Papst Pius XII.
Papst Pius XII.
Hubert Wolf
Historiker Hubert Wolf

30.06.2020

Vor 100 Jahren eröffnete der Papst eine Botschaft in Berlin Pacellis "deutsche Prägung"

Zwölf Jahre wirkte er als Nuntius in Deutschland. Eugenio Pacelli hatte großen Anteil an der Neugestaltung der Beziehungen zwischen Heiligem Stuhl und Weimarer Republik. Das prägte auch seine Amtszeit als Papst Pius XII.

Er war ein mit allen Wassern gewaschener Diplomat. Seit 1917 repräsentierte Eugenio Pacelli als Botschafter des Papstes im Königreich Bayern. Vor 100 Jahren wurde der Römer auch erster Apostolischer Nuntius bei der Reichsregierung in Berlin. Am 30. Juni 1920 überreichte der spätere Papst Pius XII. Reichspräsident Friedrich Ebert sein Beglaubigungsschreiben.

Pacelli und Deutschland

Zwölf Jahre lang wirkte Pacelli in Deutschland. Als er Ende 1929 nach Rom zurückging, wurde ihm zu Ehren in Berlin ein Fackelzug veranstaltet. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf schreibt von einer "deutschen Prägung". "Ich bin davon überzeugt, dass Pacelli auch als Papst noch ganz vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Nuntius in Deutschland handelte", sagt er.

Die Forschung diskutiert auch darüber, ob die "Germanophilie" zum "Schweigen" des Pacelli-Papstes angesichts des Holocaust beigetragen hat - etwa, weil der Nuntius hautnah miterlebte, wie sehr die deutschen Katholiken vom Kulturkampf unter Bismarck traumatisiert waren. Der Historiker Volker Reinhardt schreibt, Pacelli habe die Deutschen als Bollwerk gegen die atheistischen Horden des Bolschewismus gesehen.

Komplizierte diplomatische Beziehungen

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl waren kompliziert: Als 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, war zwar mehr als ein Drittel der Bevölkerung katholisch. Doch Kaiserhaus und preußische Elite waren protestantisch geprägt. Schon wenig später brach der Kulturkampf aus, mit dem Bismarck den Einfluss von Papst und katholischer Kirche bekämpfen wollte. An diplomatische Beziehungen war nicht zu denken.

Für die Verhandlungen zwischen Kirche und Staat in Deutschland blieb bis 1920 die Nuntiatur in Bayern zuständig - die seit 1917 von Pacelli geleitet wurde. Von München aus warb der asketisch wirkende Nuntius für die - gescheiterte - Friedensinitiative von Papst Benedikt XV. Dort erlebte er die Räterepublik, die seinen Antikommunismus - und möglicherweise auch seine kritische Einstellung gegenüber Juden - prägte.

Nuntius in Berlin

Die Revolution veränderte die Beziehungen grundlegend. Die Weimarer Republik brauchte internationale Anerkennung. In der Berliner Rauchstraße entstand eine Papst-Botschaft. Pacelli hat seinen persönlichen Umzug nach Berlin bis 1925 hinausgezögert. Das protestantische Umfeld bereitete ihm Unwohlsein. In der Hauptstadt aber wurde er schnell als kluger politischer Berater geschätzt; durch seine brillanten Deutschkenntnisse öffnete er viele Türen.

Von hier aus eröffnete der Nuntius Geheimverhandlungen mit der Sowjetunion. Wichtigste Aufgabe des 1872 in Rom geborenen Vatikandiplomaten aber war die Neuregelung des Staat-Kirche-Verhältnisses in der deutschen Demokratie: Es ging um die katholischen Bekenntnisschulen, die Priesterausbildung an staatlichen Hochschulen, Bischofsernennungen oder die Finanzierung der Kirche. Nach Pacellis Einschätzung bot die Republik der Kirche mehr Entfaltungsspielraum als die protestantische Hohenzollern-Monarchie. Deshalb widersprach der Nuntius auch nicht, als das Zentrum mit der SPD koalierte.

Reger Schriftverkehr mit Rom

Fast täglich hat Pacelli nach Rom geschrieben. Seine etwa 5.400 Berichte, aber auch die 4.100 Weisungen aus Rom sind in einem von Wolf geleiteten Forschungsprojekt aufgearbeitet worden und im Internet zugänglich. Eine unerschöpfliche Quelle für die Geschichte des Katholizismus in Deutschland, denn darin kommen Pacellis Haltung zum Vereins- und Laienkatholizismus, zum Zentrum sowie zu Funktionsträgern in Staat und Kirche zum Ausdruck.

1924 konnte das Bayerische, 1929 das Preußen- und 1932 auch das Badische Konkordat geschlossen werden. Für Pacelli war das Preußenkonkordat der "größte politische Triumph seiner Tätigkeit in Deutschland" (Wolf) - schließlich handelte es sich um einen Vertrag mit einem protestantisch geprägten, dem Heiligen Stuhl keineswegs wohl gesonnenen Staat.

Zäh verliefen die 1924 begonnenen Verhandlungen mit den Reichsregierungen. Kurz nach der "Machtergreifung" nahm Hitler das Projekt wieder auf. Das schon am 20. Juli 1933 unterzeichnete Reichskonkordat bedeutete einen großen Prestige-Gewinn für die Nazis. Pacelli ging es darum, die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, den Fortbestand katholischer Vereine sowie der Bekenntnisschulen zu sichern - ein Vertrag mit dem Teufel, der wenig genutzt hat.

Christoph Arens
(KNA)

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