Ulrich Nersinger trifft Franziskus
Ulrich Nersinger trifft Franziskus
Johannes XXIII.
Papst Johannes XXIII.
Unvergessen: Papst Johannes Paul II.
Papst Johannes Paul II.
Grabmal von Papst Pius IX. in den vatikanischen Grotten
Grabmal von Papst Pius IX. in den vatikanischen Grotten
Papst Paul VI.
Papst Paul VI.

10.11.2017

Vatikan-Experte zu päpstlichem Zigarettenverkaufsverbot "Ein gewaltiger Paukenschlag"

Wenn Vatikan-Experte Ulrich Nersinger von einem "gewaltigen Paukenschlag" im Vatikan spricht, dann könnte man sich sonstwelche klerikalen Entwicklungen vorstellen. Doch es geht um etwas ganz anderes: das Verbot des Zigarettenverkaufs.

domradio.de: Ein Aus für steuerfreie Zigaretten im Vatikan – ist das als Paukenschlag des Papstes zu werten?

Ulrich Nersinger (Theologe, Autor und Vatikan-Experte): Ja. Ich denke, das ist ein ganz gewaltiger Paukenschlag. Ich habe die Vermutung, dass sich der Papst damit viel mehr Ärger und Kritik einhandelt, als mit jeder Diskussion um "amoris laetitia".

domradio.de: Was wissen wir denn über Franziskus' persönliches Verhältnis zum Tabak? 

Nersinger: Relativ wenig. Ich vermute, – da er ja Probleme mit der Lunge hat, man sagt ja, ein Teil der Lunge fehlt im – dass es von vorne herein für ihn keine Diskussion gab um das Rauchen. Und wir sehen ja auch, dass die Päpste, die sich negativ zum Rauchen geäußert haben und Verbote ausgesprochen haben, immer Nichtraucher waren. Aber diese waren eigentlich immer in der Minderheit. 

domradio.de: Traditionell waren die Päpste bis in die Neuzeit hinein eher dem Tabak zugeneigt. Haben Sie da Beispiele aus dem 20. Jahrhundert?  

Nersinger: Ja. Zugeneigt ist eigentlich noch viel zu vorsichtig ausgedrückt. Wir haben auch Päpste und vor allem heilige und selige Päpste, die also schon enorm starke Raucher waren, oder früher eher Schnupfer. Leo der XIII. war ein ganz berühmter Tabakschnupfer. Es gibt einen Roman von Emile Zola, der das schildert. Manchmal in nicht so feinen Zügen, wie dann auch der Schnupftabak auf die weiße Soutane des Papstes herunterrieselt. Aber es gab auch sehr starke Raucher. Und auch Personen und Päpste, von denen man es vermutlich nicht erwartet hätte. Papst Johannes der XXIII. war ein Raucher, der mindestens eine Packung am Tag brauchte.

domradio.de: Sind das jetzt Insider-Informationen oder haben die das auch öffentlich gemacht? 

Nersinger: Es gibt einen Papst, der das öffentlich gemacht hat. Der selige Paul VI., von dem man ja auch eher annimmt, dass er ein asketisches Leben geführt hat. Das hat er auch, aber beim Rauchen hat er sich nie sehr zurück gehalten. Und von ihm weiß man definitiv, dass er bei Staatsbesuchen, wenn er mit seinen Gästen zu Gesprächen ging, diesen sogar Tabak und Zigaretten anbot. 

domradio.de: Wie sieht es mit der Vorbildfunktion aus? Gab es da Kritik? Haben da Berater gesagt, man könne doch nicht in der Öffentlichkeit rauchen?

Nersinger: Das war so. Im 17. Jahrhundert gab es einen Jesuitenpater, Jacob Balde, der hat – glaube ich – 1660 ein Pamphlet gegen das Rauchen herausgegeben. Und er hat sich damit sehr viel Ärger eingehandelt. Mehr, als wenn er irgendeine theologische Diskussion angefangen hätte. Weil man das Rauchen durchaus als normal empfand. Und man empfand es auch als gesund. Ein ganz berühmter Prediger, Abraham a Santa Clara, hat in dem mäßigen Genuss des Tabaks sogar eine Förderung der Gesundheit gesehen. Man wusste damals also auch nicht um die Gefahren, die der Tabak in sich birgt.

domradio.de: Man munkelt, dass bisher auch den Kardinälen im Vatikan monatlich ein Kontingent von 500 Päckchen zustand. Franziskus will jetzt, dass Schluss ist mit diesen steuerfreien Zigaretten und zieht sich da bestimmt auch den Groll eingefleischter Raucher im Vatikan zu. Ist da öffentlicher Protest zu erwarten? 

Nersinger: Ich weiß nicht, ob es öffentlich gemacht wird. Wir haben es in der Vergangenheit das letzte Mal 2002 gehabt als Johannes Paul II., auch ein Nichtraucher, das öffentliche Rauchen im Vatikan verbot. Und da gab es sogar einen Aufruf eines Kurienbischofs, man möge eine Novene zum seligen Pius IX. halten, der den Tabak im 19. Jahrhundert sehr gefördert hat. Ich denke mir, dass es jetzt quer durch alle theologischen Richtungen einen Widerstand oder zumindest ein Murren und Grollen im Vatikan gibt. 

domradio.de: Gibt es rauchfreie Zonen im Vatikan? 

Nersinger: Ja, eigentlich sollte alles rauchfrei sein. Ich bin im März durch die vatikanischen Gärten gegangen und hatte mich auf einen Platz, der etwas versteckt war, hingesetzt. Da sah ich auch eine Kippe liegen. Also es wird gemacht, weil es auch eine gewisse Tradition im Vatikan hat. Unter Paul VI. war damals Jean Villot Kardinalstaatssekretär. Das war ein ungeheuer starker Raucher. Und manche Monsignori befürchteten eine Beförderung ins Staatssekretariat, weil sie wussten, dass der Kardinal sehr viel rauchte. Die ganzen Akten und Räume waren wirklich geschwängert von Nikotin.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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