Katholiken in China
Katholiken in China
Papst Franziskus mit chinesischen Priestern
Papst Franziskus mit chinesischen Priestern
Papst Franziskus mit Gläubigen aus China
Papst Franziskus mit Gläubigen aus China

22.09.2018

China und Vatikan schließen Abkommen Auf dem Weg in eine gleichgeschaltete Kirche?

Die jahrzehntelange Eiszeit zwischen dem Vatikan und Peking scheint mit einem historischen Abkommen beendet. Doch nicht wenige in China befürchten, die Kommunisten könnten den Papst übervorteilen.

Nach einem historischen Abkommen mit Peking hat Papst Franziskus Chinas Katholiken zu Einigkeit aufgerufen. Es müsse eine "noch brüderlichere Kooperation" geben. Der Papst hoffe, dass die am gleichen Tag geschlossene Vereinbarung zu Bischofsernennungen alte Wunden überwinden und die volle Gemeinschaft aller chinesischen Katholiken herstellen helfe, erklärte der Vatikan am Samstag.

Der Heilige Stuhl und die kommunistische Regierung in Peking hatten am Samstag mit einem "vorläufigen Abkommen" einen über 60-jährigen Streit über die Einsetzung von Bischöfen beigelegt. Der Dissens galt als eine der entscheidenden Hürden für eine Wiederaufnahme der seit 1951 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen.

Acht regierungstreue Bischöfe anerkannt

Franziskus erkannte acht regierungstreue katholische Bischöfe an, die ohne päpstliche Zustimmung geweiht worden waren. Darunter ist Joseph Guo Jincai, Bischof von Chengde und Generalsekretär der offiziellen Bischofskonferenz, sowie die exkommunizierten Bischöfe Joseph Huang Bingzhang, Paul Lei Shiyin und Joseph Yue Fusheng. Damit stehen nun alle katholischen Bischöfe Chinas in Gemeinschaft mit Rom.

Weiter errichtete der Papst das Bistum Chengde. Der neue Kirchenbezirk in der nordchinesischen Provinz Hebei zählt nach Vatikanangaben unter 3,7 Millionen Einwohnern 25.000 Katholiken, die in zwölf Pfarreien organisiert sind.

Francesco Sisci, ein italienischer Sinologe, der seit vielen Jahren in Peking lebt, meint: "Chinas Führung hat erkannt, dass der Heilige Stuhl eine globale 'Soft Power' ist, eine sogenannte weiche Macht - und dass China es sich als ambitionierte Großmacht nicht leisten kann, ihn zu ignorieren."

Religionsfreiheit in engen Grenzen

Im Kern geht es um die Frage, wer künftig die Bischöfe in China ernennt. Normalerweise beansprucht dieses Recht der Papst für sich. Das aber wollen die Kommunisten nicht, weil sie jeden Einfluss von außen ablehnen. So spielt sich die verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit in China in engen Grenzen ab. Die Regeln stellt das staatliche Religionsamt auf; für die Katholiken ebenso wie für die anderen vier zugelassenen Religionen und Konfessionen: Protestantismus, Buddhismus, Taoismus und Islam.

Parallel zur offiziellen Kirche haben sich deshalb über die Jahrzehnte sogenannte Haus- und Untergrundgemeinden gebildet. Diese Spaltung zeigt sich auch beim Episkopat: Es gibt vom Papst ernannte Bischöfe und andere, die von Peking installiert wurden. Ein Großteil dieser für die Staatskirche tätigen Bischöfe wird auch vom Vatikan anerkannt; sieben von ihnen allerdings nicht; drei davon sind exkommuniziert. Um diese Bischöfe und um das Prozedere künftiger Bischofsernennungen wurde seit Monaten verhandelt.

Den Vatikan über den Tisch gezogen?

Vehemente Kritiker des Deals fürchten, dass Peking den Vatikan über den Tisch gezogen haben und am Ende von der inoffiziellen, sogenannten Untergrundkirche Chinas, der rund die Hälfte der schätzungsweise 13 Millionen Katholiken angehören, nicht mehr viel übrig bleiben könnte.

