Dieter Overath, Geschäftsführer Faitrade Deutschland
Dieter Overath, Geschäftsführer Faitrade Deutschland

05.05.2021

TransFair-Geschäftsführer über positive Effekte der Pandemie Wie Corona dem fairen Handel geholfen hat

Kein Kaffee für unterwegs, Blumenläden sind dicht, der Frachtverkehr steht still. 2020 war streckenweise ein herausforderndes Jahr für den Handel. Das gilt auch für die Fairtrade-Sparte. Doch es gab auch positive Effekte.

KNA: 2020 haben die Deutschen mehr fair gehandelten Kaffee gekauft. Ihrer Beobachtung nach hat das auch etwas mit Corona zu tun. Wie lässt sich das erklären?

Dieter Overath (Geschäftsführer Fairtrade Deutschland): Der Kaffee zuhause hat eine Renaissance erfahren. Statt in der Bahn oder in Kantinen haben viele Menschen im Homeoffice ihren Kaffee getrunken. Im Außer-Haus-Bereich haben wir zwar eine Delle erfahren, aber überraschenderweise haben wir bei den Supermärkten extrem viel gewonnen. Darüber sind wir sehr froh. Der Kaffee ist ja sozusagen die DNA des fairen Handels. Viele assoziieren uns mit Kaffee, und dieses Produkt deckt die meisten Herkunftsländer verteilt über den globalen Süden ab.

KNA: Zeigt diese Entwicklung, dass Menschen sich eher für Fairtrade entscheiden, wenn sie ein Produkt bewusst für sich zuhause kaufen und nicht schnell mal unterwegs?

Overath: Es zeigt eher einen grundsätzlichen Trend, der sich durch die Pandemie verstärkt: Der zunehmende Wunsch nach fairen und nachhaltigen Waren. Wir haben mehr Bekanntheit und mehr Zuspruch bei Konsumentinnen und Konsumenten erzielt. Was wichtig ist: Fairtrade-Produkte müssen verfügbar und sichtbar sein. Wir stellen fest, dass zum Beispiel Aldi, Lidl, Rewe und Edeka ihre Eigenmarken verstärkt auf Fairtrade umstellen. Das heißt, das Angebot hat sich erhöht und gleichzeitig der Zuspruch. Beides ist eine erfreuliche Entwicklung.

KNA: Mit welchen Problemen haben die Kaffee-Erzeuger in den Partnerländern wegen Corona zu kämpfen?

Overath: Sie hatten zum Beispiel einen höheren Aufwand, die Kaffee-Ernte einzubringen, weil nicht mehr alle Arbeiter zusammen in einem Bus sitzen konnten, um in die Erntefelder zu fahren. Es war ein richtiger Kraftakt, die Ernte einzuholen und zu verarbeiten angesichts all dieser Restriktionen im Lockdown. Da konnte man klar sehen, dass die Fairtrade-Kooperativen ungleich besser durch die Krise gekommen sind als Kaffeebauern, die mehr oder weniger nackt im Wind standen.

KNA: Drohten wegen Corona Lieferengpässe von fair gehandelten Produkten nach Deutschland?

Overath: Im ersten Lockdown hatten wir Probleme, Blumen aus Kenia hierher zu bekommen. Da gab es kaum mehr Frachtverkehr. Überraschenderweise haben wir selbst bei den Blumen ein Plus gemacht.

KNA: Wie haben Sie das geschafft?

Overath: In einem gemeinsamen Kraftakt mit Handel und Importeuren wurden Frachtkapazitäten sichergestellt, um die Rosen hierherzukriegen. Das zeigt, wenn sich in einer Lieferkette alle verantwortlich fühlen, findet man auch in solch besonderen Situationen eine Notlösung. Die Blumen waren die größte Herausforderung. Kaffee und Kakao sind ja lagerfähig. Insofern ist hier eine Zeitverzögerung nicht so tragisch wie bei frischen Produkten. Da können Sie zwischenlagern und dann kommen Sie über solche Lieferengpässe hinweg.

KNA: Warum gab es bei fair gehandelten Rosen Zuwächse, obwohl in Deutschland zeitweise die Floristen zumachen mussten?

Overath: Jede dritte Rose in Deutschland - das sind rund eine halbe Milliarde - kommt aus dem fairen Handel. Und die sind größtenteils in den Supermärkten verkauft worden. Das heißt, die Leute haben in ihrem ganzen Frust mehr Kaffee getrunken und scheinbar auch mehr Rosen gekauft und sich daran erfreut (lacht). Und Tafelschokolade hat ja auch ein Plus. Ich hoffe, wir laufen nicht alle mit einer Wampe herum nach der Pandemie. Das waren die Kompensationseinkäufe. Für die Menschen gerade in Ostafrika - Kenia und Äthiopien - war das wichtig. Hier sind enorm viele Frauen im Rosenanbau tätig. Das ist für viele Frauen die einzige Möglichkeit, eine Berufstätigkeit zu haben.

KNA: Sie sagen, Fairtrade-Kooperativen sind besser durch die Krise gekommen als andere Erzeuger. Warum?

Overath: Bauern in einer Fairtrade-Kooperative bekommen einen stabilen Mindestpreis. Wenn es im Weltmarkt rauf und runter geht, ist das ein enorm wichtiger Punkt, um überhaupt die Kosten zu decken. Dann gibt es on top eine Fairtrade-Prämie für Investitionen vor Ort, etwa Umstellung zu organischem Anbau. 2020 hat die zusätzliche Fairtrade-Prämie ein Stück weit die Einkommenseinbußen auffangen können. Durch die Verkäufe in den deutschen Markt haben die Produzentenorganisationen 38 Millionen Euro allein an Prämien erwirtschaftet. Zudem haben wir erstmalig vom Entwicklungsministerium und von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zusätzliche Förderungen erhalten. Das hat alles darauf eingezahlt, dass die Situation nicht ganz so schrecklich geworden ist.

KNA: Im globalen Süden gibt es geringere Impffortschritte. Drohen doch noch Lieferengpässe in naher Zukunft?

Overath: Es gibt keine Garantien. Wenn Sie sich aktuell die Situation in Indien angucken, kann es gut sein, dass etwa im Baumwollanbau Probleme kommen. Wenn eine solche Situation mitten in die Kaffee-Ernte in Lateinamerika hineinfällt, dann könnten Bohnen auch mal ungepflückt am Baum hängenbleiben. Wir haben im Moment aber keine Problemanzeigen. Sprich: Die kommenden Ernten werden eingeholt. Aber die Pandemie hat weiterhin einen extremen Unsicherheitsfaktor. Es geht aber nicht nur darum, dass der Kaffee gepflückt wird und wir unseren Guten-Morgen-Kaffee genießen können.

KNA: Sondern?

Overath: Es ist der größte Irrtum zu meinen, dass die Corona-Krise gelöst ist, sobald wir hier mit der Impfung durch sind. Solche globalen Probleme können nur global gelöst werden. Wir hoffen auf mehr Empathie, Hilfe für den globalen Süden und eine gerechte Impfverteilung. Und wir hoffen darauf, dass der Handel proaktiv reagiert und nicht immer nur auf Druck. Da werden wir weiterhin nicht nur das Siegel auf dem Produkt sein, sondern auch die Mobilisierung in der Zivilgesellschaft.

Das Interview führte Anita Hirschbeck.

(KNA)

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