Intensivpflege (Symbolbild)
Die Hand einer Pflegerin liegt auf dem Handrücken eines Patienten auf der Intensivstation.

25.07.2020

Verband: Schlimme Zustände bei osteuropäischen Pflegekräften Bedingungen wie in der Fleischindustrie?

Experten prangern die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Pflegekräfte an: 24 Stunden Arbeit, sieben Tage die Woche, kein Urlaub, wenig Geld. Doch Pflegebedürftige und ihre Familien stehen oft mit dem Rücken zur Wand.

Neu ist das nicht: Seit Jahren wissen Politik und Öffentlichkeit, dass die Pflege alter und hilfsbedürftiger Menschen in ihren eigenen vier Wänden häufig nur deshalb funktioniert, weil Zehntausende von Frauen aus Osteuropa aushelfen - unter oft fragwürdigen Bedingungen.

So richtig aufgefallen ist es wieder durch Corona - als sich die Grenzen nach Osten zwischenzeitlich schlossen und in immer mehr deutschen Familien der "Hausengel" aus Polen vermisst wurde. Am Freitag legte der Bundesverband der Betreuungsdienste (BBD) noch einmal den Finger in die Wunde und beklagte illegale Beschäftigung und schlechte Bezahlung.

300.000 Pflegekräfte

Bis zu 300.000 Osteuropäerinnen füllen derzeit nach Schätzungen von Experten in deutschen Haushalten Lücken bei der Versorgung alter und kranker Menschen. Sie organisieren den Alltag, sorgen für Freizeitgestaltung und übernehmen Pflegeaufgaben. Meist arbeiten sie zwei oder drei Monate am Stück; danach geht es zurück in die Heimat.

BBD-Geschäftsführer Thomas Eisenreich verglich die Situation sogar mit den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie: Osteuropäische Pflegekräfte verdienten zwischen 1.500 und 1.700 Euro. Bei einer 24-Stunden-Betreuung entspreche das einem Stundenlohn von 2,08 Euro, sagte er der "Rheinischen Post". Oft gebe es keinen Arbeitsvertrag, keine Versicherungen und keinen Urlaub. Die Unterbringung sei teilweise skandalös, etwa wenn Betreuer im ehemaligen Ehebett neben der Pflegeperson schlafen müssten. "Wenn wir nationale Maßstäbe an eine 24-Stunden-Betreuung anlegen, sind das etwa 3,5 Stellen, damit Urlaub, freie Tage und Urlaubszeiten gewährt werden können. Das wären circa 9.100 Euro pro Monat." Das könne sich aber niemand leisten.

Millionen Pflegebedürftige - Tendenz steigend

Rund 3,5 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. 2,6 Millionen werden zu Hause betreut. Nach Angaben der Verbraucherzentralen gibt es mehrere Modelle, ausländische Betreuungskräfte legal zu beschäftigen: Wer ausländische Helferinnen selbst beschäftigt, muss deutsches Arbeitsrecht beachten und den in Deutschland gültigen Mindestlohn bezahlen. Zusätzlich fallen die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen an. Mit Kosten von 3.000 Euro pro Monat ist zu rechnen.

Wenn man stattdessen einen ausländischen Dienstleister beauftragt, entfallen für den Pflegebedürftigen die Arbeitgeberpflichten.
Allerdings gilt auch hier wenigstens der deutsche Mindestlohn. Zusätzlich muss das Unternehmen für seine Arbeitnehmer im Heimatland Beiträge und Abgaben zahlen. Auch so liegen die Kosten bei mindestens 2.000 Euro pro Monat. Hinzukommen die Gebühren der Vermittlungsagentur.

Auch rechtlich problematisch

Eine 24-Stunden-Betreuung durch eine einzige Person sei legal gar nicht möglich, so die Verbraucherzentralen. Die tägliche Arbeitszeit darf durchschnittlich nicht mehr als 8 Stunden betragen, die Wochenarbeitszeit darf 48 Stunden nicht überschreiten. Dazu kommen Urlaubsansprüche.

Vorgaben, die selten eingehalten werden. Entstanden ist eine riesige Grauzone. Immer wieder haben Juristen, Wissenschaftler und Pflegeexperten die Politik aufgefordert, klare rechtliche Bedingungen für diesen Bereich zu schaffen. Wissenschaftler der Universitäten Cottbus und Breslau (Wroclaw) etwa verwiesen 2018 auf das österreichische Vorbild. Dort werde die Pflege zum Beispiel auch aus Finanzmitteln eines Schwerbehindertenfonds bestritten. Zudem sollten die Leistungen der Pflegeversicherung erhöht und der Steuerfreibetrag für Pflegeleistungen erhöht werden, so der Cottbuser Rechtswissenschaftler Lothar Knopp.

Caritas bietet Alternative

Ein alternatives Konzept für eine legale Beschäftigung hat die Caritas im Erzbistum Paderborn seit 2010 entwickelt. In Zusammenarbeit mit der polnischen Caritas unterstützt das Projekt "CariFair" Pflegebedürftige und ausländische Arbeitskräfte gleichermaßen. Durch polnische Caritasverbände werden interessierte Arbeitskräfte in Polen geschult und auf Deutschland vorbereitet.

Die Betreuungskräfte würden nach Tarif bezahlt, hätten Urlaub und Freizeit und würden durch die jeweiligen Caritas-Sozialstationen begleitet, so das Konzept. Statt Rund-um-die-Uhr-Betreuung gibt es einen Mix aus häuslicher und ambulanter Pflege, Familien- und Nachbarschaftshilfe.

Christoph Arens

(KNA)

Die neue App von DOMRADIO.DE

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Schabbat Shalom: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – der Podcast

Jeden Freitag nehmen uns junge Jüd:innen in diesem Podcast mit in die Welt des Judentums. 

Tageskalender

Radioprogramm

 15.06.2021
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

  • Fußball: Vor dem Spiel Deutschland - Frankreich
  • Wie man eine gute Beziehung zu seinem Hund aufbaut
  • Die Orgelfeierstunden im Kölner Dom beginnen wieder
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

16:00 - 16:10 Uhr

Durchatmen

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Erstes deutsches Islamkolleg nimmt Arbeit auf
  • Austellung zum Buch #Antisemitismus für Anfänger
  • Wie du eine gute Bindung zu deinem Hund aufbaust
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Himmelklar Podcast

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Die ganze Bibel im Ohr! Jetzt spenden!