Bei den Protesten in Bolivien sind mehrere Menschen ums Leben gekommen
Bei den Protesten in Bolivien sind mehrere Menschen ums Leben gekommen

30.11.2019

Soziale Bewegungen und Übergangsregierung vereinbaren Abkommen Hoffnung durch Neuwahlen in Bolivien

Seitdem Wahlbetrug des bolivianischen Präsidenten Morales Mitte Oktober und seinem Rücktritt Anfang November rissen die Unruhen in dem südamerikanischen Land nicht ab. Wird das Abkommen zu Neuwahlen wieder für Ruhe sorgen?

DOMRADIO.DE: Die sozialen Bewegungen und die Übergangsregierung haben sich auf ein Abkommen zu Neuwahlen und ein Ende der Proteste geeinigt. Sie pflegen im Bistum Hildesheim eine jahrzehntelange Partnerschaft mit Bolivien. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die aktuelle Situation in Bolivien?

Dietmar Müßig (Leiter des Referats Weltkirche im Bistum Hildesheim): Im Moment sind wir sehr erleichtert, denn das waren ganz schwierige Wochen für uns. Wir haben direkt aus Bolivien mitgekriegt, was sich dort abspielt. Ich war zum Teil in minütlichem Kontakt über WhatsApp mit der Kollegin in La Paz. Deren Büro ist sozusagen direkt an einem Hauptplatz in La Paz, wo auch viele Demonstrationen stattgefunden haben.

Sie hat Videos geschickt. Sie hat erzählt, wie es ist, zum Beispiel konnte sie eines Abends wegen des Tränengas nicht schlafen, das bis in ihr Zimmer eindrang. Wir waren vor allem immer in Sorge, ob es friedlich bleibt oder ob die Lage eskaliert. Wir mussten auch überlegen, was mit den jungen Freiwilligen geschehen sollte, die für uns dort tätig sind. Es waren sehr anstrengende und bedrängende Wochen. Jetzt sind wir sehr erleichtert, dass sich mit der Übereinkunft vom letzten Wochenende die Lage doch deutlich entspannt hat.

DOMRADIO.DE: Ist dieses Abkommen zu Neuwahlen jetzt die Chance, dass faire und freie Wahlen möglich werden?

Müßig: Ich hoffe ja. Positiv war, dass auch die Parlamentarierinnen und Parlamentarier der vormaligen Regierungspartei MAS einstimmig dieses Abkommen befürwortet haben. Trotz Störfeuer vom Ex-Präsidenten aus dem Exil heraus. Das gibt doch die Hoffnung, dass wir einen demokratischen Übergangsprozess in Bolivien gestaltet bekommen. Beide Seiten haben sich auf Neuwahlen geeinigt.

Zunächst muss der Wahlgerichtshof neu zusammengesetzt werden, der vormals unter völliger Kontrolle der Regierung war. Die Wählerlisten müssen überarbeitet werden und vieles andere. Aber ich habe das Gefühl, dass doch mittlerweile auf beiden Seiten auch der Wille da ist, das in einen friedlichen Übergangsprozess zu überführen.

DOMRADIO.DE: Ex-Präsidenten Evo Morales hat viel für die Indigenen im Land getan und Hunderttausende aus extremer Armut geholt. Dann klebte er an der Macht und hat dafür sogar die Verfassung gebeugt. Sehen Ihre Partner seine sozialen Errungenschaften jetzt in Gefahr?

Müßig: Das hängt davon ab, welchen der Partner man fragt. Ich glaube aber, dass grundsätzlich auch die Regierung Morales Standards gesetzt hat, hinter die das Land nicht mehr zurück kann. Beispielsweise haben sich die Stellung der Indigenen, der Frauen deutlich verbessert und es gibt eine gerechtere Verteilung von Staatseinnahmen. Ich glaube, das sind Sachen, die die Bevölkerung durchaus wahrgenommen und geschätzt hat.

