Kinder in einem Kindergarten
Kinder in einem Kindergarten
Ohne Kinderbetreuung wären viele Eltern aufgeschmissen.
Ohne Kinderbetreuung wären viele Eltern aufgeschmissen.
Christine Klein leitet das Katholische Familienzentrum Moitzfeld/Bensberg.
Christine Klein leitet das Katholische Familienzentrum Moitzfeld/Bensberg.
In Nicht-Coronazeiten besuchen 58 Kinder die Kita St. Joseph
In Nicht-Coronazeiten besuchen 58 Kinder die Kita St. Joseph
Die Erzieherinnen achten sorgfältig darauf, dass sich die Gruppen nicht mischen
Die Erzieherinnen achten sorgfältig darauf, dass sich die Gruppen nicht mischen
Aufgrund der Kontaktbeschränkungen vermissen viele Kinder ihre Spielkameraden aus den anderen Gruppen.
Aufgrund der Kontaktbeschränkungen vermissen viele Kinder ihre Spielkameraden aus den anderen Gruppen.
Auch draußen darf nur zusammen spielen, wer zu derselben Gruppe gehört.
Auch draußen darf nur zusammen spielen, wer zu derselben Gruppe gehört.
Für Vorschulkinder entfällt in diesem Jahr die Projektwoche.
Für Vorschulkinder entfällt in diesem Jahr die Projektwoche.
Kinder haben grundsätzlich ein Bedürfnis nach Nähe.
Kinder haben grundsätzlich ein Bedürfnis nach Nähe.
Die Köpfe zusammenstecken dürfen nur Kinder aus derselben Gruppe.
Die Köpfe zusammenstecken dürfen nur Kinder aus derselben Gruppe.

07.02.2021

Erzieherinnen an den Grenzen ihrer Belastbarkeit "Die Nerven liegen blank"

Trotz der politischen Appelle, die Kinder doch zu Hause zu lassen, herrscht in vielen Kitas fast Normalbetrieb. Der hohe Bedarf an Kinderbetreuung sorgt zunehmend für Spannungen. Auch im Katholischen Familienzentrum Moitzfeld/Bensberg.

Pia* sitzt mitten in einem Meer aus Buntstiften. Mit angestrengt rotem Köpfchen ist sie ganz in ihr kleines Kunstwerk vertieft. Dass das irgendetwas mit Karneval zu tun hat, lässt sich unschwer erraten: Denn zumindest Luftschlangen und Konfetti sind schon mal deutlich zu erkennen. Schließlich ist anderthalb Wochen vor Rosenmontag die fünfte Jahreszeit das aktuelle Thema in Pias Kita. Und wenn die Vierjährige nicht gerade malt, schlüpft sie in eines der vielen lustigen Kostüme auf der Kleiderstange oder tobt ausgelassen mit ihren Freundinnen zu kölscher Schunkelmusik durch die "Sonnengruppe". Eine Polonaise durch den Flur ist allerdings tabu; jede Gruppe muss für sich bleiben. Gemischt werden darf nicht. Das gehört zu den Coronaschutzauflagen des Landes und ist Voraussetzung für die Kita-Öffnungen. Je weniger Kinder eng aufeinandertreffen, desto besser nun mal für den Kampf gegen die Ausbreitung des tückischen Virus.

Pias Eltern arbeiten in systemrelevanten Berufen: die Mutter als Apothekerin, der Vater als Arzt. Ohne Kinderbetreuung wäre das Paar aufgeschmissen. Mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätte St. Joseph in Moitzfeld, die auch Katholisches Familienzentrum ist, kommen sie gerade so zurecht, obwohl sie für ihre Tochter nicht schon um viertel nach sieben eine Betreuung benötigen. Dafür eher bis 16.30 Uhr, was im Moment aber nicht vorgesehen ist. Um 15 Uhr ist Schluss, und statt der sonst üblichen 45 Wochenstunden sind es zurzeit auch nur 35. So hat es der Träger, der Katholische Kirchengemeindeverband, in Absprache mit der Kita-Leitung festgelegt. Die Vorgabe dazu kommt vom Land. Schließlich handelt es sich bei der derzeitigen Betreuung um einen eingeschränkten Pandemie- und nicht den normalen Regelbetrieb.

