Viele Ostdeutsche können mit Kirche nichts anfangen
Symbolbild Kirchenaustritt

05.07.2020

Experten sehen Defizite Sinkende Kirchenmitgliederzahlen

Angesichts der jüngsten Austrittszahlen warnen Experten vor einer Marginalisierung von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland. Auch im Zuge der Corona-Krise wird nochmals ein Anstieg der Austrittszahlen erwartet.

Er rechne damit, dass bis 2060 nur noch ein Viertel der in der Bundesrepublik lebenden Menschen einer der beiden großen Kirchen angehöre, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen der "Bild am Sonntag".

Laut den Ende Juni vorgelegten Daten der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) traten im vergangenen Jahr so viele Christen aus der Kirche aus wie noch nie zuvor. Die katholische Kirche verlor demnach 272.771 Mitglieder, die evangelische Kirche rund 270.000. Insgesamt gehören damit noch 22,6 Millionen Bundesbürger der katholischen Kirche an. Das entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 27,2 Prozent. Die 20 evangelischen Gliedkirchen haben 20,7 Millionen Mitglieder und kommen auf einen Anteil von 24,9 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Die meisten Menschen kehrten "mit Ende zwanzig, Anfang dreißig" ihrer Kirche den Rücken, wenn sie ihre erste Lohnsteuerabrechnung erhielten, sagte Raffelhüschen, der an der Universität Freiburg das Forschungszentrum Generationenverträge leitet. Die Kirchensteuer ist die wichtigste Finanzquelle zur Wahrnehmung kirchlicher Aufgaben in Seelsorge, Bildung und Sozialwesen. Sie wird vom Staat eingezogen. Die Höhe richtet sich in der Regel nach der Einkommenssteuer.

Fehlende religiöse Sozialisation

Die Bochumer evangelische Theologin Isolde Karle sagte, gerade viele jüngere Menschen seien religiös nicht mehr sozialisiert. "Wenn sie ihren ersten Kirchensteuerbescheid bekommen, treten sie aus, weil sie nicht einsehen, warum sie die Kirche finanzieren sollen."

Raffelhüschen und Karle hielten den beiden Kirchen vor, die falschen Akzente zu setzen, um einem weiteren Mitgliederschwund entgegenzutreten. Die Kirchen verstünden sich "als soziopolitischer Kommentator für aktuelle Ereignisse in den USA und auf dem Mittelmeer" anstatt sich auf ihre theologischen Grundkompetenzen zu konzentrieren, so Raffelhüschen. "Damit verfehlen sie die Lebensrealität vieler Christen in Deutschland."

Weiterer Anstieg der Austrittszahlen infolge der Corona-Krise erwartet

Karle sagte, sie rechne mit einem weiteren Anstieg der Austrittszahlen infolge der Corona-Krise. Hier seien die Kirchen zu wenig sichtbar gewesen. "In einer säkularen Gesellschaft fehlt das Gefühl dafür, was es bei Menschen anrichtet, wenn ein Mensch allein sterben muss, wenn ein Toter nicht noch mal gesehen werden darf, wenn eine Beerdigung nur mit sehr wenigen Leuten begangen werden darf", erläuterte die evangelische Theologin. "Da hätte ich mir gewünscht, dass Kirche sich lauter positioniert und darauf hingewiesen hätte, wie elementar es ist, die Sterbenden und Trauernden nicht alleinzulassen."

Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes Kantar für die "Bild am Sonntag" sind 52 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Kirchen eine wichtige Stimme in der Gesellschaft sind; 32 Prozent finden den Mitgliederschwund bedrohlich. Die evangelische Kirche halten demnach 46 Prozent für nicht zeitgemäß, bei der katholischen Kirche liegt dieser Wert bei 86 Prozent.

(KNA)

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