Martin Aufmuth und ein Kind mit einer Ein-Dollar-Brille
Martin Aufmuth und ein Kind mit einer Ein-Dollar-Brille

23.06.2020

Hilfsprojekt versorgt die Ärmsten mit Brillen Die Gläser, die die Welt bedeuten

Brille oder Kontaktlinsen tragen und scharf sehen: für die einen selbstverständlich, für die anderen ein unerreichbares Ziel. Der Verein "EinDollarBrille" stellt Brillen für die Ärmsten her. Und verändert Leben.

Um die Welt zu retten, braucht es manchmal weder Cape noch Superkraft. Etwas Draht und zwei Kunststoffgläser können bereits einen gewaltigen Unterschied machen im kleinen Kosmos eines Individuums. Mit diesen beiden Komponenten stellt der Verein "EinDollarBrille" Sehhilfen für Menschen in Entwicklungsländern her, die sich keine Brille leisten können. Die Materialkosten: knapp ein US-Dollar.

Eine Sehschwäche kann für Menschen weitreichende Konsequenzen haben. "Eine Näherin, die ihren Faden nicht mehr in die Nadel einfädeln kann, kann diese Arbeit nicht mehr machen", erläutert Claudia Wittwer, ehrenamtliche Pressesprecherin beim Verein "EinDollarBrille". "In Malawi sitzen in einer Schulklasse teilweise 100 Kinder oder mehr, das Unterrichtsmedium ist die Tafel - wer nichts ablesen kann, fällt zurück und hat weniger Perspektiven."

Etwa 950 Millionen Menschen können sich eine benötigte Brille nicht leisten

Obwohl gutes Sehen also essenziell ist für das Überleben und die Zukunft von Menschen, spielt das Thema in vielen Entwicklungsländern keine große Rolle. Dabei könne schlechtes Augenlicht sogar die Existenz von Menschen bedrohen, so Wittwer. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge brauchen circa 950 Millionen Menschen eine Brille, können sich diese aber nicht leisten.

Seit 2012 ist der Verein aktiv und inzwischen in acht Ländern vertreten, darunter Burkina Faso und Malawi in Afrika, aber auch Bolivien und Brasilien in Lateinamerika. Auch im Bundesstaat Odisha in Indien gibt es die Brillen. Bis Ende vergangenen Jahres konnte das Projekt rund als 256.000 Menschen mit einer Sehhilfe ausstatten.

Günstige Sehhilfe für "raue Bedingungen"

Die Idee für das Projekt stammt von Martin Aufmuth, dem Vereinsgründer. Zwei Jahre lang tüftelte er im eigenen Keller, entwickelte sein Konzept und experimentierte mit Materialien. Schnell war ihm klar: Es braucht mehr als nur günstige Brillen. Sein Ziel: eine umfassende augenoptische Grundversorgung für Menschen in Entwicklungsländern - vom Sehtest über lokale Herstellung von Brillen bis hin zu Ersatzteilen und Reparaturdiensten.

Aber wie erklärt sich der niedrige Preis? Kosten neue Brillengläser hierzulande doch gut und gerne einmal Hunderte Euro beim Optiker. Das Material der Ein-Dollar-Brillen sei hingegen relativ günstig, sagt Wittwer. Draht und einfache Kunststoffgläser, die ein befreundeter Hersteller in China produziert, keine Marketingkosten - ein simples Produkt, dass seinen Zweck erfüllt. Dennoch sind die Brillen der Organisation auf die Verhältnisse in Entwicklungsländern angepasst: bruch- und kratzfeste Kunststoffgläser, flexible Gestelle - die Ein-Dollar-Brille ist für "raue Bedingungen" ausgelegt, wie Wittwer sagt.

Konzept der Ein-Dollar-Brille hat Erfolg

"Trotzdem ist auch die Optik der Brillen nicht unwichtig. Auch in armen Ländern wollen Menschen hübsch aussehen", erklärt die Vereinspressesprecherin. Deswegen lassen sich die Sehhilfen auch mit farbigen Perlen verzieren. Das helfe zusätzlich gegen die immer noch häufige Stigmatisierung von Brillenträgern, so Wittwer. Beratung und Verkauf der Brillen findet in den acht Projektländern in größeren Städten mit viel Laufkundschaft statt. Dort gibt es Brillen mit Gläsern für weit- und kurzsichtige Menschen, aber auch Sonnenbrillen.

Hergestellt werden die Sehhilfen vor Ort in den Entwicklungsländern. Die Brillengestelle entstehen mit Hilfe einer einfachen Biegemaschine. Diese braucht keinen Strom und lässt sich somit auch in ärmeren und ländlichen Regionen einsetzen. Rund 220 Arbeitsplätze hat das Projekt so geschaffen. "Der Mangel an augenoptischer Grundversorgung in Entwicklungsländern liegt auch daran, dass es wenig Fachkräfte gibt", sagt Wittwer. "Das gehen wir mit einer einjährigen, abgespeckten Optikerausbildung an. Damit wollen wir zumindest dazu beitragen, die bestehende Lücke langfristig zu füllen."

Dass das Konzept der Ein-Dollar-Brille Erfolg hat, überrascht Wittwer nicht. Seit der Gründung ist die Organisation von Martin Aufmuth stark gewachsen. Die Nachricht von den Brillen für die Armen verbreitet sich durch Multiplikatoren und Partner vor Ort, die ausgebildeten Fachkräfte vor Ort bilden wiederum selbst aus. Das Anliegen des Vereins "EinDollarBrille" sei eben sofort verständlich, meint Wittwer. Man müsse sich nur fragen: Wie würde ich selbst leben und arbeiten, wenn ich als Fehlsichtiger keinen Zugang zu einer Brille hätte?

Lisa Konstantinidis
(KNA)

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