ich mich etwa mit dem Dialogprinzip des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber beschäftigt. Später in der Psychologie habe das Gebiet der Gesprächspsychotherapie ausgewählt. Diese dialogische Sache ist für mich auch heute in einigen neuen Bereichen sehr wichtig geworden.

KNA: Der "gefährliche Keim der literarischen Ambitionen" habe bei Ihnen "erst spät zu sprießen begonnen", schreiben Sie. Warum? Hatten Sie Angst vor zu großen Fußstapfen?

Mann: Das war eine gewisse Bürde, man steht immer im Schatten. Manche Reaktionen sahen auch so aus: Was will der denn jetzt auch noch in diesen Bereich gehen, muss das sein?! Irgendwann gewöhnen sich die Leute daran. Inzwischen schreibe ich keine Romane mehr, sondern eher Essays zu gesellschaftlichen, politischen Themen.

KNA: Welchen Stellenwert hat das Schreiben für Sie?

Mann: Es ist eine Möglichkeit, mich auszudrücken. Es geht weniger darum, große Literatur zu erzeugen. Vom Thomas Mann Haus, in dem ich teils aufgewachsen bin, habe ich einen gewissen Auftrag verspürt: mich für Humanismus und Demokratie, gegen den Faschismus einzusetzen. Ich hatte das Gefühl, wenn die Bundesregierung dieses Haus kauft und eine Dialogstätte daraus macht, dann ist es wichtig, dass ich daran mitwirke - auch wenn ein solches Haus nicht allein die Welt verändert. Aber die Demokratie ist eine unglaublich schwierige und brüchige Angelegenheit, die immer neue Sprünge nach vorne machen muss.

KNA: Sie sind vor einigen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, bezeichnen sich aber immer noch als gläubigen Menschen. Können Sie diesen Glauben kurz umreißen?

Mann: Auch das hat für mich stark mit dem dialogischen Prinzip zu tun. Martin Buber sagt, im Dialog gibt es nicht nur ein Ich und ein Du, sondern im äußersten Ursprung eines Dialogs steckt eine transzendente Kraft. Daran glaube ich. Seit sechs Jahren bin ich aktiv bei dem Verein Weltkloster, inzwischen als Vorstandsmitglied und Schirmherr. Diese Institution organisiert Begegnungen zwischen den Religionen, bei denen sich zeigt, wie viele Gemeinsamkeiten die Religionen haben.

KNA: Die meisten 80-Jährigen haben sich längst zur Ruhe gesetzt. Ihre Agenda scheint dagegen voller denn je. Was steht als Nächstes darauf?

Mann: Ich schreibe an einem Buch über die Zeit, in denen das Thomas Mann Haus neu entstanden ist. Es geht um die Zeit seit 2016, als die Bundesregierung das Haus gekauft hat und Trump gewählt wurde. Das Buch wird nach der kommenden US-Wahl enden - mit einem Ausblick darauf, wie es weitergehen könnte.

KNA: Beim Rückblick auf Ihre bisherigen acht Jahrzehnte: Was freut Sie am meisten, worauf sind Sie stolz?

Mann: Die Entscheidung der Bundesregierung, dieses teure Haus zu kaufen und umzuwidmen, hat es mir ermöglicht, noch intensiver in den transatlantischen Dialog einzusteigen. Das erlebe ich als Intensivierung in der Endphase meines Lebens, wie lange sie auch dauern mag. Das empfinde ich als großes Glück.

Das Interview führten Sabine Kleyboldt und Paula Konersmann.

(KNA)

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