Vatikanisches Geheimarchiv
Was fördert die Sichtung der Archive zutage?
Ulrich Nersinger
Ulrich Nersinger

19.02.2020

Vatikanexperte über die Öffnung des Apostolischen Archivs und die Seligsprechung Pius XII. "Nicht anfangen zu spekulieren"

Papst Pius XII. war in einem dunklen Kapitel der Weltgeschichte 20 Jahre lang Papst. Bis heute sind viele Fragen zu seinem Pontifikat ungeklärt. Das könnte sich am 2. März ändern, wenn das Vatikanische Apostolische Archiv die Akten freigibt.

DOMRADIO.DE: Am 2. März wird das Vatikanische Apostolische Archiv, das früher Geheimarchiv hieß, geöffnet. Rund 200.000 Schachteln, Boxen und Mappen dürfen dann durchforstet werden. Wie lange kann das dauern, bis man Antworten auf alle Fragen findet?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Ich vermute, das wird noch sehr lange dauern, weil natürlich viele der Sachen auch noch gesichtet und eingeordnet werden müssen. Es gibt viele Dokumente, die nicht datiert sind. Das wird also noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Vor allen Dingen sollten wir die Erwartungen herunterschrauben und nicht anfangen zu spekulieren, was darin zu finden sein könnte. Ich denke, das meiste, was geschehen ist, ist uns eigentlich schon bekannt.

Mit dem Spekulieren ist das immer so eine Sache. Da sollte man die Sichtung der ganzen Dokumente abwarten. Wir hatten ja dieser Tage so eine hochkarätig besetzte Debatte über das Thema, und ich denke, das ist nicht so ganz gut. Das kommt mir schon ein bisschen vor, als wenn sich in einem Krankenhaus die Ärzte und die Pfleger treffen, um eine Diagnose zu besprechen, aber noch keine Laborberichte, noch keine Röntgenbilder und noch keine Computertomografie vorliegen.

DOMRADIO.DE: Wer wird denn überhaupt in diesem Archiv forschen dürfen?

Nersinger: Jeder, der qualifiziert ist. Man hat auch schon in der Vergangenheit niemanden aus irgendwelchen ideologischen Gründen ausgeschlossen. Die Grundvoraussetzung war eigentlich immer die wissenschaftliche Qualifikation.

DOMRADIO.DE: Was weiß man denn heute schon über das Verhalten von Papst Pius XII. in der NS-Zeit?

Nersinger: Das ist das Problem, eigentlich sehr viel. Wir wissen zum Beispiel sehr viel über die Zeit um 1943/1944, über die Besetzung der Ewigen Stadt durch deutsche Truppen, durch SS und Gestapo. Da ist sehr viel geschehen. Man hat die ganzen exterritorialen Besitzungen geöffnet und im Vatikan Juden und andere Verfolgte aufgenommen. Die Bürgermiliz, die es damals gab, die Palatingarde des Papstes, wurde zum Schutz eingesetzt. Es ist sehr also viel getan worden.

Was aber nicht getan worden ist – und was vermutlich der große Fehler auch der Kirche und des Vatikans gewesen ist: Man hat nicht darüber berichtet, was man getan hat. Viele Leute, die hier Hilfestellung geleistet haben – vom einfachen Priester und einfachen Gläubigen bis hin zum Kardinal, haben sich später dessen nicht gerühmt. Sie haben das als selbstverständlich empfunden – und das ist, glaube ich, ein Fehler gewesen, dass man nicht ein Dokumentationszentrum errichtet hat und dass man nicht viel stärker aufgezeigt hat, was die Kirche in diesen Jahren geleistet hat.