Fast 60 Prozent nehmen Betreuungsangebot in Anspruch

Einige Mütter und Väter bringen ihre Kinder allerdings schon in aller Herrgottsfrühe. Denn fest steht, dass viele Familien darauf angewiesen sind, dass der Kindergarten morgens zeitig öffnet, damit berufstätige Eltern pünktlich ihren Arbeitsplatz erreichen oder bereits zum ersten Meeting am Computer im Homeoffice sitzen können. Eine verlässliche Kinderbetreuung ist schon zu normalen Zeiten für sie der Dreh- und Angelpunkt ihres Alltagsmanagements. Erst recht im coronabedingten Ausnahmezustand.

Den Mitarbeitern der Moitzfelder Kita fällt schwer einzuschätzen, ob tatsächlich alle Familien der zurzeit durchschnittlich 35 angemeldeten Kinder – sonst sind es 58 – dringenden Betreuungsbedarf haben. Obwohl NRW-Familienminister Joachim Stamp an die Eltern zu Beginn des zweiten Lockdowns unmissverständlich appelliert hatte, nach Möglichkeit den Nachwuchs selbst zuhause zu betreuen, die Frage nach der Notwendigkeit aber gleichzeitig ins Ermessen der Erziehungsverantwortlichen gestellt hatte, sind es allein in der Kita St. Joseph fast 60 Prozent, die das Betreuungsangebot in Anspruch nehmen. Dabei hatte der FDP-Politiker damals betont: "Je weniger Kinder in einer Kita sind, desto einfacher ist es für die Erzieherinnen und Erzieher, den Alltag vor Ort zu organisieren."

Kita-Mitarbeiter fühlen sich von der Politik allein gelassen

Für Kita-Leiterin Christine Klein ist nachvollziehbar, dass Eltern händeringend Entlastung in dieser für sie so ermüdenden und zähen Situation benötigen, deren Ende noch immer nicht absehbar ist. Das stellt die 39-Jährige auch in ihrem privaten Umfeld fest. "Dennoch kommt es oft der Quadratur eines Kreises gleich, die vielen unterschiedlichen Haltungen, mit denen wir konfrontiert werden, professionell zu verarbeiten", sagt sie. Auch im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Einrichtungen hört sie immer wieder, dass Eltern diese Notbetreuung zu ihren Gunsten ausreizten und teilweise sogar rücksichtslos ausnutzten.

"Solche Erfahrungen führen innerhalb des Kollegiums zu ganz unterschiedlichen Emotionen", stellt sie fest. "Auch zu Sorge und einem Gefühl des Ausgeliefertseins angesichts der nach wie vor hohen Infektionsgefahr, die sich nun auch noch zusätzlich durch die gerade in Kitas nachgewiesenen Mutationen des Virus verstärkt." Das räumt Klein offen ein. Die vom Land den Eltern überlassene Freiwilligkeit führe dazu, dass sich Kita-Mitarbeiter vielerorts von der Politik alleine gelassen fühlten. So jedenfalls sei das eine für alle Beteiligten ungerechte und unbefriedigende Lösung. Das atmosphärische Gleichgewicht sei erheblich gestört.

Klein: Die Familien haben es im Moment nicht leicht

"Wie in vielen anderen Berufsgruppen auch wird von uns Erziehern eine maximale Flexibilität gefordert. Im ganzen vergangenen Jahr gab es fast wöchentlich neue Entscheidungen aus Düsseldorf. Immer mussten wir schnell reagieren und einen erheblichen Organisationsaufwand stemmen. Inzwischen sind alle nur noch genervt. Allein um die wechselnden Öffnungszeiten haben wir lange gerungen, wobei wir den Eltern immer – soweit möglich – entgegengekommen sind", erklärt die Leiterin der Kita St. Joseph. Immerhin haben einige von den elf pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst Kinder, die Aufsicht benötigen oder denen sie beim Homeschooling helfen müssen. "Für diese Erzieherinnen ist es ein täglicher Spagat, sich gegen die eigenen Kinder zu entscheiden und dafür die Notbetreuung von fremden zu übernehmen. Ganz zu schweigen von denen, die eigentlich einer Risikogruppe angehören, aber dennoch aus persönlichem Verantwortungsgefühl zum Dienst kommen und die Kollegen nicht im Stich lassen."

