Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA
Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemaliger Apostolischer Nuntius in den USA
Jan Hendrik Stens
Jan Hendrik Stens

31.08.2018

Seit Anschuldigungen des Ex-Diplomats steht die Kirche Kopf Was ist dran an den Vorwürfen Viganòs gegen Franziskus?

Es ist eine Zerreißprobe für die Kirche: Ex-Diplomat Viganò wirft Papst Franziskus vor, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Ist das ein Rachefeldzug oder berechtigter Vorwurf? Eine Einordnung.

DOMRADIO.DE: Wer ist denn dieser Erzbischof Viganò überhaupt?

Jan Hendrik Stens (Liturgie-Redaktion): Man darf ihn nicht verwechseln mit dem ehemaligen Präfekten des vatikanischen Mediensekretariats, Dario Viganò, der wegen der manipulativen Veröffentlichung eines Briefes von Benedikt XVI. im vergangenen März zurückgetreten ist.

Carlo Maria Viganò ist lange Zeit im Diplomatendienst des vatikanischen Staatssekretariats tätig gewesen und war in den neunziger Jahren Apostolischer Nuntius in Nigeria. 2009 wurde er dann von Papst Benedikt zum Generalsekretär des Governatorats der Vatikanstadt bestellt. Da geht es um die Verwaltung von Haushalt und Finanzen. Viganò beklagte dort massiv Korruption und Vetternwirtschaft und konnte erstmals eine Bilanz mit schwarzen Zahlen vorlegen.

Dieses Aufräumen hat aber nicht allen im Vatikan gefallen. Kardinalstaatssekretär Bertone hat ihn daraufhin entlassen, worüber sich Viganò beim Papst beschwerte. Der hat ihn dann als Apostolischen Nuntius nach Washington geschickt, wo er bis 2016 wirkte. Im Zuge der Vatileaks-Affäre sind diese Vorgänge gut dokumentiert worden.

DOMRADIO.DE: Das klingt ja erst einmal ganz positiv für Viganò, wenn er gegen Korruption und Vetternwirtschaft gekämpft hat, oder?

Stens: Zumindest dürfte er einen guten Einblick in die Arbeit des Staatssekretariats und die der vatikanischen Verwaltung haben. Es erklärt aber auch sein gespanntes Verhältnis zu Kardinal Bertone. Weshalb ihn Benedikt dann nach Washington geschickt hat, ist nicht ganz klar.

Die einen sagen, er wollte ihn im Vatikan aus der Schusslinie nehmen und eine Entscheidung seines engsten Beraters Bertone nicht anfechten. Andere wiederum sind der Ansicht, Viganò sei ganz gezielt zum Aufräumen nach Washington geschickt worden. Objektiv kann man aber sagen, dass die Nuntiatur in Washington zu den wichtigsten der katholischen Kirche zählt, weshalb man Viganòs Entsendung dorthin sicherlich nicht als "Absägen" oder "Abschieben" bezeichnen kann.

DOMRADIO.DE: Zwei Jahre nach Ende seiner Amtszeit kommt nun dieses Schreiben an die Öffentlichkeit. Was steht denn da genau drin?

Stens: Erzbischof Viganò beschuldigt darin ranghohe Kurienmitarbeiter, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs sowie entsprechende Strafmaßnahmen vereitelt zu haben. Im Visier des Schreibens stehen vor allem die ehemaligen Kardinalstaatssekretäre Sodano und Bertone. Aber auch Papst Franziskus wirft Viganò vor, er habe eine Strafe, mit der der emeritierte Erzbischof von Washington McCarrick von Papst Benedikt belegt worden sei, wieder aufgehoben.

Wir wissen ja, dass Papst Franziskus McCarrick vor kurzem des Kardinalstitel entzogen und ihm ein Leben in Buße und Abgeschiedenheit auferlegt hat. Franziskus sei aber bereits kurz nach seiner Papstwahl 2013 darüber informiert gewesen, dass McCarrick Seminaristen sexuell genötigt und mit ihnen sexuell verkehrt hat, behauptet Viganò.

DOMRADIO.DE: Im Schreiben ist aber von ganzen "homosexuellen Netzwerken" die Rede, die bis in die oberste Kirchenleitung hineinreichten. Was hat das mit dem Missbrauchsskandal zu tun?

