Ein Obdachloser auf dem Petersplatz
Ein Obdachloser auf dem Petersplatz
2015 besuchte Franziskus die neue Obdachlosenunterkunft "Dono di Misericordia" nahe dem Petersplatz.
2015 besuchte Franziskus die neue Obdachlosenunterkunft "Dono di Misericordia" nahe dem Petersplatz.
Weihbischof Ansgar Puff
Weihbischof Ansgar Puff

03.11.2016

6.000 Obdachlose pilgern zum Papst - 600 davon aus Deutschland "Der denkt auch an uns arme Schweine"

Obdachlose liegen Papst Franziskus am Herzen: In Rom organisierte er Ausflüge zum Meer für sie, spendierte Pizza, richtete eine kleine Ambulanz am Vatikan ein. Nun hat er sie zu einem großen Pilgerfest eingeladen.

Wann sie das letzte Mal Urlaub gemacht hat? Christine Thiele überlegt eine Weile. "Vor 28 Jahren, da war mein Großer zwei", sagt die 50-Jährige. Nächste Woche wird die Leipzigerin zum ersten Mal wieder die Koffer packen - um zu Papst Franziskus nach Rom zu reisen. Er hatte sie eingeladen. Sie und alle Obdachlosen und Bedürftigen in Europa, um mit ihm im Jahr der Barmherzigkeit ein Fest zu feiern. Rund 6.000 Menschen werden dazu vom 11. bis 13. November im Vatikan erwartet, darunter etwa 600 aus Deutschland.

"Ich möchte dem Papst danken. Dass er an uns denkt. Und dass er einem immer vermittelt, dass er ein Mensch ist wie wir", sagt Thiele, während sie am schlichten Tisch in der "Leipziger Oase" sitzt, der von Diakonie und Caritas getragenen Kontaktstube für Wohnungslose.

Für Obdachlose ein Herz

Leiter Christoph Köst nickt: "Es ist diese Wertschätzung, die für unsere Leute so wichtig ist." Papst Franziskus hole die Menschen vom Rand in die Mitte und zeige immer wieder gerade für Obdachlose ein Herz. Das werde auch im mehrheitlich konfessionslosen Leipzig sensibel von den Bedürftigen in der "Oase" registriert, so Köst.

Mit 14 Teilnehmern fliegt Köst nun nach Rom. Katholisch sind davon nur drei. Finanziert werde die Reise, die für jede Person 650 Euro kostet, durch Spenden. "Aber jeder musste 25 Euro anzahlen und im Juli, September und Oktober noch mal 20 Euro monatlich - als Zeichen, dass es einem wirklich ernst ist", erklärt Köst. In Rom erhalten die Leipziger Pilger ihr Angespartes dann als Taschengeld wieder.

"Wir denken an ihn - das würde ich ihm gern sagen."

Bernd Hänsch, genannt Seemann, ist gespannt auf den Papst: "Der denkt auch mal an uns arme Schweine ganz unten. Und wir denken an ihn - das würde ich ihm gern sagen." Nach einer behüteten Kindheit und Karriere als Bauingenieur stürzte Seemann vor elf Jahren mit Alkohol ab, verlor alles und landete auf der Straße. Inzwischen ist der 63-Jährige trocken und ehrenamtlich in der "Oase" engagiert. "Ich empfinde das als eine große Auszeichnung, hier mitfahren zu dürfen", betont Seemann.

Was die Pilgerfahrt mit seiner Truppe machen werde, Köst weiß es nicht genau: "Aber wir haben mal mit der Oase einen Ausflug in eine Kirche gemacht, und da fingen dann einige plötzlich an über sehr persönliche Dinge zu sprechen, die sie tief drinnen bewegen." Fragen wie etwa: Wo ist eigentlich mein Platz? Wohin kann ich gehen, wenn es mir den Boden unter den Füßen wegzieht? Worauf darf ich hoffen?

150 Obdachlose aus dem Erzbistum Köln

Zu den 600 deutschen Pilgern gehören auch 150 Obdachlose aus dem Erzbistum Köln. Den Großteil von ihnen wird der Kölner Weihbischof Ansgar Puff im Reisebus begleiten. Ihm ist diese Pilgerfahrt sehr wichtig. "Da zeigt sich eine neue Kirche", so der Geistliche. "Jetzt wird nicht mehr nur über die Hinwendung der Kirche zu den Armen geschwätzt! Jetzt passiert endlich mal etwas Konkretes!"

In Rom erwarteten die Pilger abwechslungsreiche Tage, erläutert der Weihbischof. Bereits am ersten, dem  Freitag, steht eine Katechese mit Papst Franziskus auf dem Programm. Am Samstag ziehen die Wallfahrer in einer Fackelprozession zur Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Am selben Tag feiern auch alle deutschen Pilger gemeinsam eine Messe.

"Bittet sie hinein, sie gehören zu euch."

Höhepunkt ist der Gottesdienst mit dem Papst am Sonntagmorgen im Petersdom. Auf den Moment, wenn die 6.000 Obdachlosen in die Kathedrale einziehen, freut sich Puff jetzt schon. Für ihn wäre es schön, wenn Franziskus unmittelbar nach dem Einzug die Pforte der Barmherzigkeit wieder verschließen würde. "Das wäre doch ein starkes Zeichen an die Kirche in der ganzen Welt: Diese Menschen gehören in unsere Mitte!" Zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit soll die Pforte eine Woche später zugemauert werden.

Puff sieht die Einladung des Papstes auch als Aufruf für die "mittelschichtorientierte Kirche" in Deutschland. "Es ist schön, wenn Obdachlose die Gottesdienste besuchen, auch wenn einige vielleicht nach Alkohol riechen oder ihren besten Freund, den Hund, mitbringen." Es genüge nicht, ihnen vor der Kirchentür die Obdachlosenzeitung abzukaufen. Der Geistliche: "Bittet sie hinein, sie gehören zu euch."

Dana Kim Hansen und Karin Wollschläger
(KNA)

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