Oskar Lafontaine
Oskar Lafontaine

12.03.2016

Oskar Lafontaine über Papst Franziskus "Der Papst würde selbst in der Linken zum linken Flügel gehören"

Oskar Lafontaine bekennt sich als großer Papst-Fan. Drei Jahre nach dem Amtsantritt von Franziskus hat das Gründungsmitglied der Partei "Die Linke" über seine Begeisterung über Franziskus gesprochen.

KNA: Herr Lafontaine, die Linken plakatieren zur Zeit im Landtagswahlkampf ein Franziskus-Zitat. Jüngst ist der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow zum Papst gepilgert. Das überrascht nun doch manchen Beobachter...

Lafontaine: Ja, das überrascht sicherlich - weil viele das Vorurteil haben, dass die Linke dem Christentum der katholischen Kirche kritisch gegenübersteht. Das ist aber ein Vorurteil, das aus früheren Zeiten stammt und heute nicht mehr gilt. Unabhängig von der Frage, ob man gläubig oder nicht gläubig ist, gibt es für mich keinen Zweifel daran, dass unser Parteiprogramm der katholischen Soziallehre am nächsten kommt. Die Linke ist die einzige Partei in Deutschland, die den Satz von Papst Franziskus unterschreiben kann: Diese Wirtschaft tötet.

KNA: Das heißt, Sie sehen die alten, unüberwindbar scheinenden Gegensätze zwischen der Kirche und dem Sozialismus als überwunden an?

Lafontaine: Die waren aus meiner Sicht nie gerechtfertigt, weil die Botschaft des Christentums mit den Forderungen des Sozialismus viele Ähnlichkeiten aufweist. Das Christentum spricht von Nächstenliebe, der Sozialismus spricht von Solidarität. Die wörtliche Übersetzung der Forderung des Christentums "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" lautet ja: "Du sollst deinen Genossen liebhaben, dir gleich." Das weist darauf hin, dass auch diejenigen Recht haben, die sagen, der Sozialismus ist säkularisiertes Christentum. Insofern hatte der Staatssozialismus früherer Jahrzehnte, so wie Stalin ihn praktiziert hat, mit der ursprünglichen Botschaft nichts gemein.

KNA: Sie selbst bezeichnen sich als Fan von Papst Franziskus. Woher rührt diese Faszination?

Lafontaine: Jeder Mensch ist geprägt von seiner Kindheit. Ich bin im katholischen Arbeitermilieu mit der katholischen Soziallehre aufgewachsen. Ich habe mich dennoch immer an der Kirche gerieben, weil sie sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu stark mit den Mächtigen verbündet hat. Ich erinnere mich noch, welche Schrecken mir durch die Glieder gefahren sind, als ich zum ersten Mal Fotos von Bischöfen gesehen habe, die Waffen gesegnet haben. Deswegen ist dieser Papst für mich - gerade in der heutigen Zeit, wo weltweit der Neoliberalismus dominiert - ein Leuchtturm, eine Lichtgestalt. Wenn er fordert, dass die Kirche eine Kirche für die Armen sein muss, sich also für die Opfer dieser Wirtschaftsordnung einsetzen muss, dann kann ein engagierter Linker das nur unterschreiben.

KNA: Man kann sowohl dem Papst als auch der Linken vorhalten, dass sich radikale Kritik einfach äußern lässt. Aber die gesamte Wirtschaftsordnung zu ändern, das ist ja nicht so einfach zu realisieren.

Lafontaine: Ja, aber je mehr sich damit abfinden, umso weniger ist natürlich die Chance gegeben, diese Wirtschaftsordnung zu ändern. Sie muss aber geändert werden, weil dieser Planet sonst nicht überlebt. Eine Ordnung, deren Imperativ "Immer mehr" lautet, die führt notwendigerweise zur Zerstörung und zum Krieg. So verstehe ich auch die Analyse des Papstes. Bei den aktuellen Wahlen in Amerika kann man ja am Kandidaten Bernie Sanders, der nicht die Unterstützung des großen Geldes hat, sehen, dass sich auch in der Hochburg des Kapitalismus Menschen nach einer anderen Wirtschaftsordnung sehnen.

KNA: Franziskus will eine Kirche, die an die Ränder geht, bei den Armen ist. Fühlen Sie sich in dieser Hinsicht als deutscher Katholik bei Ihrer Kirche gut aufgehoben? Oder ist die vielleicht noch zu sehr in der Komfortzone?

Lafontaine: Die katholische Kirche in Deutschland ist natürlich noch sehr stark mit den gegenwärtigen Macht- und Herrschaftsstrukturen verbunden. Insofern habe ich immer wieder den Eindruck, dass die Aussagen des Papstes etlichen kirchlichen Würdenträgern große Probleme bereiten. Ich spitze das zu auf die Formulierung: Dieser Papst ist seit langem mal wieder jemand, der die Bibel gelesen hat und die Botschaft der Bibel vertritt.

KNA: Nicht nur Christdemokraten, auch viele Grüne oder Sozialdemokraten engagieren sich mittlerweile in Gremien wie dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Wünschen Sie sich hier auch vonseiten Ihrer Parteimitglieder mehr Beteiligung?

Lafontaine: Ich wünsche mir, dass immer mehr Mitglieder in der Linken noch mehr diese grundsätzlich kritische Einstellung des Papstes zur Wirtschaftsordnung teilen. Es wird Sie vielleicht überraschen, wenn ich sage, dass der Papst selbst in der Linken zum linken Flügel gehören würde. Während die kirchlichen Organisationen, von denen Sie sprechen, ja doch sehr in die heutigen Machtstrukturen eingebunden sind und daher der Haltung des Papstes zur Weltwirtschaftsordnung kritisch gegenüberstehen.

KNA: Wobei aber viele Laienorganisationen oft auch kritisch gegenüber der Kirche sind.

Lafontaine: Ja, das stimmt. Ich hatte schon vor einiger Zeit dafür plädiert, dass die Linken stärker mit Laienorganisationen zusammenarbeiten sollen - weil diese dadurch, dass sie die Botschaft des Evangeliums ernst nehmen, zu den gleichen politischen Vorstellungen kommen wie die Linke. Auch Pax Christi ist gegen Waffenexport und Präventionskriege wie die Linke. Und bei der gerechteren Verteilung der gemeinsam erwirtschafteten Güter vertreten wir ähnliche Positionen wie kirchliche Gruppen. Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) war unter den ersten, die einen gesetzlichen Mindestlohn gefordert haben. Das wird auch bei uns registriert. Ich halte es da gerne mit der Formel von Adolf Grimme: "Ein Sozialist kann Christ sein. Ein Christ muss Sozialist sein."

Michael Merten
(KNA)

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