Stens: Darüber ist ein heftig ausgefochtener Streit entbrannt. Für Viganò, aber auch für Leute wie Kardinal Burke ist die ausgelebte Homosexualität unter Priestern eines der Grundübel für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen. Und man sieht deutlich, wie jetzt vor allem homophobe Katholiken auf diesen Zug aufspringen und Homosexuelle für alles verantwortlich machen wollen. Viganòs Text wirkt diesbezüglich auch sehr pathetisch und verbittert.

Allerdings spricht er auch Dinge an, die tatsächlich ein Problem sind. Im Sommer vergangenen Jahres wurde in der Wohnung eines Mitarbeiters von Kardinal Coccopalmerio im Gebäude der Glaubenskongregation eine Sex- und Drogenparty von der Polizei aufgelöst. Und das war nicht die erste, die im Vatikan stattgefunden hat.

Von einem inzwischen verstorbenen Kurienkardinal gibt es die Geschichte, dass dieser einen Schweizer Gardisten im Aufzug körperlich zu nahe gekommen sei und sich dafür eine schallende Ohrfeige eingeholt habe. Und hinter der frühzeitigen Emeritierung eines italienischen Bischofs "aus gesundheitlichen Gründen" nur ein Jahr nach dessen Amtsantritt sieht Viganò ebenfalls sexuelle Verfehlungen am Werk.

Wir sehen also, dass Viganò durchaus Problempunkte anspricht. Es gibt aber deutliche Widersprüchlichkeiten zu seinem Vorwurf gegen Papst Franziskus. Einmal sind die Strafen, die Papst Benedikt McCarrick auferlegt und die von Franziskus wieder außer Kraft gesetzt worden sein sollen, der Öffentlichkeit gar nicht bekannt gewesen. Und wenn sie tatsächlich existiert haben sollten, dann wurden sie nie umgesetzt.

Denn McCarrick ist in der Zeit regelmäßig öffentlich aufgetreten, war sogar im Vatikan und Erzbischof Viganò stand als Nuntius neben ihm und verzog keine Miene. Bilder belegen das. Auch kursiert zur Zeit ein Video, in welchem McCarrick von Viganò herzlich begrüßt wird. Ob das die hohe Kunst eines Diplomaten ist oder ob sich Viganò doch etwas janusköpfig zeigt, diese Frage sollte man sich durchaus stellen.

DOMRADIO.DE: Wenn die Vorwürfe gegen Papst Franziskus offensichtlich nicht so stichhaltig sind, was könnte denn die Absicht sein, die dahintersteckt?

Stens: Da gibt es ganz unterschiedliche Interpretationen. Einige Beobachter sehen eine Art Rachefeldzug Viganòs gegen Franziskus, weil dieser ihn nach seiner Emeritierung vor zwei Jahren nicht zum Kardinal gemacht hat. Ferner wirft ihm Viganò ja auch vor, bei den Bischofsernennungen in den USA an der Nuntiatur vorbei agiert zu haben, was ungewöhnlich ist.

Nach den Aussagen des chilenischen Anti-Missbrauchs-Aktivisten Juan Carlos Cruz soll Franziskus mit seinem Nuntius in den USA alles andere als zufrieden gewesen sein und auch Erfahrungen mit dessen homophoben Zügen gemacht haben. Das würde zumindest erklären, warum Franziskus bei der Ernennung neuer US-Bischöfe die Dienste seines Nuntius nicht in Anspruch genommen hat.

Denn die neu ernannten setzen weniger auf die Themen Abtreibung und Homosexualität als dies manche ihrer Amtsbrüder tun. Deutlich wird dadurch auch die Gespaltenheit der Bischöfe in den Vereinigten Staaten. Da gibt es diejenigen, die sich hinter Viganò stellen und diejenigen, die eine Verleumdungskampagne gegen den Papst am Werk sehen.

Für den Präsidenten der US-Bischofskonferenz, Kardinal DiNardo, wird es daher nicht leicht sein, hier zu vermitteln. Er will, dass die von Viganò erhobenen Vorwürfe überprüft werden, um die Beschuldigten entweder zu entlasten oder zur Rechenschaft zu ziehen. Bei Papst Franziskus hat er bereits um eine Audienz gebeten.

Die katholische Kirche in den USA, aber auch weit darüber hinaus steht gerade vor einer Zerreißprobe, weil überall auf der Welt Position bezogen wird und sich Franziskus-Anhänger wie Franziskus-Gegner teilweise unversöhnlich gegenüber stehen.

(DR)

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