Migranten auf den Kanaren
Migranten auf den Kanaren

20.11.2020

Flüchtlingslage auf den Kanaren bald außer Kontrolle? "Spaniens Regierung muss Flüge chartern"

​Bereits 18.000 Bootsmigranten sind in diesem Jahr auf den Kanaren gelandet, seit die Mittelmeerrouten unpassierbar sind - zwölfmal mehr als 2019. Die Kanaren sehen sich vor unlösbaren Problemen - genau wie die Ankömmlinge.

Die Situation auf der Hafenmole von Arguineguin im Süden Gran Canarias ist vollkommen außer Kontrolle. "Hier ins Aufnahmelager geht kein einziger Flüchtling mehr rein", erklärt Aday Gonzalez vom Roten Kreuz. Auch wenn die Polizei nun täglich um die 200 Migranten in das neuerrichtete Camp der spanischen Armee bringt, ändere es die Lage vor Ort kaum.

"Derzeit befinden sich 2.200 Menschen im Aufnahmelager und täglich kommen durchschnittlich 300 neue Bootsflüchtlinge. Die Menschen müssen hier tagelang auf dem Boden schlafen", sagt Gonzalez.

Bürgermeisterin: Corona-Regeln kaum Einzuhalten

Am Mittwoch ließ die Polizei bereits an die 200 Migranten einfach das Camp verlassen und setzte sie im Zentrum von Las Palmas ab. Über 2.000 wurden in Hotels untergebracht. In dem Lager seien die hygienischen Verhältnisse prekär, sagt Arguineguins Bürgermeisterin Onalia Bueno der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Corona-Abstandsregeln seien kaum einhaltbar und die Verpflegung und Unterbringung einfach menschenunwürdig.

Bereits vor zehn Tagen habe ihr Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska Hilfe versprochen. Bei einem Treffen am Freitag in Rabat werde er bei seinem marokkanischen Amtskollegen die Eindämmung des Migrantenandrangs von der Küste Marokkos einfordern. Onalia Bueno reicht das nicht: "Wir brauchen hier vor Ort jetzt Abhilfe. Die Lage gerät aus dem Ruder, Unsicherheit und Angst der Bevölkerung nehmen zu."

Ministerpräsident fürchtet "Gefängnisinseln"

Auch das Armee-Camp mit seinem Platz für 800 Personen löse die Situation nicht. "Die spanische Regierung muss Flüge chartern, um die Menschen aufs spanische Festland zu bringen", meint der kanarische Regierungschef Angel Victor Torres. Doch hierzu ist Ministerpräsident Pedro Sanchez nicht bereit. "Sie wollen die Kanaren in Gefängnisinseln für die Migranten verwandeln, damit sich die Menschen andere Routen nach Europa suchen", empört sich Bueno.

Unterdessen setzten allein in den letzten sieben Tagen über 1.900 Migranten mit Holzbooten von der Küste Marokkos auf die 100 Kilometer entfernten spanischen Urlaubsinseln über. 18.000 Bootsflüchtlinge sind in diesem Jahr bereits auf den Kanaren gelandet, zwölfmal mehr als 2019.

"Sie fliehen vor Dürren, Gewalt, sexueller Unterdrückung, aber vor allem vor Armut und Arbeitslosigkeit, die sich im Zuge der Corona-Pandemie noch verschlimmert hat", erklärt Jose Maria Santana von der Hilfsorganisation CEAR. Für die Hoffnung auf eine Zukunft in Europa riskieren sie dabei ihr Leben: Laut der Internationalen Organisation für Migration IOM stirbt auf der Atlantikroute jeder 16. Flüchtling.

Manuel Meyer
(KNA)

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