Glasmalerei mit einer Friedenstaube
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10.02.2018

Historiker über Frieden und Krieg bei Olympischen Spielen "Die Spiele können einen Impuls setzen"

Rund um den Globus muss zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele Frieden herrschen – so die landläufige Vorstellung. Dem ist aber nicht so, weder heute noch in der Antike, klärt der Historiker Stephan Wassong im Interview auf.

KNA: Wie sah der olympische Frieden in der Antike aus?

Stephan Wassong (Historiker vom Olympischen Studienzentrum der Deutschen Sporthochschule in Köln): Zu den Olympischen Spielen wurde immer die sogenannte Ekecheiria ausgelobt, ein "Weg-Frieden".

KNA: Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Wassong: Ekecheiria heißt sinngemäß, dass man in dieser Zeit die Hände fest bei sich hält. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass die Athleten, die Zuschauer, aber auch die Wettkampfrichter einen sicheren Weg von ihrer Heimatstadt nach Olympia und zurück hatten. Dieser "Weg-Friede" wurde für vier Monate ausgelobt, zwei Monate vor den Wettkämpfen und zwei Monate danach. Den Beginn verkündeten damals Boten, die in die gesamte griechisch beherrschte Welt reisten.

KNA: Das heißt, kriegerische Auseinandersetzungen waren in der Welt der alten Griechen für die Dauer der Spiele untersagt?

Wassong: Nein, das ist ein ganz grundlegendes Missverständnis. Keine militärische Auseinandersetzung hat aufgehört, weil die Spiele ausgetragen wurden. Da genügt ein Blick auf den Peloponnesischen Krieg und die vielen lokalen Konflikte. Ekecheiria bedeutete keinen Stopp von Kriegen, es war lediglich verboten, die Region von Elis, in der der Austragungsort Olympia liegt, mit Waffen zu betreten. Bei einem Vergehen drohten Strafen. So musste Alexander der Große selbst eine Entschädigung dafür zahlen, weil zwei seiner Söldner einen Reisenden auf dem Weg zu Olympia bestohlen hatten.

KNA: Hatte die Übereinkunft keine allgemein befriedende Wirkung?

Wassong: Es ist durch die große Anzahl von bis zu 40.000 Athleten und durch das internationale Interesse an dem antiken Event schon davon auszugehen, dass eine Friedenssogwirkung zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele zu spüren war. Das Sportfest wäre wohl auch nicht so populär gewesen und hätte auch nicht so lange gehalten, immerhin rund 1.000 Jahre.

KNA: Der Gründer der neuzeitlichen Spiele, Pierre de Coubertin, ließ die Tradition mit ähnlichem Ansinnen wieder aufleben.

Wassong: Ja, aber der französische Baron wollte es weiter fassen und keine reine Kopie der Antike. Coubertin hatte sehr enge Kontakte zu Vertretern der aufkommenden Weltfriedensbewegung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts institutionalisierte. Er war begeistert von einer Idee, die auf dem Weltfriedenskongress 1891 in Rom vorgestellt wurde: Studenten sollte vergleichbar mit dem heutigen Eramus-Programm in andere Länder geschickt werden, damit sie dort die kulturellen und nationalen Besonderheiten kennen und achten lernten. Der Gedanke dahinter war, dass Vorurteile über andere Nationen oftmals Triebfeder für kriegerische Auseinandersetzungen waren.

KNA: Ist die Idee des olympischen Friedens heute noch lebendig?

Wassong: Das ist sehr schwierig zu bewerten. Es gibt aber auf einer rein symbolischen Ebene immer wieder Anzeichen dafür, dass die Olympischen Spiele zumindest einen Impuls setzen können. Aktuell zeigen die Annäherungen von Süd- und Nordkorea, dass ein Sportereignis Völker verbinden kann. Die beiden verfeindeten Länder wollen mit einer gemeinsamen koreanischen Flagge bei der Eröffnungsfeier einlaufen. Dies hat zwar bereits eine gewisse Tradition, weil sie das 2000 in Sydney, 2004 in Athen sowie 2006 in Turin schon gemacht haben. Aber nun wollen die beiden Staaten zudem eine gemeinsame Frauen-Eishockey-Mannschaft bilden.

KNA: Vielleicht ist das aber auch nur ein Einzelfall.

Wassong: Die verbindende Symbolik zeigt sich auch in der Atmosphäre im olympischen Dorf, wo drei Wochen lang die Menschen aus allen Teilen der Welt zusammen leben. Sie sind nicht nur bei gemeinsamen Übungen zusammen, sondern auch beispielsweise in einer riesigen Mensa. Als schön empfinde ich auch, dass die Nationen bei der Eröffnungsfeier zwar getrennt hinter ihren Fahnen einlaufen, aber die Trennung seit 1956 in Melbourne bei der Schlussfeier aufgehoben ist und alle Athleten und Trainer durchmischt das Stadion betreten.

KNA: 2016 lief auch ein Flüchtlingsteam bei Olympia mit ein. Was hatte es damit auf sich?

Wassong: Das sogenannte Team Refugee Olympic Athletes, kurz Team ROT, bestand bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro aus zehn Sportlern, die als anerkannte Flüchtlinge nicht für ihr Heimatland antreten konnten. Das IOC hatte dafür die Nationalen Olympischen Komitees angefragt, geeignete Athleten zu benennen. Die Unterstützung für die Ausstattung und weitere Finanzierung wurde aus einem Hilfsprogramm des IOC gesichert.

KNA: Es gibt sogar eine UN-Resolution für den Olympischen Frieden. Wie ist die entstanden?

Wassong: Sie ist ein Erbe von den Spielen in Barcelona 1992, bei denen sich das IOC mit der UN verständigte, trotz des Balkankonfliktes Sportler des ehemaligen Jugoslawien unter der neutralen olympischen Flagge starten zu lassen. Eigentlich waren die jugoslawischen Ex-Staaten nach dem Krieg mit Sanktionen behaftet, die auch die kulturellen und somit sportlichen Bereiche betrafen. Der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch, vertrat jedoch die Meinung, dass Sport autonom zu behandeln und davon auszuschließen sei.

KNA: Was beinhaltet die Resolution?

Wassong: Eine Verbindung aus der antiken Friedensidee und dem modernen Ansinnen von Coubertin. In der Erklärung steht zum einen, dass für einen bestimmten Zeitraum vor, während und nach den Olympischen Spielen keine militärischen Auseinandersetzungen geführt werden sollen. Sie betont aber auch, dass das gegenseitige Kennenlernen zum Abbau von Vorurteilen führt. Diese Resolution wird seither nach einer Aussprache in der UN-Generalversammlung von den gastgebenden Ländern unterschrieben.

KNA: Haben sich die teilnehmenden Länder an diese Vorgaben gehalten?

Wassong: Leider fanden immer wieder Konflikte trotz des vereinbarten olympischen Waffenstillstandes statt. So war Italien während der Winterspiele 2006 in Turin militärisch im Irak involviert. Ein weiteres Negativbeispiel fand zeitgleich mit der Eröffnungsfeier der Spiele in Peking statt, als Russland 2008 in Georgien einmarschierte und der Kaukasuskrieg entflammte.

Das Interview führte Rainer Nolte.

(KNA)

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