Bruder Lothar in Freetown, Sierra Leone (Archiv)
Bruder Lothar in Freetown, Sierra Leone (Archiv)
Bruder Lothar Wagner
Bruder Lothar Wagner

03.02.2015

Salesianerbruder warnt vor verfrühtem Freudentaumel Tödlich bis zum letzten Ebola-Fall

In den Ebola-Gebieten sinkt erstmals seit Monaten die Zahl der Neuinfektionen. "Jetzt von Optimismus auszugehen, ist gefährlich", warnt jedoch Salesianerbruder Lothar Wagner. Er kümmert sich in Sierra Leone um Ebola-Waisen.

domradio.de: Wie sieht die Situation denn aktuell aus?

Lothar Wagner (Salesianerbruder in Freetown, Sierra Leone): Es gibt immer noch eine Anspannung, wir haben jeden Tag ungefähr zwölf Neuinfektionen. Kritisch ist die Tatsache, dass die Neuinfektionen nicht erklärbar sind. Sie tauchen aus heiterem Himmel auf, neue Herde machen sich breit. Das zeigt eben, dass die Situation nach wie vor außer Kontrolle ist. Man muss weiter straff organisiert gegen Ebola vorgehen. Jetzt von Optimismus oder von Freudentaumel auszugehen, das ist gefährlich.

domradio.de: Welche Maßnahmen wurden gerade bei Ihnen in Freetown eingeleitet, die nun immer noch anhalten gegen Ebola?

Wagner: Die Regierung hat in den letzten Monaten Aktivitäten durchgeführt: Menschen, Beamte, Staatsbedienstete sind von Haus zu Haus gegangen, um Kranke ausfindig zu machen. Das war eine richtige und gute Aktivität, um die Kranken in Behandlungszentren zu bringen, um zu vermeiden, dass Ebola sich weiter ausbreitet. Das hat Wirkungen gezeigt. Die Fallzahlen sind runtergegangen. Das ist natürlich erstmal gut. Das muss aber weiter konsequent fortgeführt werden bis zum letzten Ebola-Fall.

domradio.de: Was sind Ihre größten Sorgen bei Ihrem Zentrum in Freetown?

Wagner: Dass wir unkonzentriert arbeiten. Es ist ganz wichtig, nach wie vor alle Sicherheitsmaßnahmen durchzuführen: Fiebermessen alle drei Stunden, man muss nachfragen, mit welchen Leuten hat unser Klientel oder ein Mitarbeiter Kontakt gehabt in den letzten drei Wochen. Wir müssen konzentriert weitergeben.

Das ist ein bisschen meine Sorge, dass über Veröffentlichungen, dass eben die Ebola besiegt, dass man da nachlässig wird und dass wir so vielleicht noch am Ende einen Ebola-Fall riskieren bei uns in der Einrichtung und das wäre fatal.

domradio.de: Wie stigmatisiert sind denn Menschen, die Ebola einmal hatten?

Wagner: Das ist derzeit ein ganz großes Problem. Menschen, die infiziert waren, geheilt werden konnten und jetzt wieder zurück in ihre Dörfer wollen oder in ihre Großfamilien, die werden ausgestoßen. Wir haben also reihenweise Kinder bei uns im Therapiezentrum, die damit kämpfen müssen, nachdem sie Ebola besiegt haben, jetzt stigmatisiert werden. Das sind ganz traumatische Erlebnisse.

Da versuchen wir natürlich über Mediation, über Gespräch mit dem Häuptling in den Dörfern, mit den Menschen, mit den Angehörigen, eine gute Zurückführung in die Familie zu ermöglichen.

domradio.de: Findet da denn genug Aufklärungsarbeit statt?

Wagner: Wir von Don Bosco sind ja seit über einem Jahr in der Aufklärungsarbeit sehr aktiv. Wir haben unsere Hotline, wir haben unsere Sozialarbeiter. Wir klären auf, dass wenn jemand geheilt worden ist, dass er eben nicht mehr andere infizieren kann. Das ist ein ganz langwieriger Prozess, weil es sehr viel Misstrauen gibt, das Gesundheitssystem in Sierra Leone hat nie gut funktioniert. Misstrauen gegenüber Ärzten, Krankenpflegern, ob sie das wirklich geschafft haben, ihren Angehörigen zu heilen. Da ist es eben schwierig dagegen anzugehen und Menschen zu überzeugen.

domradio.de: Nun dauert der Kampf gegen Ebola ja schon fast seit einem Jahr an. Wie ermüdend ist das für Sie als Helfer dauert an diesem Thema dran zu sein, auch mit diesem Risiko zu leben, selber angesteckt zu werden?

Wagner: In der Tat, die Kräfte lassen nach, das muss man zugeben. Wir sind immer wieder bedacht, den Mitarbeitern eine freie Zeit zu geben, dass sie sich erholen können. Die Regenerationsphase ist ganz ganz wichtig, auch für uns im Management von Don Bosco Fambul, dass wir wirklich uns zugestehen, auch eine Pause einzulegen. Wir haben natürlich die Schlagzahl erhöht. Wir haben mehr Mitarbeiter angestellt, um nach wie vor gut zu arbeiten. Die Ansteckungsgefahr ist natürlich hoch, wenn wir an der vordersten Front arbeiten. Wir sind nach wie vor in den Behandlungszentren, kümmern uns um die Kinder, wenn sie geheilt werden konnten, dass sie nahtlos bei uns in Therapiezentrum kommen. Da müssen wir sehr vorsichtig hochkonzentriert nach wie vor rangehen und das ist so ein bisschen meine Befürchtung, dass das eben am Ende im Kampf gegen die Ebola nachlässt und dass wir dort schnell einen Fehler machen können. Die Gefahr ist da und wir müssen einfach vorsichtig sein.

Das Interview führte Christian Schlegel.

(dr)

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