Symbolbild Alkoholsucht
Symbolbild Alkoholsucht

26.04.2020

Expertin: Suchtkranke werden in Corona-Krise öfter rückfällig "Abhängigkeiten lassen sich gerade schwerer verbergen"

"Corona-Krise: Deutsche kaufen mehr Alkohol": Schlagzeilen wie diese gibt es immer wieder zu lesen. Doch welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Suchtkranke? "Leider gibt es verstärkt Rückfälle", sagt Suchtexpertin Edith Girstenbrei-Wittling.

KNA: Frau Girstenbrei-Wittling, treibt die Corona-Krise Menschen in die Sucht?

Edith Girstenbrei-Wittling (Leiterin der Augsburger Caritas-Suchtfachambulanz): Aktuelle Pressemeldungen wie "Deutsche kaufen deutlich mehr Schnaps" könnten darauf hindeuten. Kausale Zusammenhänge können aber erst später sicher ausgewertet werden. Klar ist: Die jetzige Situation ist für viele Menschen belastend, sei es wegen der Kontaktbeschränkungen, aus finanziellen Gründen oder wegen des permanenten Zusammenseins auf engem Raum, wo man vielleicht Kinder hüten und gleichzeitig arbeiten muss. Wenn Belastungsgrenzen vielfach überschritten werden und Bewältigungsstrategien fehlen, können Suchtmittel zur Kompensation dienen und zu einem problematischen Konsumverhalten führen.

KNA: Welche Folgen hat die Corona-Krise für Menschen, die schon vorher suchtkrank waren?

Girstenbrei-Wittling: Einen großen Teil unserer Klienten können wir gut begleiten, aber leider gibt es auch verstärkt Rückfälle, bedingt durch aktuelle Konflikte, Ohnmachts- und Angstgefühle. Betroffene können derzeit erlernte Alternativ-Strategien wie den Gang ins Sportstudio oder zu Selbsthilfegruppen nicht anwenden. Hinzu kommt: Abhängigkeiten lassen sich gerade schwerer verbergen. Es melden sich bei uns nun öfter Menschen wegen eines Suchtproblems in der Familie, von dem sie bisher nichts wussten oder das sie bislang verdrängen konnten - was sich wegen der Ausgangsbeschränkungen geändert hat. Die Corona-Folgen sind überdies je nach Abhängigkeit unterschiedlich.

KNA: Was heißt das?

Girstenbrei-Wittling: Menschen, die mediensüchtig sind, die also zum Beispiel ständig Computerspiele spielen, wollen wir ja zum Aufbau sozialer Kontakte animieren und dazu, die Wohnung verlassen. Diese Bemühungen werden durch die gegebene Situation natürlich torpediert. Glücksspiel-Abhängige hingegen können derzeit keine Spielhallen besuchen. Für Einzelne kann das befreiend und entlastend wirken.

KNA: Wie hat sich Ihre Beratung durch die Krise verändert?

Girstenbrei-Wittling: Der persönliche Klientenkontakt ist weggefallen, wir beraten nur noch telefonisch, per Post und online. Das klappt auch überraschend gut. Ein großes Manko ist jedoch, dass die Gruppentreffen zum Austausch der Betroffenen untereinander nicht mehr stattfinden können. Diese Treffen sind sehr wichtig zur Stabilisierung. Denn dabei wird den Suchtkranken Solidarität, Zuspruch und Wertschätzung zuteil, sie machen also positive Beziehungserfahrungen. Das ist für den Weg aus der Sucht nicht zu unterschätzen, da deren Ursache oft in negativen Beziehungserfahrungen begründet ist.

KNA: Aber abgesehen davon können Sie am Hörer genauso gut beraten wie von Angesicht zu Angesicht?

Girstenbrei-Wittling: Die Qualität der Telefonberatung ist sehr gut, kann aber die direkte Beratung nicht komplett ersetzen. Persönliche Kontakte erleichtern den Beziehungsaufbau zu neuen Klienten sowie Kriseninterventionen. Am Telefon kann ich auch Mimik, Gestik und Aussehen nicht zur Situationseinschätzung hinzuziehen, Probleme können dadurch beispielsweise verharmlost werden. Auch Sprachbarrieren sind im unmittelbaren Kontakt leichter zu lösen. Dasselbe gilt für Therapievermittlungen, die einiger Unterschriften bedürfen. Immer wieder Briefe hin und her schicken und länger auf eine Klinikaufnahme warten zu müssen, kann Klienten abschrecken.

KNA: Hat denn die Suchtberatung auf Distanz auch Vorteile?

Girstenbrei-Wittling: Ja, sie bietet beiden Seiten eine höhere Flexibilität. Dadurch, dass etwa Fahrzeiten wegfallen, sind die Teilnahmehürden geringer und auch kürzere Gesprächsintervalle möglich.

KNA: Welche Lehren ziehen Sie aus den aktuellen Erfahrungen für die Zukunft der Suchtberatung?

Girstenbrei-Wittling: Die Digitalisierung sollte forciert werden. Wir brauchen eine bessere technische Ausstattung etwa für Videotelefonie und verlässliche Möglichkeiten der verschlüsselten und datenschutzgemäßen Kommunikation. Darüber hinaus ist für mich eine durchaus erstaunliche Erkenntnis, dass viele unserer Klienten mit der widrigen Lage gut umgehen können - sie haben anscheinend in ihrer schwierigen Vergangenheit entsprechende Ressourcen für Krisenzeiten entwickelt.

Das Interview führte Christopher Beschnitt.

Zur Seite der Suchtberatung im Erzbistum Köln kommen Sie hier.

(KNA)

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