Erzbischof Angelo Becciu (l.) neben Papst Franziskus (Archiv)
Erzbischof Angelo Becciu (l.) neben Papst Franziskus

02.12.2020

Immer noch Wirrungen um Kardinal Becciu Der gestutzte Kardinal und das Magazin

Noch immer ist unklar, warum der Papst eigentlich Kardinal Becciu gefeuert hat. In italienischen Medien wird weiter spekuliert. Wobei ein Magazin in diesem Rahmen selbst ins Fadenkreuz der Kritik geraten ist.

Knapp zehn Wochen ist es her, dass der Papst einen seiner früheren Vertrauten öffentlich degradiert hat. 23 Minuten dauerte das Gespräch von Franziskus mit Kardinal Giovanni Angelo Becciu.

Anschließend ließ Franziskus über die vatikanische Pressestelle die Welt wissen, dass Becciu seinen Posten als Präfekt der Heiligsprechungskongregation und sein Papstwahlrecht los ist. Nur knapp war der Sarde dem Schicksal entgangen, den Kardinalspurpur ganz ablegen zu müssen. Aber: Bisher weiß niemand genau, weswegen Becciu von Franziskus zusammengestaucht wurde.

Weder der Papst noch sonst jemand im Vatikan äußerte sich dazu. Becciu selber sagte in einer am nächsten Tag einberufenen Pressekonferenz, für ihn sei die ganze Angelegenheit "surreal". Er sei bei dem Gespräch bleich im Gesicht geworden. "Sicher war das kein guter Moment", räumte der 72-Jährige ein. Der Papst habe von finanziellen Unregelmäßigkeiten gesprochen; Becciu wies sämtliche Vorwürfe zurück.

Mehr oder weniger belegte Vorwürfe

Was es seither hingegen en masse gibt, sind teils genüsslich, teils zynisch berichtete, eher weniger als mehr belegte Vorwürfe über angebliche Unterschlagungen Beccius. Diese beruhen auf geleakten Schriftstücken und "Informanten" im Vatikan.

Nichts davon allerdings scheint strafrechtlich so bedenklich, dass es eine derartige Degradierung rechtfertigen würde. Der einzige Kardinal, der bisher auf sein Papstwahlrecht verzichtete - wenn auch auf Druck hin -, war im Februar 2013 der Schotte Keith Patrick O'Brien. Später bestätigte Franziskus den Entzug des Stimmrechts offiziell. Aber O'Brien war sexueller Belästigung beschuldigt.

Selbst die in italienischen Medien mehrfach wiederholte Behauptung, gegen Becciu würde von Seiten italienischer und vatikanischer Behörden ermittelt, ist bisher nicht belegt. Italienische Behörden, die den Beschuldigten im Fall der Ermittlung informieren müssen, bestreiten dies. Vatikanisches Recht sieht dies nicht vor - es könnte also sein

Zwar ermittelt im Zusammenhang mit dem Finanzskandal im Staatssekretariat der vatikanische Strafverfolger, aber von dem gibt es bisher keine Bestätigung, dass Becciu selbst im Fadenkreuz steht.

Nun wird Berichterstattung selbst zum Thema

Inzwischen wird die Berichterstattung über den Fall selber zum Thema. Im Mittelpunkt steht das italienische Magazin "L'Espresso". Redakteur Massimiliano Coccia und Herausgeber Marco Damilano legen immer wieder breit angelegte Stücke vor, in denen sie Sünden, Fehler und Irrtümer des geschassten Kardinals ausbreiten. Weswegen dieser sie auf zehn Millionen Euro Schadensersatz verklagen will.

Für Irritationen sorgte auch die Tatsache, dass bereits im Laufe des 24. September, einige Stunden vor der Standpauke des Papstes also, auf der Website des "Espresso" ein Beitrag angekündigt wurde: "Warum Kardinal Becciu zurückgetreten ist".

Damilano wiederum behauptet, er selbst habe den Text am Abend des 24. September um 22:27 Uhr geschrieben, nachdem die Nachricht über die Agenturen verbreitet worden sei. Nur: Der Zeitstempel des Beitrags "Warum Kardinal Becciu zurücktritt" auf der Website "espresso.repubblica.it" weist als Veröffentlichungszeitpunkt den 24. September, 15:44 Uhr aus.

Die Einzigen, die bislang öffentlich fragen, warum der Beitrag so früh erschien, sind allerdings rechtskonservative Medien. Am 23. November stellte die Zeitung "Libero" dem "Espresso" ein gutes Dutzend Rückfragen zu dessen Recherchen. Einige davon sind berechtigt.

Nur sind der "Libero" und sein Gründer und mehrfacher Chefredakteur Vittorio Feltri nicht die besten Zeugen für Qualitätsjournalismus. Feltri selber ist als mediale Schmutzschleuder bekannt; genervt über entsprechende jahrelange Kritik von Kollegenseite trat er im Juni aus dem italienischen Journalistenverband aus.

Mehr Unterhaltungs- als Informationswert

Aber auch andere Journalisten meinen, die Recherchen des "Espresso" seien "mit heißer Nadel gestrickt". Wie flüchtig bei dem Magazin mitunter gearbeitet wird, legt bereits der erste Satz des jüngsten Aufmachers nahe, in dem bekannte Vorwürfe neu zusammengerührt werden: "Angelo Maria Becciu ist sehr beliebt in Sardinien ...". Nach wochenlanger Befassung sollte Autor Massimiliano Coccia eigentlich wissen, dass der Mann Giovanni Angelo Becciu heißt.

Was in der Berichterstattung italienischer Medien zur "Causa Becciu" sonst zu lesen ist, hat mitunter Unterhaltungs-, aber wenig Informationswert. Umso schwerer wiegt die Frage, warum Franziskus den Sarden tatsächlich gefeuert und degradiert hat. In diesem Fall scheint der Jesuit auf dem Papststuhl von seinem viel geforderten "discernimento", der geduldigen geistlichen Unterscheidung vor einer Entscheidung, abgesehen zu haben.

Bisher scheint es eine seiner impulsiven Personalentscheidungen gewesen sein, für die der Papst nicht einmal das Ergebnis der von ihm selbst angeordneten vatikanischen Ermittlungen abwartete.

Transparenz, Verfahrensklarheit und Fairness sehen anders aus. Ob Franziskus auch in diesem Fall von seinem Umfeld nur einseitig informiert worden ist? Sollte er tatsächlich gute Gründe gehabt haben, wäre es spannend, sie zu erfahren.

Roland Juchem
(KNA)

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