Kardinal Gerhard Ludwig Müller (m.) im Gespräch
Kardinal Gerhard Ludwig Müller (m.) im Gespräch

07.03.2019

Kardinal Müller kritisiert Verfahren und Schuldspruch Pells "Die Beschuldigungen sind absolut unglaublich"

Nachdem Kardinal Pell im Februar in Australien des sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen wurde, wird vermehrt Kritik am Urteil laut. Kardinal Müller findet die Beschuldigungen "absolut unglaublich". Aber auch andere reihen sich ein.

Das Urteil gegen den australischen Kardinal George Pell sorgt international weiter für Diskussionen. Während etwa Kardinal Gerhard Ludwig Müller und der US-Theologe und Publizist George Weigel das Verfahren und den Schuldspruch wegen sexuellen Missbrauchs scharf kritisieren, sehen andere Beobachter ihre Zweifel an einer Unschuld Pells gestärkt.

"Die Beschuldigungen gegen ihn sind absolut unglaublich", sagte Kardinal Müller der US-Zeitschrift "National Catholic Register" am Mittwoch Ortszeit. Das Urteil sei "ohne Grundlage, gegen die gesamte Beweislage" erfolgt. Das Gerechtigkeitsverständnis, das sich hier zeige, mache deutlich, wie sehr das Rechtssystem "durch die vorherrschende öffentliche Meinung" korrumpiert sei.

Eine neue "Dreyfus-Affäre"?

Der konservative US-Publizist und Theologe George Weigel sieht im Fall Pell eine neue "Dreyfus-Affäre". Der französische jüdische Offizier Alfred Dreyfus war 1894 in einem aufsehenerregenden Prozess wegen angeblichen Geheimnisverrats an die Deutschen verurteilt worden. Die Beweislage damals war nachweislich falsch.

Seitdem im Fall Pell vor eineinhalb Jahren die ersten Anschuldigungen aufgetaucht seien, gebe es eine "Atmosphäre öffentlicher Hysterie, angetrieben durch säkularen Anti-Katholizismus", so Weigel. Der weltweite Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche habe diese Hysterie verstärkt, obschon Pell der führende australische Bischof im Kampf gegen Missbrauch gewesen sei.

Mehrere frühere Anschuldigungen gegen Pell

Weigel verweist zudem auf eine nicht rechtskräftige Jury-Abstimmung in einem ersten ergebnislosen Verfahren, bei der zehn der zwölf Geschworenen für "unschuldig" votiert hätten. Eine entsprechende Meldung der Agentur CNA wird aber laut einem Bericht der britischen Zeitschrift "The Tablet" von australischen Rechtsexperten bezweifelt.

Deren Vatikan-Korrespondent Christopher Lamb verweist auf mehrere frühere Anschuldigungen gegen Pell aus den 1990er Jahren und dem Jahr 2002. Diese seien von australischen Gerichten wegen ungenügender Beweislage abgewiesen worden. Gleichzeitig kritisiert Lamb, dass die Glaubenskongregation damals nicht tätig geworden sei, obschon das Kirchenrecht dies vorgesehen habe.

Schuldspruch Ende Februar, Berufung eingelegt

Erst nach dem aktuellen Urteil leitete der Vatikan eine eigene Untersuchung gegen Pell ein. Dabei soll die Glaubenskongregation auch auf Untersuchungsergebnisse staatlicher Behörden zurückgreifen, wie der vatikanische Chefankläger Erzbischof Charles Scicluna betonte.

Kardinal Pell war Ende Februar von einem Geschworenengericht in Australien des sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen worden. Bis zur Verkündung des Strafmaßes am kommenden Mittwoch (13.3.) muss er in Untersuchungshaft bleiben. Pell wurde für schuldig befunden, 1996 als Erzbischof einen 13 Jahre alten Jungen in der Sakristei der katholischen Kathedrale von Melbourne sexuell missbraucht und einen anderen belästigt zu haben. Der Kardinal beteuert seine Unschuld und legte Berufung ein. Die Anhörung könnte Medienberichten zufolge am 5. und 6. Juni stattfinden.

Unterdessen droht Pell ein weiteres Verfahren. Ein 50-jähriger Mann plant laut australischen Medien eine Zivilklage gegen ihn. In dem neuen Fall geht es um Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens in einem Schwimmbad in Pells Heimatort Ballarat in den 70er Jahren.

(KNA)

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