Wortführer dieser Kritiker ist ausgerechnet ein Kardinal: Joseph Zen Ze-kiun, von 2002 bis 2009 Bischof von Hongkong. Der 86-Jährige ist der Freigeist unter den Bischöfen im so höflichen China. In China sei "alles Fake", sagt er etwa. Solange die Kommunistische Partei regiere, herrsche eine "Kultur der Lüge". Auch nach Rom sandte er in den vergangenen Monaten scharfe Töne. Von "Ausverkauf" 'war da die Rede, von "Unkenntnis", "Fehleinschätzungen", "Naivität".

Immer stärkere staatliche Kontrollen

Tatsächlich geht die Entwicklung seit geraumer Zeit in Richtung stärkerer staatlicher Kontrollen. Das betrifft sowohl katholische als auch protestantische Gemeinden in vielen Regionen des Landes. Auch in der Hauptstadt Peking werden größere, nicht registrierte Gemeinden zerschlagen. Zuletzt traf es die Zion-Gemeinde.

Zwar blieben kleinere Hauskirchen meist unbehelligt, berichtet ein Insider aus Peking. Zum Teil stellten die Gemeinden ihre Aktivitäten aber von sich aus ein. Zudem bestellte der chinesische Geheimdienst Kirchenvertreter zum Rapport ein; einen Priester, nachdem er einem Journalisten ein Interview gegeben hat; eine Oberin einer italienischen Ordensgemeinschaft. "Man will alles registrieren", so der Kirchenkenner.

Großer Zulauf zu den Kirchen

Selbst im zu China gehörenden, aber eigentlich autonomen Hongkong wurde kürzlich ein Visum für einen Pastor, der eine ausländische Gemeinde betreuen sollte, nur erteilt, nachdem diese zugesagt hatte, keine religiöse Erziehung zu betreiben - was de facto eine Einschränkung der Religionsfreiheit bedeutet.

Immerhin: Der Zulauf zu den Kirchen in China, zu den offiziellen wie inoffiziellen, ist seit Jahrzehnten ungebrochen; es werden immer neue Kirchen gebaut. Die Religionen stillen das weit verbreitete Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität, auf das der Kommunismus keine Antwort hat. Das weiß auch die Führung in Peking - die deshalb eigentlich ein Interesse daran hat, Glaubensgemeinschaften zu fördern.

Neues Religionsgesetz

Gleichzeitig warnt der Kirchenkenner aus Peking vor einem immer perfekteren und besser organisierten Staat. "Ich glaube kaum, dass ein Abkommen die Lage der katholischen Kirche im Land verbessern kann. Es bedeutet eher noch vollkommenere Kontrolle und weniger Unabhängigkeit. Die Kirche wird noch mehr eingebunden in das chinesische System, das alles gleichschalten möchte."

Für Katharina Wenzel-Teuber, Chefredakteurin der vom China-Zentrum in Sankt Augustin bei Bonn herausgegebenen Zeitschrift "China heute", passen die jüngsten Entwicklungen in den Kontext des neuen chinesischen Religionsgesetzes, das Anfang Februar in Kraft trat und dem Staat mehr Kontrolle und Durchgriff auf inoffizielle Religionsgemeinschaften verschafft. Die bisherigen Grauzonen, innerhalb derer eine gewisse Toleranz der lokalen Behörden etwa für die Hauskirchen möglich war, sollen besser ausgeleuchtet, die Spielräume geringer werden.

Kein Abkommen besser als ein schlechtes Abkommen

"Ein Auge auf und ein Auge zu", so beschreibt Wenzel-Teuber die bisherige Praxis. Allerdings: Auch die romtreue Untergrundkirche agiert immer schon ohne gesetzliche Grundlage. Ein Zugriff des chinesischen Staates wäre im Ernstfall jederzeit möglich.

Kardinal Zen sagte noch zuletzt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), kein Abkommen sei besser als ein schlechtes Abkommen. Es gebe Leute im Vatikan, wie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, die "ein Abkommen um jeden Preis wollen". Er hat Franziskus viele Briefe geschrieben, hat noch einmal lange persönlich mit ihm gesprochen. Aber wenn Franziskus wirklich irgendwann ein solches Abkommen unterzeichnete? "Dann bin ich raus. Gegen den Heiligen Vater kämpfe ich nicht. Dann sage ich gar nichts mehr und lebe künftig ein monastisches Leben!" Nun hat sich Papst Franziskus anders entschieden.

(KNA)

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