Demonstranten fordern Aufklärung zum Verschwinden von Emanuela Orland
Demonstranten fordern Aufklärung zum Verschwinden von Emanuela Orland
Ulrich Nersinger
Ulrich Nersinger

08.11.2018

Vatikan-Experte über den spektakulären Kriminalfall Orlandi "Die Familie leidet"

Nach einem Knochenfund im Vatikan rollt die Polizei einen alten Kriminalfall wieder auf: 1983 verschwand in Rom die 15-jährige Tochter eines Vatikanangestellten. Die Familie sucht bis heute nach der Wahrheit. Ein aktueller Blick auf den Fall.

DOMRADIO.DE: Die Vatikanbotschaft in Rom befindet sich nicht auf dem Gelände des Vatikans – bei Renovierungsarbeiten wurden jetzt schon zum zweiten Mal Knochen gefunden. Was haben menschliche Überreste im Fußboden einer Vatikanbotschaft verloren?

Ulrich Nersinger (Theologe und Vatikan-Experte): Ja, das ist eine gute Frage. An sich ist es nicht verwunderlich, wenn man bei Renovierungsarbeiten, bei Ausgrabungen oder bei Ausschachtungen in der Ewigen Stadt Knochenreste findet. Bei der historischen Dimension, die die Ewige Stadt hat, passiert es, dass man immer wieder auf Knochenfunde stößt. Das hat viele Gründe, die in der Antike oder im Mittelalter liegen.

Wir haben sogar bis zum letzten Jahrhundert viele kleine Friedhöfe gehabt. Das ist eigentlich nicht verwunderlich. Aber wenn so etwas auf dem Gebiet der vatikanischen Botschaft der Republik Italien geschieht, dann beginnen bei vielen die Alarmglocken zu klingeln.

DOMRADIO.DE: Was glauben Sie, wie wahrscheinlich ist es, dass das tatsächlich die sterblichen Überreste vom Mädchen Emanuela Orlandi sind?

Nersinger: Da bewegen wir uns im Bereich der Hypothesen, der Möglichkeiten. Es ist möglich, es muss aber nicht sein. Es ist so, dass der Fall der verschwundenen Vatikanbürgerin von 1981 in Rom immer noch präsent ist - vor allen Dingen auch in den Medien. In Italien gibt es Fernsehsendungen, die eigentlich von der permanenten Berichterstattung über diesen berühmten Kriminalfall leben.

DOMRADIO.DE: Um das mysteriöse Verschwinden der Emanuela Orlandi ranken sich unheimlich viele Theorien. Entführung, Erpressung, gar Mord sind im Spiel. Es scheint irgendwie alles möglich. Haben Sie eine Theorie?

Nersinger: Da versuche ich mich zurückzuhalten, weil uns einfach sehr viele Indizien fehlen. Wir können etliches nicht einordnen, weil viel hypothetisch ist, weil vieles Vermutungen sind. Das ist sehr, sehr schwierig. Es zeigt sich natürlich, dass das ein wenig auch an der Öffentlichkeitsarbeit des Vatikan liegt. Heute wäre man besser dran, wenn man über manche Vorgänge, die auch mit dem Vatikan zu tun haben, informiert hätte.

Man hat sich damals in der ersten Phase des Verschwindens auch mit Telefonanrufen an den Vatikan gerichtet. Der Heilige Vater Papst Johannes Paul II. hat sich acht Mal in diesem Fall an die Öffentlichkeit gewandt. Es wäre aber hilfreich gewesen, wenn etwas mehr Öffentlichkeitsarbeit, eine größere Darlegung der Fakten stattgefunden hätte.

DOMRADIO.DE: Das heißt, der Vatikan hat damals zu wenig bei der Aufklärung geholfen?

Nersinger: Ja, und das ist ein leider sehr, sehr altes Problem. Denken wir an den Tod von Johannes Paul I. zurück. Da hat der Vatikan - als der Papst gestorben war - bekannt gegeben: Der Papst sei aufgefunden worden von seinem Sekretär, beim Studium einer Schrift von Thomas von Kempen.

In Wirklichkeit ist er von einer Ordensschwester aufgefunden worden, beim Studium von Akten. Aber das war damals dem Vatikan einfach zu peinlich. Das wollte man nicht so darstellen. Und da hat man zu diesen kleinen Unwahrheiten gegriffen, aber solche Unwahrheiten rächen sich natürlich. In der heutigen Zeit, wo die sozialen Medien omnipräsent sind, ist das noch schwieriger zu handhaben.

DOMRADIO.DE: Sie kennen den Bruder des Mädchens, Sie haben ihn einmal getroffen. Dieser lässt sich bis heute ja nicht davon abbringen, die Wahrheit herauszufinden. Wie sehr leidet denn die Familie unter diesem unaufgeklärten Fall?

Nersinger: Die Familie leidet, glaube ich, sehr stark darunter. Den Bruder treibt das wirklich an, was man verstehen kann. Ich halte es auch für richtig, dass der Bruder darauf drängt, dass Dinge, die vielleicht nur einem kleinen Kreis bekannt sind, auch öffentlich gemacht und der Familie bekannt gemacht werden.

Natürlich geht auch den einzelnen Personen der Familie alles Mögliche durch den Kopf. Die Mutter und der Bruder des Mädchens sind während der ersten Messe, die Papst Franziskus im Vatikan gehalten hat, mit dem Papst zusammengetroffen. Da hat der Heilige Vater zu ihnen gesagt: "Emanuela ist im Himmel". Das ist vermutlich ein Trostwort des Papstes gewesen, aber man beginnt natürlich zu überlegen: Weiß der Papst mehr? Hat man ihm berichtet, was geschehen ist? Das sind Dinge, die die Familie sehr stark bewegen.

Dann gibt es Hinweise, die Aktualität besitzen. Vor einigen Jahren hat einer der bekanntesten Geistlichen Italiens, der berühmte Exorzist Amorth mal gesagt, Emanuela Orlandi sei nach einer Sexparty im Vatikan verschwunden. Damals haben alle darüber geschmunzelt, den Kopf geschüttelt und gesagt, "das gehört alles ins Reich der Phantasie". Aber nun hat man vor gar nicht so langer Zeit von einer anderen Realität erfahren. Es gab vor wenigen Jahren tatsächlich eine Drogenparty im Vatikan, in einem exterritorialen Gebäude des Palasts des Heiligen Offiziums (Vorgänger-Organisation der Glaubenskongregation, Anm. d. Red.), bei der dann wirklich die vatikanische Gendarmarie eingreifen musste. Der Gedanke, dass es auch damals schon solche Party gegeben haben könnte, ist also gar nicht so abwegig.

Dann gibt es aktuell die Missbrauchskrise, von der wir wissen, dass auch Priester und Kardinäle involviert sind. Da rotiert es in vielen Köpfen, die Phantasie wird immer größer. Deshalb ist es wichtig, Aufklärung zu schaffen.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(DR)

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