Muss sich vor Gericht verantworten: Kardinal George Pell
Muss sich vor Gericht verantworten: Kardinal George Pell

30.04.2018

Vatikanischer Finanzchef muss sich vor Gericht verantworten Missbrauchsanklage gegen Kardinal Pell

Ein Gericht in Melbourne hat Kurienkardinal George Pell wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Auf seinen Posten als Finanzchef des Vatikan wird er vermutlich nicht mehr zurückkehren.

Kardinal George Pell (76) muss sich wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. Ein Gericht in Melbourne entschied am Dienstag, dass die in der Anhörung vom März vorgelegten Beweise die Eröffnung der Hauptverhandlung rechtfertigten. Nach Angaben der Erzdiözese wies Richterin Belinda Wallington jedoch eine Reihe besonders schwerwiegender Anschuldigungen gegen den ehemaligen Erzbischof von Melbourne zurück. Pell selbst bestreitet alle Vorwürfe.

Applaus im Gerichtssaal

Das Publikum im Gericht habe nach der Entscheidung applaudiert, berichteten australische Medien. Der Kurienkardinal sei gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden, nachdem er zugesichert habe, das Land nicht zu verlassen. Pell ist der bislang ranghöchste katholische Geistliche, der vor einem weltlichen Gericht wegen Missbrauchs angeklagt wird. Ihm werden mehrere Taten vorgeworfen, die er in den 1970er Jahren als Priester in seiner Heimatstadt Ballarat begangen haben soll. Für die Dauer des Verfahrens ist er von seinen Pflichten als vatikanischer Finanzminister freigestellt.

Der Heilige Stuhl nehme die Entscheidung des australischen Gerichts zur Kenntnis, erklärte Vatikansprecher Greg Burke zur Eröffnung des Verfahrens gegen Pell. Er erinnerte daran, dass der Papst den Kardinal im vergangenen Jahr von seinem Amt als Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats beurlaubt habe, damit er sich in seiner Heimat gegen die Anschuldigungen verteidigen könne. Diese Entscheidung bleibe bestehen. Damit bleibt Pell weiter formal an der Spitze einer der wichtigsten Vatikanbehörden.

Unruhen bei Anhörung

Zuvor, am letzten Tag der vierwöchigen Anhörung vor Richterin Belinda Wallington am Gründonnerstag ging es im Gerichtssaal in Melbourne turbulent zu. Die Vorwürfe gegen seinen Mandaten seien nichts anderes als "Produkte der Fantasie, psychischer Probleme oder reine Erfindungen" und zudem eine politische Machenschaft, donnerte Robert Richter, Anwalt von Kardinal George Pell.

Richter, der für seinen konfrontativen Stil berüchtigt ist, sagte weiter: "Pell repräsentiert das Gesicht der katholischen Kirche. Als prominente Person wurde er offensichtlich zum Ziel von Anschuldigungen, die nicht wahr sind, sondern als Strafe dafür konstruiert wurden, dass er viele Jahre lang sexuellen Missbrauch nicht verhindert hat."

Pell an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt

Als Erzbischof von Melbourne (1996-2001) und später von Sydney (2001-2014) präsentierte sich der medienaffine Pell zu kontroversen politischen Themen wie Abtreibung, Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, Stammzellforschung und Klimawandel als konservativer Fels in der Brandung. Obwohl er nie Vorsitzender der Bischofskonferenz war, wurde Pell, der in dem Buch "Alles muss ans Licht" (2015) über den Kampf von Papst Franziskus gegen Korruption im Vatikan als "ambitionierte Bulldogge aus Sydney" tituliert wird, tatsächlich zum Gesicht der katholischen Kirche Australiens.

Der hünenhafte Mann, der vor dem Eintritt ins Priesterseminar auch mit einer Karriere als Rugbyprofi liebäugelte, ist aber auch das Gesicht des Missbrauchsskandals in Australien. Pell war, wie die staatliche Missbrauchskommission akribisch nachzeichnete, als junger Priester in der Bergbaustadt Ballarat an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt. Insgesamt 139 Menschen haben vor der staatlichen Kommission ausgesagt, als Kinder zwischen 1980 und 2015 in Ballarat sexuell missbraucht worden zu sein. Von den 21 Tätern waren 17 Priester.

Als neu ernannter Erzbischof von Melbourne gab Pell im Oktober 1996 mit der sogenannten "Melbourne Response" eine erste Antwort zum Umgang mit Missbrauchsfällen in der australischen Kirche. Sein Verfahrensvorschlag machte Schlagzeilen; doch Pell verärgerte zugleich mit dem Alleingang seine Amtsbrüder. Die Bischofskonferenz war nämlich kurz davor, die für die gesamte Kirche verbindlichen Standards "Towards Healing" (Richtung Heilung) zu veröffentlichen. Das wusste Pell natürlich.

2002 aus Mangel an Beweisen freigesprochen

Zudem wurden immer wieder Vorwürfe laut, Pell selbst habe sich schuldig gemacht in Sachen sexueller Nötigung. Er könne es daher aus Selbstschutzgründen mit der "Melbourne Response" so eilig gehabt habe, mutmaßt Neil Ormerod, Theologieprofessor an der Katholischen Universität von Australien: "Als Erzbischof von Melbourne konnte er ja nicht gegen sich selbst ermitteln." Interne Ermittlungen in Melbourne wurden erst möglich, nachdem Pell Erzbischof von Sydney geworden war. Aus Mangel an Beweisen wurde er jedoch 2002 von dem Vorwurf freigesprochen, als junger Priester in einem Zeltlager einen Jungen sexuell missbraucht zu haben.

Die Anhörung vor dem weltlichen Gericht im März 2018 war reich an Überraschungen. Wenige Tage vor Beginn zog die Staatsanwaltschaft nach dem Krebstod von Zeuge Damian Dignan eine der zentralen Anklagepunkte zurück. Dignan hatte mit seinen Vorwürfen das Verfahren ins Rollen gebracht. Im Laufe der Anhörung musste die Staatsanwaltschaft weitere Klagepunkte fallen lassen, nachdem einer der Zeugen aus "medizinischen Gründen" nicht aussagen konnte. Wie viele Anklagepunkte es insgesamt noch gibt und was Pell konkret zur Last gelegt wird, ist bislang immer noch nicht öffentlich.

(KNA, epd)

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