Fridays for Future: Aufschrift auf einer Tasche
Fridays for Future: Aufschrift auf einer Tasche
Zukunftsforscher Horst Opaschowski
Zukunftsforscher Horst Opaschowski

27.03.2020

Zukunftsforscher blickt auf die gesellschaftliche Entwicklung in der Corona-Krise "Aus Gottesgläubigen können auch Sinnsucher werden"

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski geht davon aus, dass sich aus der Corona-Krise auch gesellschaftliche Veränderungen ergeben. Ein Gewinner des Umdenkens könnte die "Fridays for Future"-Bewegung sein.

DOMRADIO.DE: Warum gehen Sie davon aus, dass die "Fridays for Future"-Bewegung gestärkt aus der Corona-Krise kommen wird?

Prof. Horst Opaschowski (Zukunftswissenschaftler, Publizist und Berater für Politik und Wirtschaft): Die Bewegung hat ja viel erreicht. Sie macht jetzt in der Krise gerade eine Pause – eine kreative, eine demonstrative Pause. Aber die Idee, der Gedanke, die Bewegung ist nicht am Ende – ganz im Gegenteil. Ich glaube, sie wird sich vom Kopf auf die Beine stellen.

Bisher war die Bewegung ja auch noch zu sehr verkopft. Es war eine Schüler-, beinahe hätte ich gesagt, auch eine Studentenbewegung. Jetzt muss die Umweltbewegung zu einer Herzenssache werden. Ich glaube, dass es auch gelingt, weil insbesondere die Jüngeren die Fähigkeit haben, die Älteren mitzuziehen und zu begeistern. Das ist die große Zukunftschance.

DOMRADIO.DE: Man lernt ja auch gerade wirklich: Es geht ohne Fliegen zum Beispiel. Man kann auf Dinge verzichten, wenn man möchte. Heißt das, Sie sehen da so einen regelrechten Wertewandel, den die Generation gerade durchmacht?

Opaschowski: Der Wertewandel findet ja schon lange statt. Die jungen Leute müssen und wollen ja auch erkennen, dass man nicht alles im Leben kaufen kann und dass insbesondere jetzt, gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise, Gesundheit, Umwelt und Natur hohe Güter sind, die es zu erhalten gilt. Aus diesem Grunde glaube ich, dass die Umweltbewegung ihren Höhepunkt eigentlich noch vor sich hat, genauso wie dieser Zusammenhalt der Menschen, der die Menschen im Innersten ein wenig verändert.

Ich kann also als Empiriker der Forschung feststellen, wie die spontane Hilfsbereitschaft zunimmt: In den Wünschen, aber auch im Tun – die Menschen tragen auch mehr soziale Verantwortung. Es ist auch interessant, dass derzeit genau so viele Menschen sagen, sie seien glücklich, wie auch Menschen sagen: Sie sind für andere da. Das hat es in dieser Form so noch nicht gegeben. Das hat die Umweltbewegung ausgelöst, aber auch die aktuelle Krise.

DOMRADIO.DE: Das heißt, wir verwandeln uns hin zu einer Selbsthilfe-Gesellschaft. Was kann das alles denn konkret heißen? Glauben Sie, Ungerechtigkeiten werden tatsächlich jetzt schneller angegangen? Zum Beispiel, was die schlechte Bezahlung von Pflegekräften angeht oder von Menschen, die gerade im Einzelhandel alles am Laufen halten?

Opaschowski: Nein, diese großen Helfer haben ihre große Stunde noch vor sich, und das wird auch höchste Eisenbahn. Wir merken, worauf wir angewiesen sind, eben nicht nur auf die Fähigkeiten der Manager, sondern auch aller anderen, die um uns herum sind und die uns helfen. Das ist natürlich in erster Linie die Familie. Gestern schrieb mir einer: Was machen Sie eigentlich mit Menschen ohne Familie? Auch daran muss man denken, dass viele versäumt haben, eine Familie zu gründen, oder es nicht hat sein sollen – die stehen dann im höheren Alter alleine da.

Ich glaube, man wird nach der Krise auch im Zusammenhang mit der Umweltbewegung hören, man wird fast ausrufen – ich rede ja mit dem DOMRADIO: Lasst uns eine neue Arche Noah bauen. Also, lasst uns neu beginnen. Ich glaube, Gesundheit, Natur und Umwelt, das wird fast wie eine zweite Religion. Diese Bereiche nehmen fast die Form einer Kirche an. Also aus Gottesgläubigen können auch Sinnsucher werden.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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