Natürlich maße sich niemand an, die subjektive Belastung einzelner Familien zu bewerten, aber insgesamt sei die Situation schon sehr aufgeladen, findet Klein. Trotzdem gebe es auch die Eltern, die das Dilemma der Erzieherinnen sowie deren Belastung sähen, ihre Kinder konsequent zuhause behielten und behutsam mit der aktuellen Lage umgingen. "Dafür sind wir ausgesprochen dankbar, gerade auch weil wir wissen, dass es die Familien im Moment wirklich nicht leicht haben. "Mit ihren Kolleginnen und Kollegen ist sie sich zudem einig, manches auch nicht mehr so an sich herankommen zu lassen. "Denn viel zu schnell besteht die Gefahr, sich angegriffen zu fühlen."

Gegenseitige Erwartungshaltungen sind kräftezehrend

Vielmehr plädiert die erfahrene Pädagogin dafür, nicht immer gleich jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. "Wir wollen keine Beziehungsstörung mit den Eltern fördern, sondern wieder aktiv dahin zurückkommen, in einer Erziehungspartnerschaft zusammenzuarbeiten." Alles andere schade nur dem pädagogischen Auftrag. "Und dem", betont die Kita-Leiterin, "kommen wir nach wie vor mit großem Engagement nach. Schließlich können die Kinder nicht dafür, dass uns Corona bis zum Äußersten strapaziert. Aber es gibt eben auch Tage, da liegen die Nerven blank."

Der globale aufkommende Druck und die gegenseitigen Erwartungshaltungen seien extrem hoch und kräftezehrend. Demnach lautet Kleins Devise an die Mitarbeiter inzwischen: Schützt Euch und passt auf Euch auf! Mut macht ihr dabei, dass sie sich auf ein "tolles Team mit einem enormen Verantwortungsbewusstsein" verlassen kann, das trotz erschwerter Bedingungen hochmotiviert arbeite. Aber sie macht auch keinen Hehl daraus, dass es eine große Anstrengung bedeutet, will man es permanent allen recht machen. "Ein schwieriges Unterfangen, was ohnehin nicht immer nötig und machbar sein muss und kann."

Gedämpfte Stimmung und ruhigeres Spielverhalten

Obwohl die einzelnen Gruppen derzeit nicht voll ausgelastet wären, könne man wegen der allgemeinen Anspannung gar nicht genießen, dass es insgesamt weniger Kinder seien. Zu sehr müsse zum Beispiel darauf geachtet werden, dass sich die Gruppen nicht begegneten – auch nicht auf dem weitläufigen Außengelände. "Auf diese Weise ist die Stimmung ohnehin gedämpft. Das gesamte Spielverhalten ist anders, ruhiger geworden. Das heißt, wir müssen uns auch mehr einfallen lassen, um die Kinder anzuregen und abzulenken. Die permanenten Absprachen, wer sich gerade wo aufhält, sind ein zusätzlicher Stressfaktor", beobachtet Klein.

Die Kleinen vermissten die Spielkameraden aus den anderen Gruppen, verstünden oft nicht, warum die Türen zwischen den unterschiedlichen Gruppen immer geschlossen bleiben müssten. "Den Kindern fehlen Spielpartner, die sie herausfordern, wie es für dieses Alter normal ist. Kinder lernen nun mal am Modell und sie lieben die Freiheit, sich auseinanderzusetzen und auch mal streiten zu dürfen." Da gehe ihnen gerade ganz viel verloren.

Größeres Maß an pädagogischer Empathie erforderlich

"Es gibt keine Projektwoche für die Vorschulkinder, die im Frühjahr immer ein Highlight ist, und auch nicht die Möglichkeit, den Verkehrspass oder Bibliotheksführerschein zu machen. Alles, was die Entwicklung der Fünfjährigen fördert und sie in ihren sozialen und emotionalen Kompetenzen stärkt, fällt aus und kann durch nichts ersetzt werden", bedauert Klein. "Das führt dazu, dass besondere Bedürfnisse, die früher vielleicht in der Gruppendynamik aufgefangen werden konnten, mit einem Mal viel sichtbarer werden und ein noch größeres Maß an pädagogischer Empathie erfordern – und damit mehr Einsatz."

Überhaupt ist alles im Kita-Alltag ein "mehr" geworden. Christine Klein und ihr Team sind weit von dem entfernt, was sie sich für ihre Kinder an Normalität zurückwünschen. Trotzdem verbreitet die Erziehungsexpertin Zuversicht. "Wir halten gerade viel aus – bis an die Grenzen unserer Belastbarkeit", erklärt sie, "in der Hoffnung, dass Licht am Ende des Tunnels ist. Bis dahin leben wir von einem Tag auf den anderen."

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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