DOMRADIO.DE: In dieser Woche hat in Bonn eine Podiumsdiskussion im Vorfeld der Öffnung der Archive stattgefunden. Als der Kirchenhistoriker Hubert Wolf forderte, die Seligsprechung von Pius XII. ruhen zu lassen, da stimmte ja nicht nur Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, zu, sondern auch der Erfurter Bischof Dr. Ulrich Neymeyr, der bei der Deutschen Bischofskonferenz für die religiösen Beziehungen zum Judentum zuständig ist. Man könnte also sagen, da ist man sich ziemlich einig. Ist das in Ihren Augen eine berechtigte Forderung?

Nersinger: Ich denke, eigentlich nicht. Wenn wir uns einmal anschauen, wir haben ja Selig- und Heiligsprechungen von vielen Päpsten der jüngeren Zeit erlebt: von Johannes XXIII., von Paul VI. und Johannes Paul II. Da sind ja die Akten auch noch nicht frei. Und die haben ja teilweise auch in Zeiten gelebt, die dramatisch waren. Ich denke, das kann also eigentlich nicht das Argument sein. Ich habe sehr viele jüdische Freunde und aus diesen Kreisen höre ich eigentlich, dass man gar nicht so gegen die Seligsprechung ist.

Auch wenn man sich einmal die Äußerungen jüdischer Mitbürger und auch jüdischer Verantwortlicher des Staates Israel anschaut, da hat schon 1944 Isaak Herzog, Oberrabbiner von Jerusalem, gesagt, das Volk Israel werde nie vergessen, was der Papst geleistet habe. Oder wenn man sich einmal die Botschaften anschaut, die dann auch Golda Meir zum Tode von Pius XII. geschrieben hat. Da sagt sie zum Beispiel: "Als während der zehn Jahre des nationalsozialistischen Terrors das furchtbarste Martyrium unser Volk traf, hat sich die Stimme des Papstes zugunsten der Opfer erhoben." Ich denke, wir haben sehr, sehr viele jüdische Zeugnisse, die eine Seligsprechung gar nicht behindern wollen.

DOMRADIO.DE: Welche Erkenntnisse, glauben Sie denn, könnten zu einem Stoppen der Seligsprechung führen?

Nersinger: Ich sehe momentan keine. Ich bin kein Prophet. Aber ich denke, das, was da geleistet worden ist, spricht für sich. Pinchas Lapide, der ja damals auch in Italien verantwortlicher Diplomat war, hat gesagt, dass niemand, kein Staat der Welt in dieser Zeit so viele Juden gerettet hat wie der Vatikan. Also ich sehe dem eigentlich mit sehr viel Vertrauen und mit sehr viel Zuversicht entgegen. Ich denke, im Endeffekt wird man sehen, dass wir hier einen Papst gehabt haben, der viel getan hat. Er konnte nicht immer alles sagen, weil wir aus der Erfahrung wissen, dass es dann doch besser ist, vor Ort Hilfe zu leisten, als dann irgendwelche Reden zu schwingen oder Schreiben zu machen, die dann eine Gefährdung bringen. Denken wir daran, dass die holländischen Bischöfe damals sehr lautstark protestiert haben. Aber dann ging die Verhaftung und Deportation der jüdischen Mitbürger dennoch weiter. Edith Stein ist dieser Sache beispielsweise zum Opfer gefallen.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade eben schon gesagt, die Erwartungen an diese Aufarbeitung sollen nicht so hoch gesetzt werden. Wie wichtig ist diese Aufarbeitung denn Ihrer Meinung nach aber gerade jetzt in der Zeit erstarkender rechter Strömungen?

Nersinger: Ich halte sie für unglaublich wichtig. Und ich halte auch den Dialog mit jüdischen Organisationen und mit dem Staat Israel für äußerst wichtig und für bedeutsam. Da muss man offen und respektvoll miteinander reden. Gerade mit den jüdischen Mitmenschen müssen wir den Dialog und den Kontakt suchen, um über diese Zeit zu reden und auch aufzuklären. Das erscheint mir wichtig, gerade auch mit Blick auf das Erstarken rechtsextremer Tendenzen.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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