Von daher glaube ich, dass man dahinter nicht mehr zurück kann. Man muss sich jetzt genau angucken, wer für welche Partei dann bei den Neuwahlen kandidieren wird. Die rechten Kräfte oder die oligarchischen Strukturen sind in Bolivien nicht völlig verschwunden. Aber wir blicken da doch hoffnungsvoll in die Zukunft. Gleichzeitig gilt es weiterhin, sehr wachsam zu sein. Aber das traue ich den Bolivianerinnen und Bolivianer durchaus zu.

DOMRADIO.DE: Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer hat seinen Amtsbrüder in Bolivien gerade erst seine Solidarität versichert. Wie eng ist der Kontakt mit den Bischöfen in Bolivien?

Müßig: Die Kollegin, die ich erwähnt habe, arbeitet direkt in der bolivianischen Bischofskonferenz. Sie steht in sehr engem Kontakt mit den Bischöfen. Wir haben über diesen Weg auch sehr früh erfahren, dass zum Beispiel die Bischöfe, bevor es zu dieser Übereinkunft kam, intensiv zwischen den verschiedenen Parteien vermittelt haben. Umgekehrt haben sie sehr schnell gemerkt, dass wir hier in Deutschland in den Gottesdiensten und in den Gemeinden Fürbitten für Bolivien sprechen. Sie hatten das Gefühl, da ist jemand, der denkt an uns, wir sind nicht ganz allein, und ich glaube, das hat sehr geholfen - zumindest, was die Partner berichten.

DOMRADIO.DE: Wodurch zeichnet sich Ihre Partnerschaft mit Bolivien aus?

Müßig: Wir hatten von Anfang an in Hildesheim den Slogan "Partnerschaft statt Patenschaft". Das heißt, es sollte um mehr gehen, als nur Geld oder finanzielle Hilfen nach Bolivien zu transferieren. Das machen wir weiterhin, aber wir versuchen, in einen direkten Austausch zu kommen zwischen den Menschen hier und dort, zwischen Gruppen, Pfarreien, auch Schulen, und versuchen, uns für das Leben und den Glauben der anderen zu interessieren. Da kommen alle möglichen Fragen auf - auch politische und wirtschaftliche.

Ich sage mal, es war kein Zufall, dass der Regenwald in Bolivien gebrannt hat. Der brennt nicht zuletzt deshalb oder brannte, weil die Menschen hier in Deutschland auch ständig billiges Fleisch kaufen wollen. Das sind Dinge, die wir versuchen im Kontext der Partnerschaft deutlich zu machen. Wir sind über wirtschaftliche Strukturen so eng miteinander verflochten. Unser Lebensstil hier in Deutschland hat durchaus Auswirkungen auf die Partnerinnen und Partner. Auch das Stichwort Klimawandel braucht man heute nur zu nennen. Insofern verstehen wir die Partnerschaft in einem sehr umfassenden Sinne und sind ganz glücklich, dass auch viele Menschen das sehr wohl aufnehmen.

DOMRADIO.DE: Zum Schluss noch die Frage, was in der aktuellen Situation jetzt ihr Wunsch für die Menschen und auch für die Kirche in Bolivien ist?

Müßig: Ja, vor allem Frieden. Ich wünsche mir sehr und vor allem den Schwestern und Brüdern in Bolivien, dass es ihnen gelingt, die Gegensätze, die freilich nach wie vor zum Teil vorhanden sind, in friedlicher Weise zu lösen, miteinander in den Dialog zu kommen. Ich wünsche der Kirche nach wie vor viel Erfolg.

Es bleibt weiterhin eine wichtige Aufgabe für die Bischöfe, aber auch für die Menschen, die sich in den Gemeinden engagieren, diesen Prozess kritisch zu begleiten, aber vor allem so zu begleiten, dass es im Gespräch miteinander passieren kann und nicht wieder in Auseinandersetzungen, wie wir es in den letzten Wochen leider erleben mussten. Aber auch da bin ich zuversichtlich, dass das gelingt. Denn die Bolivianer und Bolivianer haben in den letzten Jahren wiederholt eine demokratische Reife bewiesen, die wirklich erstaunlich ist.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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