In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
In sich versunken: Der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ
Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ

10.11.2020

Jesuitenpater kritisiert Kirche nach McCarrick-Bericht "Großes institutionelles Versagen"

Am Dienstag hat der Vatikan seinen Missbrauchs-Bericht über Ex-Kardinal Theodore McCarrick veröffentlicht. Der Jesuitenpater Godehard Brüntrup sieht die Verantwortung auch bei den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

DOMRADIO.DE: Sie haben lange in den USA gelebt und unterrichtet. Die Vorwürfe gegen McCarrick wurden damals nicht öffentlich gemacht. Was hatte man denn für ein Bild vom Washingtoner Kardinal?

Prof. Dr. Godehard Brüntrup SJ (Jesuit und USA-Experte): Sie müssen sich vorstellen, als der Sohn von Joe Biden, der jetzt zum Präsident gewählt wurde, starb, Beau Biden, da gab es einen großen Gottesdienst. Die Bidens sind ja katholisch. Präsident Obama saß in der ersten Reihe, und Kardinal McCarrick stand oben am Altar, hat konzelebriert und der Beerdigung vorgestanden. Er war ein Mann, der in den höchsten Kreisen international und in den Regierungskreisen höchstes Ansehen genoss und in sehr guten Verbindungen stand.

Das hat es den Betroffenen, seinen Opfern, noch schwerer gemacht. Durch diesen Bericht wissen wir, dass es viel mehr waren, als gedacht. Das war ein systematisches Verhalten von Missbrauch Minderjähriger. Einladungen zu Wochenend-Fahrten, im selben Bett schlafen, viele Dinge, wo einem die Haare zu Berge stehen. Das hat keiner wirklich an die Öffentlichkeit bringen können, weil seine Macht, sein Einfluss so stark war, dass die Beschuldigungen an ihm abgeprallt sind.

DOMRADIO.DE: Bevor er zum Erzbischof von Washington, D.C. ernannt werden konnte, gab es ja die Information, dass es Anschuldigungen gab. Trotzdem ist nichts passiert. Wie ist das einzuordnen?

Brüntrup: Das ist ein großes institutionelles Versagen bei Papst Johannes Paul II. Der hat offensichtlich ihm mehr geglaubt. Das Ehrenwort, was er ihm gegeben hat, dass an den Anschuldigungen nichts sei. Und er hat diese Dinge nicht weiter verfolgt. Papst Benedikt XVI. hat wohl geglaubt, dass da was nicht stimmt, hat aber tendenziell die Sache eher unter dem Teppich halten wollen, dass es keinen großen Skandal gibt. Und Franziskus hat das zunächst so vorgefunden, hat das nicht weiterverfolgt. Und erst als dann glaubhafte Berichte kamen 2018 über den Missbrauch Minderjähriger, ist die Bombe endgültig explodiert. Das Ganze ist eine riesige Geschichte der Vertuschung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Die Interessen und das Ansehen der Institution standen über dem Leiden der Opfer. Es ist eine ganz, ganz bittere Pille für die katholische Kirche.

DOMRADIO.DE: Viele Verantwortliche sind ja bereits verstorben. Es geht aber auch um den polnischen Kardinal Dziwisz, den ehemaligen Privatsekretär von Johannes Paul II. Müsste es für den oder für die anderen Verantwortungsträger jetzt Konsequenzen geben?

Brüntrup: Das werden die nächsten Tage zeigen. Auf jeden Fall steht jetzt schon fest, dass hier sorgfältig dokumentiert wurde. Vielleicht ist es auch immer noch nicht die ganze Wahrheit, aber was dort steht, ist schlimm genug. Wie eine Geschichte des institutionellen Versagens, das Vertuschens, im Detail aufgeschrieben wurde. Und es ist erschütternd, einfach nur erschütternd.

Das Gespräch führte Michelle Olion.

(DR)

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